Zum Hauptinhalt springen

Hochkultur des Erinnerns

Luk Percevals Inszenierung «Jeder stirbt für sich allein» nach einem Roman von Hans Fallada gastierte im Zürcher Pfauen. Jeder Preis, den das viel gerühmte Stück erhalten hat, ist verdient.

Voller Angst und Schwäche: Gabriela Maria Schmeide (l.) und Daniel Lommatzsch. Foto: Angerer, Krafft
Voller Angst und Schwäche: Gabriela Maria Schmeide (l.) und Daniel Lommatzsch. Foto: Angerer, Krafft

Nun spielen sie wieder. Der belgische Regisseur Luk Perceval hat den ersten deutschen Widerstandsroman aus der Feder eines Autors, der die gesamten zwölf Schreckensjahre in Hitlerdeutschland ausharrte, auf die Bühne geballt – und zwar so, als sei der 700-Seiter von vornherein fürs Stadttheater geschrieben. Zum Beispiel für den Pfauen, wo die erstklassig besetzte Inszenierung jetzt gastierte. Ein grosser Wurf!

Und ein überraschender Wurf: Da wagte einer – im Jahr 2012! – am Thalia Theater in Hamburg vor den Augen der deutschsprachigen Regie- und Performancetheaterwelt eine Art unge­brochenes narratives Literaturtheater – und gewann. Nicht nur das Publikum, sondern auch die Kritik, die über ihre ­Hingerissenheit selbst erstaunt war.

Die Jury von «Theater heute» zeichnete Percevals «Jeder stirbt für sich allein» mit dem Titel «Inszenierung des Jahres» aus (zugegeben, man war sich uneins in der Saison 2012/13); und sie wählte seine Bühnenbildnerin Annette Kurz zur «Bühnenbildnerin des Jahres». Den «Faust 2013 für Regie und Bühne» gab es obendrauf. Das Zürcher Gastspiel im Rahmen der Reihe «Nervous Systems» zeigte, dass die rund viereinhalbstündige Theatererzählung übers kleinbürgerliche Ehepaar Quangel, das in Berlin zwischen 1940 und 1942 hand­geschriebene regimekritische Postkarten verteilte, schliesslich geschnappt und zum Tod verurteilt wurde, noch ­immer vibriert; noch immer berührt.

Schreiben in der Nervenklinik

Hans Fallada hatte sich «Jeder stirbt für sich allein» 1946 in vier manischen Wochen abgerungen – in der Nervenklinik der Berliner Charité. Der Alkoholkranke hatte kein richtiges Zuhause, viele Schulden und eine unbesiegbare Morphiumsucht, aber trotzdem den unbändigen Willen, zu schreiben – und den guten Freund Johannes R. Becher, der ihm einen Teil der Gestapoakten über das hingerichtete Ehepaar Otto und Elise Hampel zugänglich machte. Die Publikation des Buchs 1947 hat Fallada nicht mehr erlebt; er hielt es für «den ersten richtigen Fallada seit ‹Wolf unter Wölfen› (1937)». Er habe sich damit «wieder ­einmal gerettet».

Der Auschwitz-Überlebende Primo Levi wird urteilen, der Roman sei das beste Buch, das je über den deutschen Widerstand verfasst wurde. Und als vor fünf Jahren erstmals eine englische Übersetzung erschien, setzte in Grossbritannien und den USA ein Fallada-Boom ein. Auf Deutsch kam 2011 die erste unzensierte Ausgabe in die Buchläden: Darin sind die anfänglichen Verstrickungen der Helden mit dem Hitlerregime nicht weggeschönt (vom finalen Zerwürfnis der Hampels angesichts der blutigen NS-­Justiz wusste Fallada freilich nichts). Aus ihr haben Luk Perceval und Christina ­Bellingen die Bühnenfassung gebaut.

Das ganze Ensemble, elf Menschen, wuselt im ersten Bild über die Bühne, rund um den Tisch herum, diesen Ort der dramatischen Verdichtung. Später werden sie für erzählerische Soli an die Rampe treten, dann wieder am Tisch kleine Szenen ausagieren, bevor sie hinter der schwarz verkohlten Wand verschwinden: ein Rhythmus wie beim Sprechen, beim Erinnern. An der Wand hat Bühnenbildnerin Kurz viertausend Objekte befestigt: eine andere Form von Erinnerungstheater. Da gibts Haushaltsgegenstände aus den Vierzigern, Töpfe, Uhren, Lampen, das Zeug eben, das bei Bombenangriffen aus den Häusern und auf die Strassen geschleudert wird. Aber alle gehen vorbei, sind mit ihrem ganz privaten Überleben beschäftigt, auch Otto Quangel, Werkmeister in einer Tischlerei, und seine Frau Anna.

18 Karten

Thomas Niehaus und Oda Thormeyer wurden von Ausstatterin Ilse Vandenbussche nach historischen Fotos der Hampels stilisiert, bis hin zur Frisur; und besonders Niehaus’ schwankende Figur mit den starren Zügen, dieser Nazi-Mitläufer mit dem stark entwickelten Pflichtgefühl, der durch seine Mission für die Menschlichkeit auch seinen Narzissmus auslebt, kommt uns ungemütlich nah. Aber «Hauptsache, man widerstand», einigt sich das Ehepaar, als es erfährt, dass der geliebte Sohn «den Heldentod» gestorben ist – in einem Krieg, in den er nie hatte ziehen wollen.

Nach dem Tod des Sohns entschliessen sich Otto und Anna zur Postkartenaktion und werden bis zur Festnahme 276 Karten und 9 Briefe verteilt haben: Aufrufe zur Sabotage in den Rüstungsbetrieben und Klagen im Namen der verwaisten Mütter. Aber nur 18 landen nicht bei der Polizei. «Für 18 hab ich mein Leben gegeben», bilanziert Otto, ohne zu bereuen. Er versteht, denn er hat in den Gesichtern der ­Kartenfinder die Angst gesehen. Bei den Fabrikarbeitern etwa oder der ­ehemaligen Verlobten seines toten ­Sohnes – wie die einstige Kommunistin sich ins traute Heim flüchtet, an ihrer Feigheit verzweifelt und sich nach der Folter durch die Gestapo umbringt, gibt Marie Löcker überzeugend.

Hilflos, wehrlos, voller Angst und Schwäche – das sind sie alle: die alte, versteckte Jüdin von nebenan, die sich aus dem Fenster stürzt; Nichtsnutz Enno (toll tunichtgutig: Daniel Lommatzsch), der sich vor Arbeit und Front drückt und zum Bauernopfer der Polizei wird, oder Denunziant Emil (schmierenkomödiantisch schmierig: Alexander Simon), den sein eigener Sohn verstösst. Die Menschenliebe ist stärker als die Familienliebe und Blut nicht dicker als Anstand: Diese Behauptung stellt das letzte Bild auf, wo eine bessere Mutter Courage mit ihrem Adoptivsohn auf einem Wagen in die Nachkriegswelt zieht.

Davor aber regiert die allzu menschliche Ambivalenz, unsere Ambivalenz: Der eigentliche König der Inszenierung ist André Szymanski als Kommissar, der das Paar jagt. Nie gehorcht er seinen grossen Skrupeln, sondern stets dem grossen Druck der Zeit – und des SS-Obergruppenführers Prall; brillant in dieser Rolle wie in der des Kammergerichtsrats: Barbara Nüsse. Am liebsten riefe man ­ihnen allen zu: Spielts noch einmal!

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch