Zum Hauptinhalt springen

«Ich arbeite mit der Stoppuhr»

Timing ist alles: Der deutsche Comedian Mario Barth, der überall die Hallen füllt, kommt in die Schweiz. Im Gespräch verrät er, wie er seine Programme vorbereitet.

Der erste Witz ist optischer Art: Erfolgscomedian Mario Barth als Gastgeber einer TV-Show. Foto: TVNOW / Sebastian Drüen
Der erste Witz ist optischer Art: Erfolgscomedian Mario Barth als Gastgeber einer TV-Show. Foto: TVNOW / Sebastian Drüen

Mario Barth, was war eine der witzigeren Fragen, mit denen Sie konfrontiert wurden?

Ein Berufskollege von Ihnen wollte wissen, welches Obst man verbieten sollte.

Und?

Na ja. Ich wusste keine Antwort, weil ich nicht wusste, was das mit mir zu tun hat. Welches Obst würden Sie denn verbieten?

Hm. Spontan fällt mir die Banane ein. Aber ich wüsste nicht mal, warum.

Eben. Warum sollte ich die Banane verbieten, die ist ja auch schön und lecker, die Kinder mögen sie . . .

Aber sie wird in ungünstigen Momenten in Fussballstadien gern geworfen. Wahrscheinlich fiel sie mir deshalb ein.

Ach. Ja, vielleicht deswegen.

Wie haben Sie auf die Frage geantwortet?

Gar nicht. Ich hab sie ignoriert. Darauf kann ich nicht antworten.

Da frage ich Sie, auch sehr originell: Was tragen Sie denn für eine Uhr?

Eine Swatch. Die habe ich allerdings auch schon seit 20 Jahren, und auf der Bühne funktio-niert die hervorragend. Ich bin ja nicht unbedingt so ein Uhren­freak. Aber da Sie ja aus der Schweiz anrufen: Ich trage natürlich ansonsten eine Rolex. Was sonst? (lacht)

Ich frage Sie das ja mit Absicht. Comedy hat ja viel mit Timing zu tun. Was die präzise ­Zeitmessung angeht, sind Sie bestimmt der bessere ­Schweizer als ich.

So weit würde ich nicht gehen, einem Schweizer das zu sagen. Aber Timing ist in der Tat nicht unbedingt eine Stadt in Asien. Das muss man können. Das stimmt. Ich habe die Begabung, dies sehr gut zu können. Und ich gucke mir auch jedes Programm von mir an. Das machen die wenigsten Kollegen. Ich zeichne jede Show auf und schaue sie mir abends im Hotel nochmals an und analysiere sie. Denn vielleicht muss man ja da noch etwas ändern, oder vielleicht stehe ich in einem bestimmten Moment falsch. Es geht um die Perfektion. Und da geht es auch ums Timing.

Geht es da um ­Sekundenbruchteile?

Absolut. Ich muss schon merken, wann das Publikum bereit ist, damit ich weiterreden kann. Schlechtes Timing wäre, wenn das Publikum fertig gelacht und geklatscht hat, alle sind sie wieder ruhig – und dann fange ich wieder an zu reden. Dann wirds langweilig.

Sie müssen vorher wieder einsetzen?

Es ist ganz wichtig, dass man vorher wieder reingeht.

Wenn Sie nach dem Auftritt Ihr eigenes Programm anschauen, sagen Sie sich dann auch mal: Nein. Das ist nicht gut, das nehme ich raus.

Rausnehmen tue ich nichts. Das habe ich ja vorher gemacht, bevor die Leute das Programm überhaupt zu sehen bekommen. Aber ich gucke, dass ich manche Dinge kürzer mache, dass ich umstelle. Es kann aber sein, dass eine Nummer nach einem Jahr auf Tour länger geworden ist, dann ist es möglich, dass ich was rausnehme, weil sonst der Abend drei Stunden dauern würde. Da sind wir wieder beim Timing. Die Menschen haben gelernt, seit Jahren: 45 Minuten und dann eine Pause. Kennt man ja auch vom Fussball.

Ist es wirklich so, dass Sie sich alle Shows nochmals zu Gemüte führen?

Ja, seit 19 Jahren. Das ist keineswegs unnormal. Gegebenenfalls gucken wir uns das mit ein, zwei Crew-Mitgliedern auf dem Laptop an. Dann spule ich manchmal zurück und sage: «Siehste, siehste! Da haben die Leute nicht so gelacht, weil ich mich nach links gedreht habe, und sie konnten meine Mimik gar nicht sehen.» So haben wir auch schon Kamerafehler aufgedeckt.

Bevor Sie eine Stadiontour beginnen, ist also alles ­peinlichst genau ausgeprobt?

Ich arbeite mit der Stoppuhr. Ich mache das seit fast 20 Jahren, und irgendwann hat man eine gewisse Erfahrung. Wenn ich eine Nummer ohne Applaus und Lacher einspreche und dafür fünf Minuten brauche, dann ist sie am Ende mit Anfang und Lacher und Applaus sechseinhalb Minuten lang. Das ist der Klassiker.

Das ist Erfahrung?

Ja. Wenn ich in eine Fernsehshow gehe, und die wollen eine 8-Minuten-Nummer, dann ist die auch nach acht und ein bisschen fertig.

Wenn man vom Journalisten 7000 Zeichen verlangt, dann liefert der das auch ziemlich präzis so ab. Das gehört ­letztlich zur Professionalität.

Genau. Man muss wissen, was ist Anfang, Mittelteil, Ende. Bei Ihnen wie bei mir. Wenn Sie eine Zeitung in die Hand nehmen, sehen Sie wahrscheinlich auch auf einen Blick, wie viele Zeichen ein Artikel hat.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Show schreiben? Wie viel Material verwenden Sie?

Ich schreib etwa das Doppelte.

Haben Sie noch Lampenfieber, wenn Sie auf die Bühne treten?

Ja, aber nach all den Jahren weiss ich, wie ich damit umzugehen habe. Aber es ist schon so, dass jeder Abend was Besonderes ist. Und man weiss ja nie, wie das Publikum ist. Da ist man selber schon aufgeregt.

Kommt es vor, dass Nummern, die in Norddeutschland sechs Minuten dauern, im Süden länger werden?

In der Regel habe ich kein Problem mit Nord/Süd oder Ost/West. Ich hab auch mit der Schweiz kein Problem. Da gibt es ja schon Leute, die sagen, «meine Güte, sind die langsam». Ich glaube einfach, dass der Schweizer an sich etwas entspannter ist, ruhiger, gelassener – aber die kennen mich ja. Wenn Sie sich ne Karte für meine Show kaufen, wissen Sie ja, wer ich bin. Ich geh ja auch nicht zu einem AC/DC-Konzert und sage nachher: «Das war aber sehr laut!» Wenn du ­leise willst, dann musst du in ein A-cappella-Konzert gehen.

Mario Barth kann ja wohl auch gar nicht langsam.

Genau. Die Leute wollen ja mich sehen und nicht eine langsame Version.

Wenn ich eine Birne kaufe, will ich ja auch keinen Apfel.

Richtig. Aber das ist heute so ein komischer Trend, dass jeder alles will und können möchte. Man muss politisch korrekt sein, sozialkritisch, lustig – das geht nicht. Wenn ich politisch korrekt und sozialkritisch bin, bin ich nicht mehr Komiker, sondern Nachrichtensprecher.

Die Leute erwarten Mario Barth und kriegen Mario Barth.

Ganz genau. Wenn ich zum Italiener gehe, erwarte ich ja auch nicht, dass der Sushi anbietet.

Gibt es einen Comedian, den Sie gerne sehen, an dem Sie sich orientieren?

Orientieren tue ich mich nicht. Aber ich bin auch Konsument und ein normaler Mensch. Ich gucke mir gerne lustige Sachen an. Bei der deutschen Comedy finde ich Dieter Nuhr sehr gut und Paul Panzer witzig. Würde ich zum Beispiel ins Kabarett gehen, ginge ich zu Torsten Sträter.

Als Zuschauer hat man oft den Eindruck, dass ihr Comedians aus dem Moment heraus ­agieren. Dabei ist dies bis ins Detail durchorchestriert.

Das hat Loriot schon gemacht. Oder Jerry Lewis. Das kommt so spontan und lustig rüber, nur: Je professioneller, je akribischer du etwas machst, desto leichter und souveräner wirkt es. Man darf das nicht auf die leichte Schulter nehmen. Und die Leute gehen ja nicht alleine weg. Die gehen zu zweit. Sie haben sich einen Babysitter besorgt und sind mit dem Bus oder mit dem Zug ins Stadion gekommen. Vielleicht gingen sie vorher noch was essen. Sie geben für den Abend richtig Geld aus. Wenn ich dann nicht zu 100 Prozent alles gebe, finde ich das ­unfair. Und ich glaube, das merken die Leute.

Vermutlich schon, ja.

Deshalb dauert auch die Karriere von manchen Künstlern nur zwei, drei Jahre. Zwei Jahrzehnte schafft man nur mit guter Qualität. Die Leute gehen zu ­Mario Barth, die erwarten auch Mario Barth. Das ist ähnlich wie bei der Rolex. Du kaufst dir eine Rolex, da machst du dir doch keine Gedanken, ob die geht. Natürlich geht die, ist ja eine Rolex. Es ist mein Anspruch, zu hören, wie die Leute sagen: «Das war ein Superabend!» Das ist das Beste, was mir passieren kann.

Manchmal vergessen wir ­Journalisten, wie viel Präzision Ihr Handwerk erfordert. Wenn diese fehlt, spüren das die Leute.

Das ist es doch. Es geht um den eigenen Anspruch. Ich glaube, wenn man anfängt, dass einem etwas egal wird – egal, was: Pflege der Zähne, Berufsethos –, dann ist dies der Anfang des Verfalls. Ich muss mir selbst gegenüber sagen können: Wenn ich das mache, mache ich es richtig – oder gar nicht.

Auftritt am 29. März im Zürcher Hallenstadion.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch