Fall Gurlitt auf dem Abstellgleis

Zum Fall Schwabinger Kunstfund nichts Erhellendes und als Theaterstück enttäuschend: Konzert Theater Bern zeigt im Kubus das Gastspiel «Entartete Kunst».

Er hat einen viel zu sprunghaften Charakter zu verkörpern: Hauptdarsteller Udo Samel als Cornelius Gurlitt.

Er hat einen viel zu sprunghaften Charakter zu verkörpern: Hauptdarsteller Udo Samel als Cornelius Gurlitt.

(Bild: zvg)

Auf eine Kollision wartet man vergeblich. Obwohl es keine Ampeln gibt. Die seien in einem andern Zimmer, sagt der alte Mann mit der roten Fahne dem Vertreter der Staatsanwaltschaft, der ihn ziemlich überfallartig heimsucht. Dort, wo die Ampeln zusammen mit Häusern, Lokomotiven und Bäumen lagern, sind allerdings noch ganz andere Liebhaberstücke aufbewahrt.

Der Kunstsammler als Stationsvorstand: Als wären der Eigenarten nicht genug, stattet der britische Dramatiker Ronald Harwood den Protagonisten seines Stücks «Entartete Kunst – Der Fall Cornelius Gurlitt» noch mit einer weiteren Marotte aus.

Das Berliner Renaissance-Theater brachte das Stück im Oktober 2015 zur Uraufführung, Konzert Theater Bern zeigte es nun als Gastspiel im Kubus. Geplant war eigentlich, es zusammen mit dem Kunstmuseum Bern zu präsentieren. Doch für das Museum wurde die Sache vor dem Hintergrund des Erbstreits, der noch immer nicht entschieden ist, plötzlich zu heikel.

Der Eigenbrötler als Clown

Neue Erkenntnisse zum spannendsten Kunstkrimi des 21. Jahrhunderts liefert die Inszenierung allerdings nicht. Was nicht weiter schlimm wäre. Harwood, der erfahrene, erfolgreiche Dramatiker und Oscar-gekrönte Drehbuchschreiber («The Pianist»), hatte immer betont, dass es ihm keineswegs um eine faktentreue Dokumentation des spektakulären Falls gegangen sei. Doch was genau seine Absicht war, ist einem nach der gut zweistündigen Aufführung nicht klar.

Psychogramm eines verschrobenen Eremiten? Raubkunstdrama? Komödie über die Doppelmoral im Kunsthandel? Harwood kann sich nicht entscheiden, und weil er alles aufs Tapet bringt, bleibt kaum Raum für Vertiefung.

Zu nah bleibt der Dramatiker zudem bei den längst bekannten Fakten, die er alle in arg künstlich wirkenden Dialogen unterzubringen versucht, womit er das Bühnenpersonal zum Dozieren zwingt.

Viel Spielraum bleibt da Regisseur Torsten Fischer nicht. Als traurigen, distanzlosen, dominanten Clown lässt Fischer Gurlitt im bergigen Reduit (Bühne: Herbert Schäfer) auftreten.

Dass dieser so überhaupt nicht dem Bild des scheuen, zerbrechlich wirkenden 80-jährigen Eigenbrötlers entspricht, das die Medien vom Sammler vermittelt haben, ist zwar irritierend, aber nicht unbedingt störend.

Doch zu sprunghaft agiert dieser Gurlitt: Mal ist er der geile alte Bock, der nur «Fuppen» im Kopf hat, mal der kindliche Trotzkopf, der lauthals seinen Vater und seine Familie verteidigt, mal der raffinierte Schwätzer, der sich an den Kunsthändlern rächt. All diese zum Teil widersprüchlichen Facetten kriegt Hauptdarsteller Udo Samel zwar ganz toll hin, doch glaubwürdig machen sie die Figur nicht.

Noch befremdlicher und hölzern wirken die übrigen Rollen: Gar steif kommen der Vertreter der Staatsanwaltschaft (Boris Aljianovic) und seine fesche Assistentin (Anika Mauer) daher, die unter anderem in einem Kreuzverhör aus Gurlitt herauszupressen versuchen, warum Goebbels ausgerechnet dessen halbjüdischen Vater zum Einkäufer des Führermuseums gemacht hat.

Noch undankbarer ist der kurze Einsatz des Kunsthändlers (Ralph Morgenstern), den Gurlitt ziemlich willkürlich zum Narren hält. Sie alle landen dort, wohin Stationsvorstand Gurlitt mittlerweile die Schlafwagen manövriert hat: auf dem Abstellgleis.

Wenn sich Abgründe öffnen

Was mit dem Gurlitt-Stoff möglich gewesen wäre, lässt sich in ganz wenige Szenen erahnen: Wenn Samel zum Beispiel die Kunstwerke, seine Familie, ermahnt, ja schön still und brav zu sein. Dann tut sich einen kurzen Moment lang jener Abgrund auf, in dem sich Cornelius Gurlitt mehr als sein halbes Leben aufgehalten hat.

Der Bund

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