Höllisch gute Laune im Himmel

Der letztes Jahr verstorbene Arne Nannestad fehlt dem Action Theatre. Aber seinen unendlichen Spass auf Erden treibt seine Partnerin Doraine Green mit «Paradise and will there be WiFi there?» genüsslich weiter.

«Ach, Sie meinten das die ganze Zeit ernst?»: Kornelia Lüdorff, Doraine Green und Irina Schönen (v.l.n.r.) im Elysium.

«Ach, Sie meinten das die ganze Zeit ernst?»: Kornelia Lüdorff, Doraine Green und Irina Schönen (v.l.n.r.) im Elysium.

(Bild: zvg)

Das Paradies bekommt höchstens drei von fünf Sternen. Für eine Nacht geht es in Ordnung, aber längerfristig ist die Musik dort unerträglich schlecht, die Liebe zu unkörperlich - und überhaupt ist es zu bieder und zu voll dort oben, muss Doraine Green als Anabelle vor Ort feststellen. Mit ihrem Action Theatre zeigt sie im neuen Stück «Paradise and is there WiFi there», dass man für Spass und gute Laune auch im Elysium selbst verantwortlich bleibt. Kein Problem für die kosmische Urlauberin: In ihrem Glitzerkostüm ist sie geradezu höllisch gut aufgelegt. Von der Erleuchtung geblendet

Manches will telefonisch noch geregelt werden, doch aus dem Grab einer Verstorbenen meldet sich nur der Anrufbeantworter und verspricht einen Rückruf aus dem hoffentlich nächsten Leben. Nach einem anderen amüsierten Gespräch muss sie sich plötzlich entschuldigen: «Ach, Sie meinten das die ganze Zeit ernst?» Und dann geht nur noch der Computer ran und bittet, die richtige Ziffer für die Sprache der Offenbarung zu wählen, eins für Hebräisch, zwei für Arabisch, drei für Latein.

Ein unsichtbarer Poltergeist wird immer aufsässiger, kitzelt die Himmlischen oder plagt sie mit Fäkal-Humor. Im leicht verständlichen Englisch von Action Theatre wird er «the glare» genannt, was als wütender Blick oder grelle Blendung übersetzt werden kann. So kommt diese Glaubenskomödie in Fahrt, die noch aus der Feder von Greens 2017 verstorbenem Lebens- und Bühnenpartner Arne Nannestad stammt. Er fehlt dem Action Theatre schmerzlich, was dieser ebenso witzige wie andächtige Abend nicht verbergen will. Green spricht ihn von der Bühnenkante aus an und weiss ihn bei sich, so wie der Text unverkennbar an den gebürtigen Norweger in seiner Bestform erinnert.

Dem grossen Humoristen Nannestad, dessen Namen Irina Schönen als Ärztin dauernd falsch buchstabiert, stiftet Green mit dieser Inszenierung ein Fest. Der Text von «Paradise and is there WiFi there?» ist voller Pointen, die auch gegen ihren Autor sticheln, vor allem aber gegen den heutigen Menschen, der sein Fluchtverhalten durch seinen Glauben legitimiert. Egal, von welcher Vorstellung des Weiterlebens er sich blenden lässt - der Wunsch nach einer Rückkehr wäre stärker als die Erlösung. Und erst die Enttäuschungen, die man im Heilsglauben riskiert! Zu Beginn liegen da drei Schlafsäcke. Wie beim Hütchenspiel ist in einem vermutlich etwas drin. Tatsächlich entschlüpft dann Kornelia Lüdorff dem neongrünen Schlafrock. Ihre hocheigene Komik flankiert ein erlesenes Kostüm, eine Mischung aus Karneval, Brautmode und Schulrucksack. Mit rot geschminkten Wangen wirkt sie verlegen bis deplatziert, spätestens wenn sie synchron zu Christoph Martis Stimme spricht und genderfluid gestikuliert.

Diese neue Geschmacklosigkeit

Dass hier nach langer Suche ihr Liebster Henry vor ihr steht, als Frau, lässt Anabelle (Green) vor Schreck unter eines der himmlischen Duvets kriechen. Die grösste Enttäuschung aber ist die neue Geschmacklosigkeit des wiedergeborenen Partners. Auf die alten Filme und Interessen können sich Anabelle und Henry nicht mehr einigen. Auch der gemeinsame Freund Moritz ist mit seiner Wunschreinkarnation als Molekül unzufrieden. Gemeinsam gedeiht der Plan, durch böse Taten wieder auf die Erde zu gelangen; doch Böses will nicht eigenhändig getan werden, also schlägt Anabelle vor, mit der Verbreitung von Glauben sich indirekt zu verschulden.

Unvorhersehbar und wunderbar schief ist die Abfolge der Szenen, plötzlich sitzt Green unter den Zuschauern im Wartezimmer einer Praxis. «Was denen wohl fehlt? Sie sehen ganz gesund aus.» Kreuzworträtselnd fragt sie nach einem anderem Wort für Existentialismus, aber niemand weiss Rat.

In seinem letzten Stück schrieb Nannestad auch über die Krankheit. Nach einem entrückten Schattenspiel stehen Green und Lüdorff als görenhafte Krebszellen auf der Bühne, denen Überdruss und Selbstmitleid dräuen. Sie fantasieren davon, dominiert zu werden, bis Schönen sie als eine «idealistische» Schwester erneut dazu aufhetzt, sich zu vervielfältigen. Indem sie Selfies schiessen. Nannestads unendlichen Spass auf Erden treibt Doraine Green genüsslich weiter. Mit ihrem neu aufgestellten Action Theatre zelebriert sie die Erinnerung, den Jux und das Leben.

Weitere Aufführungen im Tojo-Theater am Samstag, 16. Juni, um 20.30, sowie Sonntag, 17. Juni, um 19 Uhr.

Der Bund

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