«Ich empfehle ausdrücklich Teams für die Leitung von Theatern»

Rollen werden gegen Sex vergeben, Übergriffe sind nicht selten: Theaterforscher Thomas Schmidt schockt mit einer Studie die Szene.

So geht Nacktheit auf der Bühne: Performerin Doris Uhlich arbeitet stets mit dem nackten Leib wie hier in «Tank». In Workshops lehrt sie den respektvollen Umgang damit. Foto: Axel Lambrette

So geht Nacktheit auf der Bühne: Performerin Doris Uhlich arbeitet stets mit dem nackten Leib wie hier in «Tank». In Workshops lehrt sie den respektvollen Umgang damit. Foto: Axel Lambrette

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Rund 2000 Theatermitarbeitende wirkten an Ihrer eben erschienenen Studie «Macht und Struktur im Theater» mit. 55 Prozent berichten da von Machtmissbrauch, beim rein künstlerischen Personal gar 62 Prozent. Wieso ist das noch so virulent?
Ich war selbst erstaunt. Dass ich überhaupt zwei Bücher zum System Theater schrieb, liegt ja daran, dass ich seinen Reformbedarf von innen kenne. Meine Arbeit hat mich enorm sensibilisiert für Fragen des Machtmissbrauchs. Trotzdem hätte ich nicht mit solchen Zahlen gerechnet.

Wie erklären Sie sie?
Mit dem überholten Intendantenmodell: Ein alleinverantwortlicher Künstler-Fürst kann doch kein Führungskonzept für einen modernen Betrieb sein! Die Leichtigkeit, mit der sich da die Macht ins Grenzenlose ausdehnen lässt, ist eine zu grosse Verlockung, und es kann sich keine angstfreie Arbeitsatmosphäre entwickeln. Selbst bei Intendanten ohne Machtmissbrauch – der Mehrheit – ist die Rolle des Alleinherrschers schlicht eine Überforderung.

Wieso?
Weil einer allein gar nicht so viel Wissen hat, um alle Theaterbereiche abzudecken, und oft in seiner Blase lebt. Statt Offenheit für junge, weibliche und diverse Kräfte führt die Betriebsblindheit des regieführenden Intendanten zur Förderung der immer gleichen Künstler. Ich empfehle deshalb ausdrücklich Teams für die Leitung von Theatern. Es braucht, je nach Betriebsgrösse, mindestens 3 bis maximal 7 Personen. Zudem halte ich viel von einer Management-Ausbildung mit Fokus auf Mitarbeiterführung als Voraussetzung für ein Leitungsamt; und von psychologischen Assessments vorab.

«Wir brauchen eine Frauenquote!»

Psycho-Assessments für Theaterleiter?
Das wäre sehr nützlich. Oft fehlt ihnen die Demut, sich als erste Diener des Theaters zu sehen. 2005 hatte ich ein Assessment bei der Bewerbung für die Stelle als Kaufmännischer Direktor des Schauspielhauses Zürich. Das fand ich total sinnvoll. Weil dann die Professur kam, lehnte ich die Stelle ab. Aber das Prinzip ist richtig. Wovon ich inzwischen auch überzeugt bin: Wir brauchen eine Frauenquote!

Selbst manche Frauen lehnen das ab.
Und Frauen in Findungskommissionen wählen oft weisse Männer. Wir haben ein klares Defizit bei den Autorinnen, Regisseurinnen, Leitungen, in Findungskommissionen: Nur eine Quote bringt da Veränderung. Auch die grosse Mehrheit der sexuellen Übergriffe – von denen knapp 10 Prozent der Theatermitarbeiter berichten – wird von Männern, oft Regisseuren und Intendanten, verübt. Nicht selten werden auch Deals angeboten: etwa eine Rolle oder Gagenerhöhung gegen Sex. Unabhängige Ombudsstellen sind bitter nötig.

In der Schweiz wurde jetzt ein neuer Verhaltenskodex verbreitet.
Das ist an sich gut. Dem Kodex – der mir vorliegt – fehlt jedoch die Selbstverpflichtung aller Leitenden, stets einem ethischen Arbeitsmodell zu folgen, auch dann, wenn dies künstlerische Fragen berührt. Auch fehlt der Ausschluss von Nepotismus und Begünstigung nahestehender Personen. In Bern wurde das Theater durch solches Verhalten über Jahre hinaus beschädigt. Gelernt hat man dort dennoch nichts, es ist wieder ein weisser Mann als Einzelleiter gewählt worden.

«Man hat auch in der Schweiz ein brennendes Strukturproblem.»

Sind Ihre Erkenntnisse auf die Schweiz übertragbar?
Ich untersuchte zwar in Deutschland, bekam aber auch Feedback aus der Schweiz, zumal ich dort diverse Bühnen beraten habe und derzeit Mentor der drei designierten Gessnerallee-Chefinnen bin. So kann ich sagen: Die Problematik des Machtmissbrauchs ist in der Schweiz nicht ganz so ausgeprägt, weil die Künstler finanziell besser aufgestellt und weniger ausgeliefert sind; aber Übergriffe und Druck gibts trotzdem.

Woran haperts?
Das Intendantenmodell ist ein Unding, man hat damit auch in der Schweiz ein brennendes Strukturproblem. Es ist zwar alles überschaubarer, doch gerade weil die Szene so klein ist, halten Opfer oft lieber den Mund. Die alte Fürsorgepflicht des Arbeitgebers reicht da bei weitem nicht aus. Zu den Grundbedürfnissen von Individuen kommen heute etwa die nach Partizipation, Genderparität und Begründung von Entscheidungen hinzu.


In der Tat gibt es auch in der Schweiz Missbräuche, und Jungschauspielerinnen sind besonders verletzlich sind. Bei uns kommt ein Opfer zu Wort.

Diese junge Schauspielerin berichtet hier von einem Casting, das aus dem Ruder lief. Foto: Thomas Egli

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