Her mit den grossen Menschheitsfragen

In der Stadt ankommen: Das ist das Ziel der neuen Schauspieldirektorin Stephanie Gräve. Dafür intensiviert sie in ihrer ersten Saison auch die Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden.

Die schärfsten Kritiker an Religion und Kirche seien innerhalb der Kirchen auszumachen, sagt Schauspieldirektorin Stephanie Gräve.

Die schärfsten Kritiker an Religion und Kirche seien innerhalb der Kirchen auszumachen, sagt Schauspieldirektorin Stephanie Gräve.

(Bild: Manu Friedrich)

Im Programm von Konzert Theater Bern tauchen überraschende Namen auf: zum Beispiel Rainer Schulze von der Universität Bern. Mit dreissig Berner Mädchen marschierte der Islamwissenschaftler gestern Abend an der Premiere der «Töchter des Danaos» auf die Bühne in den Vidmarhallen und hielt eine Rede. Schulze machte sich seine Gedanken zu Aischylos’ Tragödie, zu den Töchtern, die vor der drohenden Zwangsheirat von Ägypten nach Argos geflohen sind und nun König Pelasgos Schutz vor ihren Verfolgern erwarten und ihn mit ihrer Bitte in eine ziemlich ungemütliche Situation bringen.

Schulze ist nicht die einzige Berner Persönlichkeit, die im griechischen Drama auftritt: An weiteren Vorstellungen ergreifen auch Alexander Ott, Chef der Berner Fremdenpolizei, das Wort, der Münsterpfarrer Beat Allemand oder der YB-Verwaltungsrat Peter Marthaler. Denn was Aischylos vor mehr als zweieinhalbtausend Jahren beschrieben hat, macht heute Schlagzeilen und will kommentiert werden.

Mit Dramen von Aischylos, Shakespeare und Kleist dominieren Klassiker den ersten Spielplan der neuen Schauspielchefin Stephanie Gräve. Rund um die Produktionen ist eine intensive ­Kooperation mit verschiedenen Kirchgemeinden am Entstehen.

Das Theater hat diese Zusammenarbeit gesucht, bereits in der letzten Spielzeit von Gräves Vorgängerin Iris Laufenberg haben unter dem Motto «Glauben & Zweifel» erste Veranstaltungen stattgefunden. «Dieses Angebot haben wir in -der aktuellen Saison verzehnfacht», sagt Gräve. Doch warum dieser grosse Einsatz? Warum sucht das Schauspiel ausgerechnet mit der Kirche einen intensiven Dialog? Sind nicht vielmehr Götter und ihre irdischen Statthalter im Theater häufig Gegenstand kritischer ­Auseinandersetzungen?

«Sehnsucht nach Transzendenz»

«Theater und Kirche haben sehr viel gemeinsam», stellt Stephanie Gräve sofort klar. «Wir treten ja an, die grossen Menschheitsfragen zu beantworten, und das versucht die Kirche auch», sagt die Schauspielchefin und erinnert an Wittgenstein und seine Aussagen über die Bedeutung der Musik. «Wenn alle ­logischen und sinnvollen Sätze gesagt sind, so sind die wesentlichen Menschheitsfragen noch nicht einmal gestellt, und da setzt die Kunst an.» Was die Kritik an Religion und Kirche angehe, so seien ja die schärfsten Kritiker innerhalb der Kirchen auszumachen, betont Gräve. «Uns ist gemeinsam die Sehnsucht nach Transzendenz.» Und die Anfragen seien denn auch auf ein positives Echo gestossen. Sowohl bei protestantischen und katholischen Kirchgemeinden sowie der jüdischen. Unterstützt wird der Dialog zudem vom Haus der Religionen, das unter anderem den Kontakt zur muslimischen Gemeinde hergestellt hat.

Nicht beeinflusst durch die neue Kooperation wurde der Spielplan. «Der stand bereits, und die Kirchgemeinden können auswählen, wo sie mitmachen wollen.» Gräve war erst erstaunt, dass vor allem die bekannten Stoffe gefragt waren wie «Hiob», «Das Erdbeben von Chili», «Der gute Mensch von Sezuan» oder «Anne Frank». Nur der Verein Offene Kirche interessierte sich für «Die Schutzbefohlenen» von Elfriede Jelinek. Ein Stoff, der ein Stück Flüchtlingsgeschichte aus jüngster Vergangenheit aufnimmt, als vor zwei Jahren sechzig Asylsuchende eine Kirche in Wien besetzten. War Kirchenasyl ein zu heikles Thema, das Gemeinden schnell in Konflikt mit dem Staat bringen kann? «Nein», sagt Gräve. «Die bekannten Stoffe wurden ausgewählt, weil es leichter ist, dort anzuknüpfen und Publikum für die Lesungen und Diskussionen zu gewinnen.» «Jelinek kennen die wenigsten – dem Nobelpreis zum Trotz.»

Ganz unterschiedlich gestaltet werden die Veranstaltungen, die von Kirche und Theater gemeinsam organisiert werden. Mal sind es Lesungen, mal werden einzelne Szenen gespielt, die auch öfters in Gottesdienste eingebaut werden. Auch ein Besuch der Synagoge stand auf dem Programm. Erst langsam konkretisiert sich die Zusammenarbeit mit muslimischen Kreisen: Gespannt ist Gräve auf das Symposium im Februar 2016, an dem die Figur des Hiob aus jüdischer, christlicher und islamischer Sicht betrachtet wird.

Stephanie Gräve verfügt bereits über Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Kirchgemeinden. In Bonn, wo sie acht Jahre als Chefdramaturgin am Stadttheater arbeitete, hat sie zusammen mit der jüdischen Gemeinde Veranstaltungen zu Holocaust-Gedenktagen organisiert. Sie selber wurde stark geprägt von ihrem katholischen Elternhaus. Später ist sie allerdings aus der Kirche ausgetreten. Einem späteren Wiedereintritt machte die Wahl von Kardinal Ratzinger zum Papst einen Strich durch die Rechnung. «Seine Kirche war nicht meine», sagt Gräve.

Erfahrungen in Duisburg

Die Zusammenarbeit mit den Kirchgemeinden, die in der neuen Saison gut angelaufen sei, ist für Gräve ein wichtiger Schritt für eine breitere Verankerung des Stadttheaters in Bern. «Die Stadttheater in der Schweiz bewegen sich manchmal ziemlich ausserhalb der gesellschaftlich wichtigen Diskussionen», hat Gräve beobachtet. «Wir sind aber das Theater der Stadt, und da wollen wir herausfinden, was für Ansprüche an uns gestellt werden.» Schliesslich habe ja das Theater auch einen Bildungsauftrag. «Wir wollen nicht nur Theater für ein gebildetes bürgerliches Publikum machen, sondern auch für Menschen, die keinen direkten Zugang haben.»

Wie steinig der Weg ist, ein Theater für neues Publikum attraktiv zu gestalten, weiss die Schauspielchefin aus langer Erfahrung. Die 47-Jährige kommt aus Duisburg, wo gewisse Quartiere einen Ausländeranteil von 49 Prozent aufweisen, und hat dort mit Theater angefangen. «Vor diesem Hintergrund konnte man nicht einfach sagen, wir machen tolles bürgerliches Theater», da habe sich vielmehr die Frage gestellt, wie man zum Beispiel die Kopftuchmädchen ins Theater bringe. Was denn auch gelungen sei.

Hier rückt die theaterpädagogische Arbeit ist den Vordergrund, und da packt die Schauspielchefin gern auch mal gleich selber an: Jüngst besuchte sie an der Berufs-, Fach- und Fortbildungsschule Bern (BFF) Klassen, deren Schülerinnen und Schüler noch nicht lange in der Schweiz sind. «Von 160 haben sich nachher immerhin 90 für eine Vorstellung von ‹Peter Pan› angemeldet.»

Initiativen des Ensembles

Die intensivierte Kooperation mit Kirchgemeinden hat auch innerhalb des Ensembles Diskussionen ausgelöst. Der anfänglichen Skepsis – nicht nur bei den Jungen – seien dann Eigeninitiativen gefolgt. Im Caffè Berna an der Nägeligasse, dem Flüchtlingstreffpunkt unmittelbar neben dem Stadttheater, haben sich Schauspielerinnen und Schauspieler mit Flüchtlingen angefreundet und ­laden sie auch mal in Theater ein.

Was Theater einem Flüchtling bedeuten kann, auch wenn er Deutsch nicht beherrscht, das hat jüngst ein Kurde Gräve verraten. Vor acht Jahren sei er nach Deutschland gekommen und bald regelmässiger Theaterbesucher geworden, obwohl er anfänglich kaum ein Wort Deutsch verstanden habe. Die Aufführungen hätten ihm aber trotzdem viel über die Deutschen und ihre Kultur verraten.

Kirchengänger, Menschen mit Migrationshintergrund, Flüchtlinge: Bescheren sie dem Stadttheater auch längerfristig mehr Publikum? Oder bleibt es bei einzelnen organisierten Besuchen? Das kann die Schauspielchefin noch nicht schlüssig beantworten. Sie hat bei den Leuten, die die Kirchenanlässe besuchen, zum Teil noch immer eine gewisse Scheu ausgemacht, ohne Gruppe und Rahmenprogramm eine Stadttheateraufführung zu besuchen. «Aber bei ‹Hiob› funktioniert es, da verzeichnen wir einen hohen Freiverkauf, da hilft uns offensichtlich die Mundpropaganda.»

Da ist aber noch etwas: Auch die Schauspieler und Schauspielerinnen verändern sich. «Sie wollen als Ensemble zusammenwachsen», sagt Stephanie Gräve, und in der Stadt ankommen.»

www.konzerttheaterbern.ch

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