Faules Spiel in der Garderobe

Machtkämpfe und Obsessionen: Pünktlich zur Fussball-WM zeigt das Theater an der Effingerstrasse Patrick Marbers «Der rote Löwe – Fussball ist unser Leben».

Sie bauen ein ganzes Universum aus ihren Gesprächen in dieser Umkleide: Fabian Guggisberg, Frank Hangen und Gilles Tschudi.

Sie bauen ein ganzes Universum aus ihren Gesprächen in dieser Umkleide: Fabian Guggisberg, Frank Hangen und Gilles Tschudi. Bild: Severin Nowacki (zvg)

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Auch wenn man sich persönlich nicht für Fussball interessiert, kann man ihm derzeit nur noch schwer ausweichen. Kaum haben die Young Boys den Schweizer-Meister-Titel gewonnen, steht schon die Fussball-WM 2018 vor der Tür. Auch das Kino hält mit: Marcel Gisler erzählte in «Mario» (2018) erfolgreich die Geschichte eines jungen Schweizer Fussballers, dessen Homosexualität zum Karrierehindernis wird. Und nun zieht das Berner Theater an der Effingerstrasse mit der Schweizer Erstaufführung von Marbers Fussballstück «Der rote Löwe» nach.

Das Stück spielt in der Umkleide des mässig erfolgreichen Fussballvereins «Der rote Löwe». Matto (gespielt von Frank Hangen), der ehrgeizige Trainer des Provinzteams, wittert eine grosse Chance, als der talentierte Jungfussballer Dragan (Fabian Guggisberg) zur Mannschaft stösst. Matto will, dass sein Team aufsteigt – und letztlich plant er, durch dreckige Deals und faules Spiel grosse Transfersummen für das Jungtalent einzustreichen. Doch Materialwart Ben (Gilles Tschudi), selber ehemaliger Fussballprofi und leidenschaftlicher Unterstützer des Clubs, stellt sich Matto entgegen. Er versucht, das Jungtalent vor den harten, moralisch fragwürdigen Seiten des Profisports zu beschützen.

Patrick Marber, 1964 in Wimbledon geboren, gehört zu den renommiertesten britischen Dramatikern der Gegenwart. Einen Namen machte er sich mit seinem Debütstück «Poker» (1995), das durch die eigene jugendliche Spielsucht inspiriert ist. Nach einer längeren Schreibblockade kehrt er mit «Der rote Löwe» zurück auf die Bühnen der Welt, und auch dieses Stück ist geprägt durch persönliche Erfahrungen: Marber war Teilhaber an einem Fussballclub, den er und andere Fans vor dem Bankrott gerettet hatten.

«Etwas Heiliges»

«Der rote Löwe» erzählt nun anhand dreier Figuren, was Fussball einmal war und was er sein sollte. Matto und Ben kämpfen um Dragans Seele, und es geht ein bisschen zu und her wie in der biblischen Geschichte Hiobs, um den bekanntlich Gott und Teufel wetteiferten. Dieser Vergleich ist nicht unbedingt zu hoch gegriffen, scheint «Der rote Löwe» doch wirklich alle grossen Themen des Lebens behandeln zu wollen.

Es geht um Lüge und Wahrheit, um Vaterkomplexe und Religion, um Minderwertigkeitsgefühle und um das Scheitern von Existenzen. Und dem Materialwart Ben geht es zuletzt um nichts Geringeres als die «Unschuld und Reinheit» des Sports, wie dieser sie früher noch gehabt habe, jenseits von monetären Interessen: «Eine Menge, die sich um einen Fussballverein versammelt, hat ein Ziel, einen Sinn. Wir brauchen die Sehnsucht nach etwas Heiligem.»

Solch pathetische Zeilen sind nun nicht unbedingt die Stärke des Stücks. Zu seinen Schwächen gehört auch, dass die Figurenkonstellation – der «böse», bloss auf finanziellen Gewinn ausgerichtete Matto und der «gute», idealistische Ben – leider etwas gar plakativ geraten ist. Es stösst auch eher sauer auf, dass Matto schon ganz zu Beginn des Stücks ausgerechnet durch misogyne Ausfälligkeiten gegen die «Damenmannschaft» als unsympathisch gezeichnet wird – ein eher billiger Trick. Überhaupt spielen Frauen in der mann-männlichen Welt von «Der rote Löwe» kaum eine Rolle; erwähnt wird einzig eine Ehefrau, die sich von ihrem fussballvernarrten Mann prompt scheiden lassen will.

Zu überzeugen vermag hingegen die Berner Inszenierung. Reduktion ist Programm, auch im von Peter Aeschbacher gestalteten Bühnenbild, das in einer etwas heruntergekommenen Umkleide mit grünen Spinden besteht. Stefan Meier, der das Stück inszeniert hat, beweist ein feines Gespür für den Spannungsbogen des Dramentexts und setzt das simple Bühnenbild auf abwechslungsreiche und dynamische Weise im Spiel ein.

Und vor allem glänzt in der Berner Inszenierung das Ensemble: Nur drei Schauspieler tragen das ganze Stück, das eben nur in eigentlich privaten Garderobengesprächen besteht. Der Sport selber wird somit nur indirekt greifbar – jede Szene findet vor oder nach dem Spiel, vor oder nach dem Training statt.

Passspiel im Theater

Frank Hangen strahlt als wild gestikulierender, unflätiger Matto eine manische und cholerische Energie aus, die einen in ihren Bann zieht. Gilles Tschudi als der joviale, doch eigentlich gebrochene Ben bringt das Publikum meisterhaft zum Lachen, um es gleich darauf durch die Tragik und Einsamkeit der Figur zu rühren. Und Fabian Guggisberg spielt überzeugend den unsicheren und doch zielstrebigen Dragan, der sich mit einem dunklen Geheimnis trägt und zwischen zwei Vaterfiguren hin- und hergerissen ist. Es ist eine Freude, dabei zuzusehen, wie sich die drei Schauspieler auf der Bühne Pässe zuspielen; jeder Schuss sitzt.

Weitere Vorstellungen bis 29. Juni (Der Bund)

Erstellt: 04.06.2018, 06:38 Uhr

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