«Ich benötige kein Geld, um zu sprechen»

Weder Held noch Terrorist: Das palästinensische Gefangenen-Theaterstück von Bashar Murkus schaut nach vorne.

Verlangsamte Parallel-Zeit: Die palästinensischen Gefangenen im Theaterstück «Parallele Zeit» vom Al-Midan-Theater wollen nur eines: Menschen sein.

Verlangsamte Parallel-Zeit: Die palästinensischen Gefangenen im Theaterstück «Parallele Zeit» vom Al-Midan-Theater wollen nur eines: Menschen sein.

(Bild: zvg/Habib Simaan)

Die Anreise aus der nordisraelischen Stadt Haifa war sichtlich ermüdend. Während der palästinensische Jung-Regisseur Bashar Murkus über sein Stück «Parallele Zeit» spricht, weicht aber die Mattheit zunehmend einem scharfen Blick. Denn er hat viel zu erzählen – und viel erwirkt.

Sein Stück «Parallele Zeit» spielt sich innerhalb von israelischen Gefängnismauern ab, wo ein palästinensischer Gefangener für sein Recht auf Fortpflanzung kämpft. In seiner Zelle laufen die Inhaftierten zwar im Uhrzeigersinn, hinken aber der äusseren Zeit hinterher. Murkus betont die menschlichen Aspekte eines Lebens, das weder richtig begonnen noch geendet hat.

«Es geht nicht um einen Kriminellen oder seine Taten. Ich folge weder dem israelischen Narrativ, das die Gefangenen als Terroristen behandelt, noch dem palästinensischen, das sie heroisiert», so Murkus. Denn beide Seiten würden darüber den Menschen dahinter vergessen. Im Stück kämpft der Insasse dafür, ein Mensch zu werden: Er will ein Kind bekommen.

Plötzlich war der Hahn zu

Die Geschichte ist von Walid Daka inspiriert, einem bekannten palästinensischen Ex-Soldaten, den die israelische Regierung des Mordes und des Terrorismus beschuldigt und seit 30 Jahren gefangen hält. Daka durfte zwar inzwischen heiraten, möchte nun aber ein Kind zeugen. Dies ist laut Verfassung untersagt, gilt doch insbesondere bei palästinensischen Gefangenen jeder Nachkomme als potenzieller Terrorist. Auszüge aus Dakas Briefen an Angehörige und an seinen ungeborenen Sohn arbeitete Murkus ins Stück ein. Er wollte Daka den fertigen Text schicken, welcher allerdings nie im Gefängnisi­nneren ankam.

Die Art, wie Murkus palästinensische Häftlinge in ihrer Menschlichkeit darstellte, rief das israelische Kulturministerium auf den Plan. Als das arabischsprachige Stück mit hebräischen Übertiteln lief, reagierten israelische Rechtskonservative und Faschisten. Ohne eine triftige Begründung wurden der Produktionsstätte, dem Al-Midan-Theater in Haifa, die Subventionen gestrichen.

Die Kulturministerin Mir Regev, die einst als Chefzensorin der Armee agierte, erntete für die Streichung der Gelder von der Tageszeitung «Haaretz» den Vorwurf einer «administrativen Zensur, die speziell die Araber zum Ziel hat und Forderungen von Politikern nach einer Einschränkung der Meinungsäusserungsfreiheit bei kontroversen Themen einschliesst». Bevor das Al-Midan-Theater wieder Geld erhalte, forderte das Ministerium nämlich die Absetzung des Stückes und drohte mit einer staatlichen Beobachtung der zukünftigen Arbeiten.

Wenig überraschend

«Was sollen wir als Künstler in einem Land», fragt der Produktionsleiter Yazid Sadi, «in welchem keine Meinungsfreiheit herrscht?» Wie auch Regisseur Murkus betont er, dass das palästinensische Theater in Israel ein lange Tradition habe und ähnliche Themen auf die Bühnen bringe wie Häuser in Berlin, Paris oder London. Schon die Bezeichnung der palästinensischen Bevölkerungsgruppe als Minderheit kritisieren die Künstler scharf, gehe es dabei der israelischen Regierung doch um einen Kleinschlag der palästinensischen Identität – in den die globale Berichterstattung bedauerlich oft einsteige.

Die Vorfälle am Al-Midan-Theater fanden nun ihrerseits internationale Beachtung. Zahlreiche einflussreiche Zeitungen berichteten über die Gruppe um Murkus, und auch das Schlachthaus-Theater bekundet mit der Einladung des Al-Midan-Theaters seine Solidarität. Die Reaktion des Ministeriums habe ihn nicht sonderlich überrascht, meint Murkus, weil sie als Theaterschaffende eine Macht hätten, welche die Regierung fürchtet. «Wichtig ist, dass die Vorfälle uns erneut vor Augen führen, dass wir uns in einem Zustand der Besatzung befinden. Unsere Identität und unser kulturelles Gedächtnis sind gefährdet.» Das Al-Midan-Theater muss nun einen neuen Weg finden, wenn es nicht auf Geld vom Staat warten will.

Für Murkus selbst ist die Finanzierung zweitrangig. «Ich benötige kein Geld, um zu sprechen. Ich werde es einfach tun.» Mittlerweile hat er erfolgreich andere Wege zur Finanzierung gefunden als staatliche Subventionen. «Auch jüdische Araber werden in Israel zensiert. Aber mir geht es nicht um die Vergangenheit oder die Narrative und auch nicht nur um die Kunst. Es geht um meine Zukunft und um mein Leben.» Schlachthaus-Theater 3. 6. bis 5. 6. um jeweils 20.30 Uhr, 6. 6. um 16 Uhr.

Der Bund

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