«Es ist der Körper, der erzählt!»

Deborah Epstein bringt in einer gekonnt in die Schweiz verlegten Adaption des Theaters Biel Solothurn «Le bal» von Jean-Claude Penchenat zur Schweizer Erstaufführung.

Musiktitel und historische Zeitbilder: Das Schauspielerensemble bewährt sich in einer rein pantomimischen Darstellungsart.

Musiktitel und historische Zeitbilder: Das Schauspielerensemble bewährt sich in einer rein pantomimischen Darstellungsart. Bild: zvg

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In Olten war im Sommer der Generalstreik von 1918 als Polittheater zu sehen, in Solothurn und Biel bilden die Ereignisse von vor 100 Jahren nun den packenden Einstieg in ein Bühnenspektakel, das ein Jahrhundert Schweizer Geschichte zu einer musikalisch-pantomimischen Revue der unterhaltsamsten, choreografisch virtuos durchgestylten Art macht.

Da winden sich die 14 Protagonisten – neun Schauspieler und fünf Statisten – kämpfend aus den grauen, die Lazarette der Grippe-Epidemie symbolisierenden Militärwolldecken heraus, geraten, obwohl jemand das Wort «Tanzverbot» ruft, ins Tanzen, steigern sich in eine Art Totentanz hinein – und schon tauchen Streikplakate auf, geht das Militär auf die Demonstranten los, wird aber bald wieder friedlich und singt «La Petite Gilberte».

Unversehens wandelt sich die Szene zur dadaistischen Séance, trägt ein Emmy-Hennings-­Double ein absurdes Couplet vor, rezitiert ein wiedererstandener Hugo Ball im blechernen Kostüm sein «jolifanto bambla ô falli bambla».

Baker, Grock und Jane Birkin

So geht es, mit Titelüberschriften angekündigt, Schlag auf Schlag oder Melodie für Melodie weiter: zum Auftritt einer zwar etwas kleingewachsenen, aber dem Original in Sachen Erotik nicht nachstehenden Joséphine Baker, zum Slapstick des Clowns Grock, der «Zwei Herzen im Dreivierteltakt» singt, zu einer Charleston-Sequenz, zu «Nach em Räge schint d Sunne» von 1945, «Itsy Bitsy Weenie» aus den Sechzigern, dem bloss gehauchten «Je t’aime» von Jane Birkin von 1969, dem infernalischen Lärm von Emerson, Lake & Palmer aus den Siebzigern.

Zweimal nur wird etwas gesagt – ausser «Tanzverbot» noch «I wott nöd a d Expo ga» – , sonst ist alles der Musik, dem Gesang, dem brillant durchgestylten Tanz und jener Art von schauspielerischer Darstellung überlassen, von der die Regisseurin Deborah Epstein im Programmheft sagt: «Es ist der Körper, der erzählt!»

Von Paris in die Schweiz

1984 machte Ettore Scolas Film «Le bal» Furore, der nach einer Vorlage von Jean-Claude Penchenat die Zeit zwischen 1936 und 1983 in einem Pariser Tanzhaus in Musik, Pantomime und lebende Bilder umsetzte.

Deborah Epstein, der Choreograf Joshua Monten und die Musiker Christov Rolla und Danny Exnar haben die Vorlage von der französischen auf die Schweizer Geschichte übertragen. Und ein wenig geben sie auch der zentralen Idee noch Raum: der Einsamkeit der Figuren, die sich einander zwar immer wieder annähern, aber nicht zueinander finden. Was am eindrücklichsten in der Schlussszene zum Tragen kommt, als eine Protagonistin sich ganz auf jene Musik zurückzieht, die nur noch sie in ihrem Kopfhörer wahrnehmen kann.

Eingängige Musik

Der packende Wechsel zwischen Musiktiteln und historischen Zeitbildern erlahmt im letzten Drittel des Abends etwas. Nach den im Chaos und in Prügeleien endenden Zürcher Unruhen von 1968 beschränkt sich die Inszenierung mehr oder weniger auf eine Abfolge von gekonnt und witzig parodierten, teilweise auch tänzerisch pfiffig umgesetzten Songs von Michael Jackson, Stephan Eicher, Yello, DJ Bobo und anderen, während man für die historischen Ereignisse auf die Abfolge der Inschriften über der Bühne verwiesen ist. Wobei natürlich gerade die dem Publikum noch geläufigen Popsongs der letzten Jahrzehnte ganz besonders zu jener Unterhaltsamkeit beitragen, die dem Abend seine Popularität verleihen und für einmal auch ein jüngeres Publikum ansprechen dürfte.

Überraschendes Ensemble

Zum Gelingen des Ganzen, das bei der Premiere mit begeisterten Ovationen gefeiert wurde, tragen aber nebst dem improvisatorischen Können der kleinen Musikgruppe vor allem auch die Leistungen eines Schauspielensembles bei, das sich in einer ungewohnten, rein pantomimischen Darstellungsart voll bewährt und ganz offenbar Spass an der Sache hat.

Barbara Grimm jedenfalls sah man noch nie so aufgekratzt-jugendlich wie an diesem Abend, Günter Baumann macht mehr als nur gute Miene zum verrückten Spiel, Atina Tabé verrät ein Talent, mit dem sie auch im «Moulin rouge» brillieren könnte, und Ernst C. Sigrist vermittelt dem Abend als Kellner und Entertainer aller schillernden Vielfalt zum Trotz die nötige Homogenität.

Premiere in Biel: 5.1.2019 (Der Bund)

Erstellt: 17.12.2018, 06:48 Uhr

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