Herr Winter hockt im Tiefkühlfach

So geht Kinder-Oper: Mareike Zimmermanns «Ritter Odilo und der strenge Herr Winter» begeistert bei der Schweizer Erstaufführung in den Vidmarhallen.

Ein Riesenspass auch für Erwachsene: Wolfgang Resch ist in Personalunion Ritter Odilo, Ross, Prinzessin, Küchenfee Algida und Herr Winter.

Ein Riesenspass auch für Erwachsene: Wolfgang Resch ist in Personalunion Ritter Odilo, Ross, Prinzessin, Küchenfee Algida und Herr Winter. Bild: Annette Boutellier

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Die Kinder wären da, die Oper könnte beginnen. Bloss: Es sieht nicht so aus, als ob da was passiert. Kein Dekor, kein Bühnenlicht, überhaupt nichts Theatralisches. Wenn wenigstens einer da wäre, der das müde Piano in der Ecke erweckt. Wie die Kinder Löcher in die Leere gucken und sich wundern, wann denn das Spiel beginnt, platzt auch noch einer zur Tür herein, der da offensichtlich nichts zu suchen hat.

Auf seiner Sackkarre hat er ein verpacktes Riesending. Ist hier die Konditorei Algida? Nervös nestelt die schicke Chefin des Staplers, der Wolfgang heisst, in den Lieferpapieren zu dem mannshohen Paket, in dem sich ein Kühlschrank verbirgt. «Nein», rufen die Kinder, «hier ist ein Theater.»

Wie recht die Knirpse haben! Wolfgang macht nun tatsächlich Theater. Gleich platzt ihm der Kragen, so genug hat er vom Einladen und Ausladen, vom Schuften und Schleppen. Und vom Herumkommandiert-Werden sowieso. «Ich hab Hunger, ich brauche eine Pause.» Und weil Pause ohne Inhalt öde ist und sonst nichts da, um sich die Zeit zu vertreiben, setzt sich Anne ans Piano.

Wie sie in die Tasten greift und natürlich zufällig eine hervorragende Pianistin ist und Wolfgang ein formidabler Sänger, da realisieren die Kinder wie nah das richtige Leben und Theater sein können und dass sich das eine vom andern nicht immer trennen lässt.

Die wundersame Rittergeschichte (Regie Alexander Kreuselberg) funktioniert mit einfachsten Mitteln. Wolfgang Resch, seines Zeichens Staplerfahrer und Bariton, klappt den Kühlschrank auf und sichtbar wird wie in einem Bilderbuch ein gemaltes Schloss mit Glitzerleuchter, eine Backstube – und ein Tiefkühlfach, in dem Herr Winter hockt.

Es sind Zutaten für ein Märchen, das weniger durch Logik als durch Selbstironie, fantastische Verwandlungen und barocke Arien lebt. Als mutiger Ritter Odilo macht sich Wolfgang Resch auf in den Kampf gegen einen Drachen, was aber leichter gesagt als getan ist. Herr Winter macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Das Ritterross ist erkältet, es hüstelt und schnupft und singt urkomisch im Pferdefalsett. Und der Drache hält wegen der Kälte wie Igel und Haselmäuse einen Winterschlaf. Pech für Odilo, nicht mal ans Handy geht das Monster, als er es zum Kampf aufbieten will.

Sechs Rollen in Personalunion

Wolfgang Resch ist in Personalunion Ritter Odilo, Ross, Prinzessin, Küchenfee Algida und Herr Winter. Ein Riesenspass (auch für Erwachsene) ihm zuzusehen und zuzuhören, wie brillant sich der 25-Jährige verwandelt und zum Beispiel als Küchenfee Algida in der Burgküche Cupcakes bäckt und dabei wie ein singender Dirigent mit der Kelle die Backzutaten in den Teig fuchtelt. Auch sonst gibts viel fantastischen Do-it-yourself-Märchenzauber (Dramaturgie Katja Bury).

Weniger ist hier mehr: Eine Handvoll weisse Fetzchen aus Odilos Hosentasche genügen für einen Schneesturm. Glitzerkonfetti, ein Krönchen und ein bisschen Tüll machen aus ihm im Handumdrehen eine Prinzessin (Bühne Andrea Zurfluh, Kostüme Maya Däster). Der Sänger, den man auf der grossen Opernbühne etwa als Papageno in der «Zauberflöte» oder als Eddy in «Greek» erleben konnte, hat mit seiner burschikosen Natürlichkeit auch vor dem kritischsten Opernpublikum überhaupt, den Kindern, Bestand. Wie er von schockgefrorenen Staccati durch die Frost-Musik (Chorus of the cold people) aus «King Arthur» schlottert, geht den Kindern durch Mark und Bein.

Das dreiviertelstündige Zweipersonenstück (ab 6 Jahren) ist von Autorin Mareike Zimmermann als Klassenzimmer-Oper mit Happy End konzipiert. Was das bedeutet? Konzert Theater Bern geht damit in Berner Schulen, um Kinder für die Oper zu begeistern. Gute Idee: Mit dem feschen Odilo als Galionsfigur müsste das Projekt ein Kinderspiel werden. (Der Bund)

Erstellt: 14.12.2015, 07:29 Uhr

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