Geglücktes Comeback

Legendäres Schauspiel: Das Theater Biel Solothurn eröffnete die Saison mit dem «Heiligen Experiment» von Fritz Hochwälder.

Kontrast zwischen exotischer und europäischer Welt: Unterredung der Kaziken mit dem obersten Jesuiten.

Kontrast zwischen exotischer und europäischer Welt: Unterredung der Kaziken mit dem obersten Jesuiten. Bild: Konstantin Nazlamov

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«Das Ganze war ein Erlebnis, wie es nur in begnadeten Stunden geschenkt wird!» Obwohl er zunächst Vorbehalte gegen das «Jesuitenstück» hatte, war der Rezensent des «Bund» am 30. März 1943 restlos begeistert von Fritz Hochwälders «Heiligem Experiment», das zwei Tage zuvor im Städtebundtheater Biel/Solothurn von Peter Lotar uraufgeführt worden war.

Das Stück des damals in Gordola internierten 31-jährigen österreichischen Juden Hochwälder (1912–1986) sollte bis in die 1960er-Jahre hinein in Wien, Paris, London, New York und vielen weiteren Städten Triumphe feiern, bevor es aus schwer verständlichen Gründen von den Bühnen verschwand. 74 Jahre danach hat Katharina Rupp es nun für das gleiche Theater neu inszeniert. Der Abend beginnt mit einem wilden Tanz von bunt gekleideten, grell bemalten Kaziken und geht über in eine in paraguayanischem Guarani geführte Unterredung der Kaziken mit dem obersten Jesuiten.

So dass der Kontrast zwischen exotischer und europäischer Welt, den die Jesuiten mit ihrem Experiment überwinden wollten, sogleich präsent ist und in den folgenden 110 Minuten in dumpfen, sich bedrohlich steigernden Trommelschlägen fassbar bleibt, während ein Gesandter der spanischen Krone und ein Vertreter des Jesuitengenerals als Handlanger des blutbefleckten Kolonialismus den Aufbruch in ein neues Zeitalter der Völkerverständigung mutwillig beenden.

In dieser Konstellation, die durch die an ein Rembrandt-Gemälde erinnernde düster-bedrohliche Szenerie und die bewusst alteuropäische Kostümierung (Tanja Liebermann) verstärkt wird, lässt die Regisseurin Hochwälders wie ein Räderwerk ineinander verzahnte Dramaturgie ihre Wirkung entfalten.

Hoch aktuelle Momente

Es ist der 16. Juli 1767, wir sind im Jesuitenkolleg Buenos Aires, und Alfonso Fernandez, der Provinzial, ist sicher, dass das Verfahren, das sein Jugendfreund Pedro de Miura durchführt, nur die humanen Verhältnisse und das freiheitlichen Leben im Jesuitenstaat bestätigen wird. So dass es ein Schock für ihn ist, als de Miura ihm nach der Entkräftung aller Klagepunkte einen Brief des Königs zeigt, der die Vertreibung der Jesuiten aus Paraguay anordnet. Um die ihm anvertrauten Indios zu schützen, lässt der Provinzial sich bewegen, de Miura zu verhaften.

Da entpuppt sich ein gewisser Querini als Vertreter des Jesuitengenerals, rechnet mit dem Argument, dass «diese Welt ungeeignet» sei «zur Verwirklichung von Gottes Reich» in zynischem Opportunismus den Untergang des Jesuitenstaats gegen den Untergang des Ordens auf – «Es geht um den Bestand des Ordens, und Ihr sprecht von hundertfünfzigtausend Menschen!» – und zwingt den Provinzial, die Übergabe des Staats an die spanische Soldateska, die Ausweisung der Jesuiten und die Hinrichtung einer Anzahl Indios und des jesuitischen Militärbefehlshabers zuzulassen. Der Provinzial selbst aber wird während des entstandenen Tumults verletzt und stirbt im Wissen, dass das Experiment gescheitert ist.

Es gibt wunderbare, hoch aktuelle Momente in dem Stück. Etwa wenn sich herausstellt, dass der von glücklichen Menschen gepflanzte Tee besser schmeckt als der von Sklaven mit Hass im Herzen produzierte, oder wenn der Provinzial Querini vorhält: «Wir können nie und nimmer die Seelen retten, wenn wir die Völker schutzlos der Unterdrückung überlassen. Eindeutig müssen wir unseren Platz beziehen an der Seite der Mühseligen und Beladenen.»

Zwölf Hauptrollen

Die Inszenierung überzeugt nicht nur mit ihrem Drive und vielen Höhepunkten, sie beeindruckt auch mit dem hohen Niveau ihrer schauspielerischen Umsetzung, die von keinem der zwölf Mitwirkenden unterboten wird. Günter Baumann ist ein wuchtiger, im ausweglosen Ringen zwischen Gewalt und Gerechtigkeit tief berührender Provinzial, Michael Lucke als sein Gegenspieler ein innerlich ebenso aufgewühlter, zwischen Mitleid und Gehorsam hin und her schwankender de Miura.

Vilmar Bieri spielt mit schöner Offenherzigkeit den fliessend Indianisch sprechenden Superior, Tom Kramer mit jugendlichem Ungestüm den Pater Prokurator, Ernst C. Sigrist imponiert als fatalistisch-unbeugsamer Militärkopf. Aber die Aufführung ist gleicherweise Komödie wie Tragödie und gibt Julian Boine und Jörg Seyer als spanischen Offizieren ebenso Gelegenheit zu belustigenden Aufritten wie dem grossartigen Hanspeter Bader und dem humorig chargierenden Lou Elias Bihler als spanischen Gutsbesitzern. Nicht zu reden vom witzig-alerten Daniel Hajdu als holländischem Kaufmann und von Werner Birchmeier als vertrotteltem Bischof. Marcus Mislin aber wirkt als in sich versunkener Querini völlig unbeteiligt, bis er dem Experiment ungerührt den Todesstoss versetzt.

Das schönste Resultat

«Ein Erlebnis, wie es nur in begnadeten Stunden geschenkt wird», schrieb der «Bund» 1943, und nach dem frenetischen Beifall zu schliessen, gab es 2017 im Solothurner Premierenpublikum nicht wenige, die sich diesem Urteil angeschlossen hätten. Das schönste Resultat von Katharina Rupps hinreissender, allein schon in ihren Dimensionen für das kleine Theater spektakulären Inszenierung aber wäre es, wenn «Das heilige Experiment» nach diesem geglückten Comeback auch anderswo wieder die ihm zukommende Aufmerksamkeit finden würde.

Premiere in Biel: 21. September (Der Bund)

Erstellt: 04.09.2017, 07:14 Uhr

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