Erst den Hass wieder loswerden

Das Theaterfestival Auawirleben startet mit einem bewegenden Doku-Stück über den Falklandkrieg.

Das Erstaunliche an «Campo Minado/Minefield» ist, dass die brutale Realität den Abend nicht erdrückt.

Das Erstaunliche an «Campo Minado/Minefield» ist, dass die brutale Realität den Abend nicht erdrückt. Bild: Tristram Kenton/zvg

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Es klingt wie eine Anklage, als am Ende die Band spielt. Zum krachenden Rock skandiert der Sänger: «Warst du schon einmal im Krieg?» In einem anderen Kontext hätte seine Performance einen moralisierenden Beigeschmack. Nicht aber hier in der Dampfzentrale, am Eröffnungsabend der 36. Ausgabe des Berner Theaterfestivals Auawirleben.

Selten hat sich ein Saal beim Schlussapplaus so rasch zur Standing Ovation erhoben wie nach dem dokumentarischen Stück «Campo Minado/Minefield». Die argentinische Regisseurin Lola Arias hat für das Projekt sechs Zeitzeugen auf die Bühne geholt, die 1982 im Falklandkrieg gekämpft haben. Die Auseinandersetzung zwischen Argentinien und Grossbritannien dauerte 74 Tage und schien wie aus der Zeit gefallen: Es kam zu Schützengrabenkämpfen und Seeschlachten wie im Ersten Weltkrieg («Kleiner Bund» vom 14. Mai).

Auf die eigene Mine getreten

Und es lief auch einiges schief. So erinnert sich etwa ein argentinischer Ex-Soldat, wie seine Kollegen auf eine Landmine getreten sind – eine, die von der eigenen Armee gelegt worden war; nur die Männer vor Ort hatte niemand informiert. Und so hielt er nach der Explosion das abgetrennte Bein eines Freundes in den Händen.

Während der Mann spricht, filmt eine Kamera eine Miniaturlandschaft mit Plastikfiguren; die Aufnahmen werden zeitgleich auf Leinwände projiziert, die zusammen eine grosse, weisse Ecke bilden. Hier erscheinen auch Zeitungsartikel, Briefe an Angehörige oder vergilbte Tagebucheinträge (Bühne: Mariana Tirantte; Video: Martin Borini). Alles Dokumente, die von damals erzählen. Und doch erdrückt die Schwere der brutalen Wirklichkeit diesen Doku-Abend nicht – das ist das ebenso Erstaunliche wie Intelligente daran.

Denn die sechs «Ü-50-Veteranen», wie sie sich selbst einmal bezeichnen, berichten nicht nur vom Krieg, sondern auch von den Proben zu diesem Stück. Sie äussern Zweifel daran, ob sie überhaupt für eine Mehrheit sprechen können. Sie fragen, wo denn die Toten seien in diesem «fucking play». Genau dadurch, dass «Campo Minado/Minefield» die Grenzen der Darstellungsmöglichkeiten immer wieder thematisiert, wird klar, dass es hier nicht um akribische Realitätstreue geht.

Sondern darum, was diese Männer verbindet. Fassbar wird das in einer bewegenden Therapiestunde, bei der sich zwei ehemalige Soldaten, ein Brite und ein Argentinier, gegenüber sitzen. Im Hintergrund sehen wir Nahaufnahmen ihrer Gesichter, während sie über die Zeit nach ihrer Rückkehr sprechen. Über den Hass zum Beispiel, den sie erst wieder loswerden mussten. Über ihre Drogensucht und die Suizide von Freunden. Zwei Seiten, zwei Versionen

Aber «Campo Minado/Minefield» überspielt auch nicht die anhaltenden Spannungen zwischen den Nationen. So stehen bei den Veteranen noch immer Vorwürfe im Raum: jener zum Beispiel, dass die Briten das argentinische Kriegsschiff General Belgrano ausserhalb der Sperrzone versenkt hätten. Auf der Bühne wird dann auch mal abgewinkt, wenn man nicht einverstanden ist mit den Darstellungen der anderen Seite. Oder auf Wikipedia verwiesen: Dort gebe es zwei unterschiedliche Versionen des gleichen Eintrags, die eine auf Spanisch, die andere auf Englisch.

Auch jetzt reden die Veteranen ausschliesslich in ihrer Muttersprache (mit Übertiteln fürs Publikum). Menschlichkeit aber kennen sie alle. Da ist etwa der nepalesische Gurkha-Krieger, der doch angeblich so kaltblütig gegen Feinde vorgeht – ausgerechnet er lässt bei Gefangenen Gnade walten. Und da ist auch der junge britische Soldat am Fernsehen, der nicht seine gefallenen Kameraden, sondern den Tod eines Argentiniers beweint.

Nie klingt es geschauspielert, wenn die Männer von ihren Erlebnissen erzählen. Ihre Berichte sind sprechend genug – und es müssen nicht einmal spektakuläre Schilderungen von Bombenangriffen sein, die die Gruppe jeweils lautmalerisch ausschmückt. Er habe das zerschossene Gesicht eines Toten nicht mehr aus dem Kopf bekommen, sagt einer. Als er seine Mutter nach seiner Rückkehr umarmt habe, sei sie ihm kleiner vorgekommen, erzählt ein anderer. Ruhig und unaufgeregt.

Nur die Stromgitarre heult am Schluss, als sich die Veteranen zur Rockband formieren. Können wir also verstehen, wie es im Krieg ist? Was diese Männer erlebt haben? Kaum. Aber wir können zuhören.

Auawirleben dauert noch bis zum 26. Mai. (Der Bund)

Erstellt: 17.05.2018, 18:35 Uhr

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