«Ich gehe aufrecht»

Hat er wirklich die Entlassung einer anderen Angestellten verlangt? Was hat er an den Strukturen im Haus zu kritisieren? Interview mit Cihan Inan, dem scheidenden Schauspieldirektor des Berner Stadttheaters.

«Der Stiftungsrat hätte die Problematik früher angehen und die Strukturen klären müssen»: Cihan Inan.

«Der Stiftungsrat hätte die Problematik früher angehen und die Strukturen klären müssen»: Cihan Inan. Bild: Adrian Moser

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Es ist schon zwei Wochen her, seit Sie entschieden haben, Ihren Vertrag als Schauspielchef bei Konzert Theater Bern (KTB) nicht über 2019 hinaus zu verlängern. Warum sind Sie erst jetzt zu diesem Interview bereit?
Ich wollte abwarten, bis sich die Wogen geglättet haben. Und mich aus Spekulationen heraushalten.

Also: Warum werden Sie KTB nach nur zwei Saisons wieder verlassen?
Das war kein spontaner Entscheid. Ich wäre gerne geblieben und hätte die Aufbauarbeit mit dem Ensemble gerne weitergeführt. Wir haben über Monate hinweg diskutiert, im Leitungsteam und mit Stiftungsratspräsident Marcel Brülhart. Nur am Schluss ging es dann zügig - das war auch für mich überraschend, weil ich bis zuletzt gehofft hatte, dass es eine Lösung geben würde.

Eine Lösung wofür?
Es geht um Organisationsstrukturen, die meiner Meinung nach transparenter sein könnten. Für mich gibt es zu viele Abläufe, die unklar sind, aber klar sein sollten. Ich kann ja in diesem Haus über alles Mögliche sehr offen reden. Auf abschliessende Entscheide hat das aber leider oft keinen Einfluss.

Sie meinen die Entscheide von Sophie-Thérèse Krempl, die die Kommunikation bei KTB leitet?
Dazu sage ich nichts.

In der Mitteilung von KTB war die Rede von einer Bedingung, die Sie gestellt hätten - worauf schnell klar wurde, dass damit eine Kündigung gemeint war: jene von Krempl.
So stand es in der Mitteilung des Hauses. In meiner eigenen war von den Organisationsstrukturen die Rede. Eine Entlassung war für mich kein Thema.

Dann haben Sie gar keine solche Bedingung gestellt?
Das ist eine Frage der Interpretation. Ich würde es nie so formulieren, und ich habe es auch nicht so formuliert. Ich sprach vom System, das ich verbessern wollte.

Aber es gab den Konflikt zwischen Ihnen und Krempl.
Auch dazu sage ich nichts.

Wieso nicht?
Weil ich als Angestellter Diskretions- und Loyalitätspflichten habe.

Bekannt ist, dass Krempl ihren Posten als leitende Dramaturgin aufgab und aus dem Schauspiel in die Leitung der Kommunikation wechselte.
Das geschah auf meinen Wunsch hin. Einerseits ist Sophie-Thérèse Krempl wie ich Teil der Geschäftsleitung, andererseits war sie mir unterstellt - das gab automatisch strukturelle Probleme. Die haben wir aber erkannt und schnell geklärt.

Aber es gab offenbar anhaltende Probleme.
Ja. Und zwar eben auf der Ebene der Organisationsstrukturen. Die haben auch die inhaltliche Arbeit beeinflusst, und das ist das Problematische.

Es gab also Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit der Kommunikationsabteilung, die den Auftritt Ihres Schauspiels bestimmt?
Nochmals kein Kommentar, tut mir leid. Aber ich kann sagen: Effizienz ist entscheidend für mich. Wenn es dauerhaft zu Reibungen kommt, verschleudert man Energie. Ich widme mich lieber den kreativen Aufgaben und der Arbeit mit dem Ensemble statt der Bürokratie und Fragen von Entscheidkompetenzen. Es darf in der täglichen, kleinteiligen Arbeit keine solchen Haken geben. Sonst bildet sich ein Riss in der Mauer.

Warum Sie deshalb die Kündigung einer Mitarbeiterin gefordert haben sollen, versteht trotzdem niemand.
Das habe ich nicht verlangt. Denn so entspricht es dem Kern des Problems nicht.

Ihre knappe offizielle Stellungnahme war auch nicht unbedingt klärend.
Ich finde schon. Es stand ja darin: Wenn ich zwei Jahre dransetzen soll und verlängere, dann muss sich etwas ändern.

Aber Ihnen musste doch klar sein, dass Sie sich mit einer «Bedingung», wie sie kommuniziert wurde, öffentlich unmöglich machen.
Die Formulierung kam nicht von mir. Mir war wichtig herauszufinden, unter welchen Umständen es noch gesund ist für mich, so weiterzuarbeiten. Und ich habe mir gesagt: Wenn der Stiftungsrat das Problem angeht, mache ich weiter. Und wenn er es nicht tut, dann verlängere ich meinen Vertrag eben nicht - und das ist auch okay. Vielleicht ist es arrogant, vielleicht auch naiv, aber ich möchte ein Klima, in dem ich gerne arbeite. Es mag andere geben, die solche Probleme in Kauf nehmen können. Ich kann das nicht.

Hatten Sie zu wenig Geduld?
Bestimmt nicht. Man kennt mich für meine Geduld. Inklusive der Vorbereitungszeit ab September 2016 arbeite ich nun neunzehn Monate hier, und ich habe das Problem schon sehr früh benannt.

Hätten Sie nicht wissen müssen, worauf Sie sich einlassen? Ein Stadttheater ist ein Apparat, der funktioniert nicht ganz unbürokratisch.
Bürokratie an und für sich ist kein Problem. Es gab eine gewisse Form der Zusammenarbeit, die nicht funktioniert hat, das ist der Punkt.

Was wollen Sie denn mit diesem Interview erreichen?
Erstens will ich mich nun auch selber äussern, nachdem sich der Stiftungsrat und der Intendant bereits geäussert haben. Zweitens ist es mir wichtig, dass in Bern ein tolles Ensemble entstanden ist, dessen Kraft und Intelligenz ich sehr schätze. Darum bin ich auch froh über die Zusicherung von Intendant Stephan Märki, dass die Schauspieler auch über meine Zeit hinaus bleiben können. Und drittens will ich mich vom Klatsch entfernen, der so schnell angefangen hat.

Sie meinen die «Liaison» zwischen dem Intendanten und der Kommunikationschefin? Stephan Märki hat sie als reines Gerücht bezeichnet.
Eben diese Diskussion interessiert mich wirklich nicht. Es kann ja jeder machen, was er will. Es geht um die Professionalität der ganzen Arbeitssituation, die mir gefehlt hat. Das habe ich dem Stiftungsrat detailliert und nachvollziehbar auseinandergesetzt, weil ich wollte, dass sich etwas ändert. Ich habe das bis zuletzt versucht. Mit meiner Art, der Inan-Art.

Was ist das für eine Art?
Ich bin ein Gastarbeiterkind, und das heisst: Man ist höflich, leicht unterwürfig, man hört immer zu, aber wenn es sein muss, dann sagt man klar: Es stimmt vielleicht nicht ganz, was Sie da sagen, man könnte das auch anders machen. Das ist meine freundliche Penetranz. Und vor allem ist man ehrlich. Ich bin aufrecht gekommen, und ich gehe auch aufrecht.

Nach aller Kritik: Was wäre denn Ihr Vorschlag gewesen?
Der Stiftungsrat hätte die Problematik früher ernst nehmen und die Strukturen besser klären müssen.

Laut dem Stiftungsrat hat man «sehr viel probiert», um Sie zu halten. Ausserdem hört man, Sie hätten eine sehr weit gehende Autonomie für die Schauspielsparte angeboten bekommen. Warum hat Ihnen das nicht genügt?
Ich habe es mir genau überlegt. Aber ich wollte keine Abspaltung meiner Sparte vom Haus. Etwas komplett Neues zu schaffen, nur weil es bei einer Zusammenarbeit Mängel gibt - das ist doch Unsinn. Das hätte mehr Kosten und mehr Arbeit bedeutet. Für den künftigen Intendanten ist die Idee eines autonomen Schauspielhauses vielleicht interessant. In meiner Situation aber stünde dann Cihan Inan gegen das Haus. Doch ich will ja mit dem Haus arbeiten.

Die Nichtverlängerung eines Vertrags ist ja noch keine Affäre. Doch das Schauspiel hatte in den letzten sechs Jahren nicht weniger als vier Leiter, und schon der Konflikt Ihrer Vorgängerin Stephanie Gräve mit dem Intendanten hat die Frage aufgeworfen, welche Kompetenzen die Spartenleitung im Gesamtbetrieb hat.
Ich hatte persönlich keine Probleme mit dem Intendanten. Stephan Märki hat mir künstlerisch freie Hand gelassen.

Das Ensemble hat sich einstimmig hinter Sie gestellt, als es sich Anfang April beim Stiftungsrat für die Verlängerung Ihres Vertrags aussprach.
Davon habe ich damals nichts erfahren.

Tatsächlich?
Ich habe nichts von diesem Schritt gewusst. Vielleicht war es falsch, dass ich die Diskussion nicht von Anfang auch mit dem Ensemble geführt habe. Aber ich habe mich an die bestehenden Dienstwege gehalten, die schienen mir richtig.

Und woher kommt die Einmütigkeit des Ensembles? Die scheint uns neu.
Vielleicht hat sie etwas damit zu tun, wie ich mit den Schauspielern gearbeitet habe. Als ich kam, gab es ein Misstrauen, innen wie nach aussen, und das war auch nicht erstaunlich nach allem, was vorher passiert war. Alle haben ihre Erfahrungen mit Gunst und Missgunst gemacht. Aber ich wollte von diesen Vorgeschichten nichts wissen, ich wollte Vertrauen schaffen, alle gleich behandeln und auf ihre Wünsche und Pläne eingehen. Ich glaube, das hat funktioniert. Wir haben es für die Saison 2018/19 hinbekommen, dass sechs Männer Regie führen - und gleich viele Frauen. Auch im Ensemble sind es nun halbe-halbe. Das war mein Ziel, und es freut mich, das geschafft zu haben.

Umso mehr muss sich das Ensemble im Stich gelassen vorkommen, nach Ihrem Entscheid.
Entsprechend tut es mir leid. Es gibt sicher viele, die enttäuscht sind, dass ich das sogenannte Angebot nicht angenommen habe. Zugleich sind die Schauspieler bestimmt sensibel genug und haben schon länger gespürt, dass nicht alles rund läuft. Ich bin ja auch selber enttäuscht.

In einer Stellungnahme zu einem NZZ-Artikel hat das Ensemble von «Angst und Unsicherheit» im Haus gesprochen: Es brauche «stabile Arbeitsbedingungen», um künstlerisch etwas wagen zu können. Wie kommt man zu diesen Bedingungen?
Stephan Märki hat angekündigt, das Schauspiel in den Spielzeiten 2019/20 und 2020/21 zu führen. Und entscheidend ist seine Zusage, dass er keinem Schauspieler kündigen wird. Das Ensemble ist sehr gut aufgestellt, es soll so weiterarbeiten können.

Und Sie selber? Sie haben noch eine Spielzeit vor sich.
Das ist gar kein Problem. Alle wollen, dass sie gut wird.

Sie werden in den gleichen «Strukturen» arbeiten, die für Sie untragbar geworden sind.
Auch da sehe ich kein Problem. Ich will es aber nicht unter den gleichen Verhältnissen noch zwei weitere Spielzeiten machen müssen.

Das Schauspiel hat in der laufenden Saison stark Zuschauer verloren. Wie erklären Sie sich das?
Es ist meine erste Spielzeit, da geht man sowieso von einem Minus aus. Man macht viele Fehler, etwa wenn es um die Frage geht, wann und wie häufig man eine Produktion ansetzt. Wirtschaftlich denken kann man erst in der Planung für die zweite Saison. Sie wird viel besser laufen und für mich der Massstab sein. Stephan Märki hat mich ja nicht geholt, damit ich von Anfang schwarze Zahlen schreibe. Sondern um Dinge auf die Bühne zu bringen, die mit Bern zu tun haben.

Jedes Stadttheater sagt mittlerweile, es mache «Theater für die Stadt».
Es bringt nichts, in Bern Theater für Berlin zu machen. Man macht es für die Leute hier, und die Berner haben ein grosses Interesse am Theater. Ich wollte auch herausfinden, wie man ein Publikum ins Stadttheater bekommt, das sonst eher im Schlachthaus oder im Tojo verkehrt. Mit «Coco» ist uns das wahrscheinlich gelungen.

Einladungen ans Theatertreffen in Berlin bekommt man mit dem ausgeprägten Bern-Bezug, den Sie praktizieren, allerdings nicht.
Am Theatertreffen geht es oft ums bessere Lobbying und nicht unbedingt ums bessere Stück. Aber das ist meine persönliche Meinung. Berlin interessiert mich tatsächlich weniger als Bern. Ich habe hier studiert, und es gibt hier so viele Leute, die mir Projekte vorschlagen.

Sind Ihre Bekanntschaften die Basis Ihres Spielplans?
Ich profitiere sehr viel davon. Genauso wie von den Kräften der freien Szene. Der «Elefant von Murten» wurde schon vor zwei Jahren an mich herangetragen. Das Stück realisiert nun nächste Spielzeit die freie Gruppe Vorort, nachdem sie schon «Krabat» gemacht hat. Das Zirkus- und Eventartige ihres Ansatzes bereichert uns sehr.

Sie selber kommen vom Film. Was nützt das Kino dem Theater?
Ich inszeniere kommende Saison «Beresina» nach dem Film von Daniel Schmid. Die Satire dreht sich um Politik und Lobbying in der Bundesstadt, und sie trifft mit dem Thema des Machtmissbrauchs auch die aktuellen Fragen der MeToo-Debatte.

Ist das Kino nur ein Kanal für den Import von Stoffen? Oder bringt es der Bühne auch ästhetisch etwas?
Theater muss etwas anderes sein als Kino. Ich glaube an die Mechanik der Bewegung, an die Mechanik der Bühne, und wenn ich inszeniere, dann will ich keine Videos, keine zusätzliche mediale Ebene, keine filmische Ästhetik. Ich mache auch Filme, aber nicht auf der Bühne.

Und was machen Sie 2019, nach Ihrer letzten Spielzeit?
Ich habe meine Projekte als Filmregisseur, und die ziehe ich nun vor. «Zone Rouge» ist fertig und startet bald in den internationalen Festivalzirkus. Zugleich geht es an die Finanzierung zweier Projekte, zu denen ich die Idee beziehungsweise das Drehbuch geliefert habe. Das eine ist der Psychothriller «Family Weekend». Das andere «Leopard», ein Biopic über den Zürcher Hans-Ulrich Lenzlinger, der in den 1970er-Jahren unter anderem als DDR-Fluchthelfer für Aufsehen sorgte. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 06:57 Uhr

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