Es wird viel gestorben

Zwischen Richard Wagner und Udo Jürgens: Das Theater stirbt ein wenig mit in der Uraufführung von Alvis Hermanis' «Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper».

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Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die allerschönste Szene in «Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper» – dem neuen Projekt des lettischen Regiestars Alvis Hermanis –, sie stammt gar nicht aus einer Oper. Sondern aus einer Suite für Kammerorchester, die aus vierzehn kleinen Sätzen besteht.

Genau, es ist das Andantino grazioso «Der Schwan» aus dem «Karneval der Tiere» von Camille Saint-Saëns aus dem Jahr 1886, zu dem Michel Fokine zwei Jahrzehnte später das Ballett-Solo «Der sterbende Schwan» choreographierte, das ihn und die erste Schwanen-Ballerina weltberühmt machen sollte. Hier allerdings, in der Schiffbaubox, ist der Spitzentanz ein Ding der Unmöglichkeit: Mit Müh und Not haben sich die sieben greisen Gestalten auf den langen, weissen Verandatisch des noblen Altersheims im Jugendstillook gehievt, schwer atmend, die Krücken und Rollstühle in Reichweite behaltend.

Perfekt im Takt

Das Vinyl dreht sich, der Plattenspieler knackt, und die Alten schliessen die Augen, lassen ihre kraftlosen Hände flattern, derweil das Cello süss, oh so süss, seine Kreise durchs Wasser der Klaviertöne zieht. Allmählich neigen sich die Silberköpfe, krümmen sich die klapprigen Körper, sinken, perfekt im Takt, ineinander, auseinander, auf den Tisch. An Tabledance denkt da keiner, eher schon an eine Obduktion. Das Klavier rieselt sein Finale, die Greisenhände zucken ein letztes Mal. Und die schmale Lichtgasse, die dieses Sterben in ein zweidimensionales, gezähmtes Bild verwandelt hat – ein Bild, das sich auf der rückwärtigen Glaswand spiegelt –, sie dunkelt ein (Licht: Ginster Eheberg).

«Bravo!»: Die Bravorufe, mit denen sich die Senioren ständig gegenseitig Beifall zollen für ihre Sterbeszenen, sind, an dieser Stelle, hochverdient. Denn da ist dem Schauspielensemble gerade im Kleinen, Verdichteten, eben dem Satz aus der Suite, grosse Oper gelungen: kunstvollste Künstlichkeit, die sich selbst auf die Schippe nimmt und gleichzeitig nach unseren Herzen langt. Der Theaterpater aus Riga, der eine Weile nur noch Opern inszeniert hat, will nichts predigen, wenn er seine sieben welken Schwäne auf einem Esstisch rhythmussicher dahinparkinsonieren lässt, derweil sie in Cello-Seligkeiten versinken; nur schön schräge Bilder zeigen, schwelgen – und trösten.

Theater ist keine Oper

Leider bleibt dies, insgesamt, ein frommer Wunsch. Weil Theater halt nun mal keine Oper ist; und schon gar kein Best-Of-Opera-Wühltisch. In «Die schönsten Sterbeszenen in der Geschichte der Oper», Hermanis' fünfter Zürcher Arbeit, spielen unechte, aber hyperrealistisch auf uralt getrimmte Altersheimbewohner Todesgeschichten im hochästhetisierten Rahmen alter Opern nach; eine nach der anderen. Zwar wird das Ganze gebrochen durch den Lebensrhythmus der gebrechlichen Operndarsteller: durch ihre Nickerchen, ihre Mahlzeiten, ihre Wehwehchen und ihre Frotzeleien, die den Alltag im Heim aufheitern; also mit einem Schuss von «echtem» Altern. Der aber bleibt immer hübsch im Klamaukig-Komischen oder Sentimental-Gefälligen, lappt nie ins Hässliche oder richtig Schlimme. So lähmt und lahmt der Abend auf seiner Strecke von über zwei Stunden – wie seine Helden.

Wenn Bizets Carmen ihr blutiges Ende findet, werden schon mal die Gipsy Kings hineingeträllert; und nachdem Verdis Traviata-Violetta tot zusammengebrochen ist, schiebt Milian Zerzawys fantastisch-lustiger Alter schon mal Udo Jürgens’ «Vielen Dank für die Blumen» dazwischen. Man trägt das klassische Alterspastell, Brille und Gesundheitsschuhe und ein Wahnsinnsrunzelgesicht. Man schnarcht und schnauft, tapert und wackelt, spricht und säuselt Arien mit altersschwacher Stimme: Das gepflegte Altsein scheinen sie von der Pike auf gelernt zu haben – Friederike Wagner (als Frau Wagner), Hilke Altefrohne (Frau Altefrohne), Gottfried Breitfuss, Zerzawy und ganz besonders Isabelle Menke und Jirka Zett (Herr Zett). Aber dieses kurlige – durchaus vollendete – Kunsthandwerk ist nur begrenzt interessant und ersetzt keinen Spannungsbogen. Da kann auch der Verweis auf den Altersheim-Dokfilm «Kuss der Tosca» des Schweizers Daniel Schmid wenig richten.

Als Zett sich eine selbstironische Spitze gestattet und über seine Rolle als todgeweihter Silvio in Leoncavallos «Bajazzo» meckert «Ich habe keine Lust mehr auf den Kram», muss man denn auch einräumen: wir auch nicht. Und als die Wagner sich nach Carmens Ermordung (gehts musikalisch hinreissender?) meint: «Das war ja ganz schön, aber auch ein wenig langweilig», hat sie das Fazit der gesamten Soiree gezogen.

Leben hinter Glas

Der kluge Theatermacher, der für Regie, Bühne und Kostüme zeichnet, bekennt, dass das Sterben in der Oper jeweils ein langer ästhetischer Höhepunkt sei; über den Tod an sich könne man ja nichts wissen. Seine Protagonisten leben daher hinter Glas, bewegen sich in sterilen Gängen, und die Leidenschaften, die ihnen bleiben, sind in Vinyl gepresst.

In einer kurzen Szene dürfen sie ihre geheimen Wünsche herunterrattern («Noch einmal rennen ohne Schmerzen», «Noch einmal in einer Wohnung leben, da bin nur ich, nur ich», «noch einmal am Basler Morgenstreich sein»). In einer andern fabulieren sie von einer nahen Zukunft, in der es den Tod nicht mehr gibt und die Maschinen die Weltherrschaft übernehmen. Und am Schluss klebt die Altersheim-Angestellte Rita von Horváth – die sich als superzuverlässige Souffleuse des Schauspielhauses einen Namen gemacht hat – ihrerseits an der Scheibe, schaut sehnsüchtig hinaus, auf die Veranda. An diesen unästhetischen Schmerzpunkten, nicht an den ästhetischen Höhepunkten hätte das eigentliche Theaterstück beginnen können.

DerBund.ch/Newsnet

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