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Für sie sind alle Zürcher Königskinder

Leonie Böhm lässt die Klassiker rappeln – und bewahrt dabei einen heiligen Theaterernst. Jetzt auch bei Büchner im Zürcher Schauspielhaus.

Leonie Böhm wurde schon für ihre ersten Inszenierungen, etwa «Kasimir und Karoline», ausgezeichnet. Jetzt inszeniert sie in Zürich «Leonce und Leonce» nach Büchner. Foto: PD
Leonie Böhm wurde schon für ihre ersten Inszenierungen, etwa «Kasimir und Karoline», ausgezeichnet. Jetzt inszeniert sie in Zürich «Leonce und Leonce» nach Büchner. Foto: PD

Meghan und Harry haben gerade ihre letzten Auftritte als Royals absolviert. Nun versuchen sie es fernab der vorgeschriebenen Rollen. Die Königskinder Leonce und Lena des deutschen Dramatikers Georg Büchner im gleichnamigen Stück von 1836, das nun am Schauspielhaus Zürich läuft, gehen den umgekehrten Weg: Sie wollen sich der diktierten Hochzeit samt Regentenamt entziehen, fliehen ihren jeweiligen Hof und treffen einander unerkannt in einer Stunde, wo sie nichts voneinander wissen. Sie verlieben sich Knall auf Fall, heiraten – und landen als designiertes Thronfolgerpaar am Königshof. Das Schicksal hat sie ausgetrickst.

Leonie Böhm, die 1982 in Stuttgart geborene, in Heilbronn aufgewachsene Zürcher Hausregisseurin, liest das mit Bitternis durchsetzte Lustspiel aus dem 19. Jahrhundert als Steilvorlage für eine Erkundung unserer Mentalität. «Besonders hier in dieser sehr reichen Stadt im reichen Westen lebt man ja wie am Königshof», sagt sie in unserem Gespräch vor der Premiere. «Eben weil wir reich und mächtig sind, müssen wir uns umso mehr auf Büchners Angebot einer ‹Höllenfahrt der Selbsterkenntnis› einlassen, wie einst Christa Wolf über Büchner-Texte formulierte.»

Was, wenn man sich automatenhaft durch den Alltag bewegt: erfolgreich, aber leer? Böhm zoomt für Antworten auf die Psyche des modernen Mannes.

Was ist heutzutage eine sinnvolle Aufgabe? Wie geht man mit seinem Selbsthass, Selbstekel und Selbstmitleid um – der typischen Weltschmerzlerei des wohlstandsverwahrlosten Westlers? Der selbstverliebten Melancholie? Was, wenn man sich automatenhaft durch den Alltag bewegt: erfolgreich, aber leer und unberührt? Leonie Böhm zoomt für Antworten auf solche Fragen auf die Psyche des modernen Mannes. Das Patriarchat hat ihn nach oben gespült, der Feminismus ihn verunsichert.

Fünf Schauspieler – mit dreien davon hat Böhm schon öfters gearbeitet – geben hier also «Leonce und Leonce». In einer Zeit, in der die Rolle des Mannes nicht mehr so selbstverständlich ist, werden sie schärfer und schmerzhafter, die grundsätzlichen Zweifel an dem, was man beziehungsweise Mann tut. «Es betrifft natürlich nicht nur Männer», unterstreicht die Regisseurin. «Jede Frau könnte Leonce sein.» Aber um in ihre Recherche, die vom Persönlichsten der Spieler ins Allgemeinste führt, nicht auch noch eine Gender-Spannung hineinzudeklinieren, entschied sie sich für ein Only-Men-Ensemble.

Fünf Männer und ein Truck geben «Leonce und Leonce». Foto: James Bantone. Hier gehts zur Kritik.
Fünf Männer und ein Truck geben «Leonce und Leonce». Foto: James Bantone. Hier gehts zur Kritik.

Bei acht Wochen Probezeit kam für die sympathisch bescheidene Frau, die auf gewaltfreien Diskurs setzt, nur eine kleinere Gruppe infrage. «Für mich geht es stets ums Prozessuale, um Mitgestaltung, und auch bei einer kurzen Probezeit soll jeder einzelne ein Votum haben. Theater ist im Kern ein Mikroexperimentalraum des Sozialen», erläutert Leonie Böhm. Das habe sie überhaupt erst zum Theater gebracht. Im Spiel sei der Mensch frei.

Zuerst hatte sie Deutsch und Kunst auf Gymnasiallehrerin studiert, wollte in die Fussstapfen ihrer Mutter treten; ihr Vater war Lehrer an der Waldorfschule, die auch sie besucht hatte. Nach dem ersten Staatsexamen wechselte die junge Frau jedoch ganz zur bildenden Kunst, schloss 2011 als Meisterschülerin bei Urs Lüthi in Kassel ab – aber nicht, ohne bereits den Reiz des Performativen und des Dialogischen entdeckt zu haben. Also war ein drittes Studium angesagt: Schauspielregie an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Die im Rahmen des Studiums entstandene Horváth-Arbeit «Kasimir und Karoline» katapultierte Leonie Böhm gleich ins Rampenlicht; auch in Zürich war die fetzige Soiree zu sehen (hier gehts zur Kritik).

Spiel mit den alten Dramatikern

Warum sich die dezidiert antipatriarchale und möglichst basisdemokratisch arbeitende Regisseurin einer neuen Generation auf die klassischen Stoffe der weissen Männer konzentriert? «Ich baue auch auf die Rezeptionsgeschichte: Die Schauspieler und das Publikum kennen den Stoff. Und wir können in seinem Hallraum frei damit spielen. Rein juristisch geht das nur bei alten Texten. So bekommt Büchners Satire hier eine überraschende, hoffnungsvolle Wende.» Und leider sei die Rezeptionsgeschichte der Literatur so verlaufen, dass nur wenige Stücke von Autorinnen früherer Jahrhunderte einen solchen Echoraum hätten.

Entscheidend ist für Leonie Böhm aber ihre eigene weibliche Perspektive auf die Dramen. «Auch meine Männer auf der Bühne sollen sich angreifbar machen, Feministen werden.» Umgekehrt hat die Regisseurin im November Schillers «Räuber» als muntere Räuberinnen durch die Münchner Kammerspiele wirbeln lassen.

«Dass das Publikum seine eigene Handlungsfähigkeit erlebt, sich ermutigt fühlt zur Veränderung: Das wäre mein Traum.»

Leonie Böhm, Hausregisseurin in Zürich

«Die Selbstüberwindung, das Aufbrechen von Mustern und eingeschliffenen Erwartungen bei sich selbst ist das urpolitische Moment jeden Theaters – und zwar erst einmal bei den Theaterleuten. Dass das Publikum dann auch seine eigene Handlungsfähigkeit erlebt und sich ermutigt fühlt zur Veränderung: Das wäre mein Traum», bekennt die Mutter eines zwölfjährigen Sohns und einer fünfjährigen Tochter, die beide in Zürich die Rudolf-Steiner-Institution besuchen. In Hamburg waren sie an der Waldorf-Schule gewesen, und die öffentliche Schule hier war für die Familie keine Option. Böhms Partner ist auch langjähriger Arbeitskollege, bei «Leonce und Leonce» ist er für konzeptionelle Mitarbeit und Bühnenbild verantwortlich.

Leonie Böhm hat also ihren eigenen kleinen sozialen Mikrokosmos in die Limmatstadt gebracht, der sie trägt. Die acht Hausregisseurinnen und -regisseure müssten noch zusammenwachsen, räumt sie ein. Im Probenplan ruckelts manchmal, und mit der Stadt fremdeln die Neuzuzüger noch ein bisschen. Aber eine wie sie, die Neues derart offen und couragiert anpackt und sich zugleich so aufs vertraute, gemeinschaftliche Arbeiten versteht, reisst alle mit. Auch sich selbst.

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