Flucht in die Wand

Regisseurin Mizgin Bilmen zeigt bei Konzert Theater Bern eine Bühnenversion von Ingeborg Bachmanns «Malina». Eine bildstarke, aber auch verstaubte Inszenierung.

Regisseurin Mizgin Bilmen macht aus der Protagonistin in Ingeborg Bachmanns Roman «Malina» eine unwirkliche Bühnenfigur.<p class='credit'>(Bild: Annette Boutellier)</p>

Regisseurin Mizgin Bilmen macht aus der Protagonistin in Ingeborg Bachmanns Roman «Malina» eine unwirkliche Bühnenfigur.

(Bild: Annette Boutellier)

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Man reckt die Köpfe. Da regt sich etwas hinter der Bücherwand; eine Schreibmaschine rattert, eine Stimme erklingt. Nur zu sehen ist erst niemand. Bis sie hervortritt ins Rampenlicht der Vidmar 2, die namenlose Frau aus Ingeborg Bachmanns Roman «Malina». Ihre Kleider in Naturfarben lassen sie optisch fast verschwinden vor den Brauntönen ihrer Bücher.

Eine unwirkliche Figur hat die deutsche Regisseurin Mizgin Bilmen aus Bachmanns Protagonistin gemacht. Und das ist sicher ganz im Sinne der Autorin, denn «Malina» ist die Geschichte einer Selbstauflösung, eine «imaginäre Autobiografie» hat Bachmann sie genannt. Die Frau im Buch, die wie ihre Erfinderin Schriftstellerin ist, versucht ihre Erinnerungen an das Grauen des Zweiten Weltkriegs zu verdrängen; Halt findet sie bei den Männern Ivan und Malina – der eine ist ihr Freund, der andere ihr Mitbewohner.

Und beide sind nicht unbedingt die feinfühligsten Gesprächspartner. Jürg Wisbach spielt Malina wie einen desinteressierten Arzt, der zwar kühl Ratschläge erteilt, aber zu keinerlei Empathie fähig ist. Stéphane Maeders Ivan kommt dagegen leicht tumb daher, er versteht ja seine Freundin am Telefon nie richtig; dafür bevormundet er sie – etwa indem er ihre Büchersammlung oder ihre Laune als zu finster kritisiert. Viel weiss man sonst nicht über die Männerfiguren, doch Wisbach und Maeder lassen ihren Charakteren auch ihre Geheimnisse. Und so kommen beide eindrucksvoll lebensecht daher, wie sie in der Wohnung verkehren, ohne viel von sich preiszugeben. Auch die Abhängigkeiten der Frau werden schmerzlich fassbar, vielleicht gerade deshalb, weil sowohl Ivan als auch Malina manchmal tun, als wäre sie gar nicht da.

Museale Gemächer

Dazu passt, dass Chantal Le Moign in der Hauptrolle etwas vage bleibt. Wo man ihr den Wahnsinn nur zögerlich abkauft, tritt umso trefflicher das Gespenstische ihrer Erscheinung hervor. Wie eine verlorene Seele geistert sie durch ihre Gemächer. Diese scheinen überhaupt aus einem früheren Jahrhundert zu stammen: Vor der runden Bücherwand steht ein musealer Schreibtisch, hinter dem Schachbrett ein antiker Sessel, vor der Standuhr ein Totenschädel (Bühne: Kim Zumstein). Und selbst die Herren treten in Anzügen mit Handschuhen oder Hosenträgern auf (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter).

Man kann also nicht behaupten, dass sich die Inszenierung um einen Gegenwartsbezug bemühen würde. Mizgin Bilmen hält stattdessen stark an Bachmanns Vorlage fest (Bühnenfassung: Sophie-Thérèse Krempl). Das ist dort eine gute Idee, wo sie Bilder für die Sprache findet. So schleicht Malina etwa durch den von Spiegeln gesäumten Korridor und ist durch deren Reflektionen immer da. Und als hinter den Büchern ein gewaltiges Höllenfeuer aus Trockeneis brodelt, scheint das Ende unausweichlich: Die Schriftstellerin verschwindet am Schluss in der Wand, als hätte es sie nie gegeben.

Ein aktuelles Buch?

Ähnlich surreal sind auch die zusammengeflickten, hautfarbenen Ganzkörperanzüge, die die Schauspieler unter den Kleidern tragen und die hervorkommen, als sich die Figuren ihrer Schichten entledigen. Puppenhaft sehen sie jetzt aus, wie Leichen fast, leblos und anonym. Sind also am Schluss alle tot? Man weiss es nicht so genau. Vor allem aber wünscht man sich, die Regisseurin hätte deutlicher durchblicken lassen, warum sie «Malina» für erzählenswert hält. Bilmen gewichtet kaum, sie schafft vieles heraus, aber nichts richtig. So bleibt letztlich eben doch die Frage, was dieses Buch überhaupt noch aktuell macht. Also reckt man die Köpfe. Und sieht doch zu wenig.

Weitere Vorstellungen bis 21. 3. in der Vidmar 2. www.konzerttheaterbern.ch

Der Bund

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