«Er hat auch mir mal an den Arsch gelangt»

Ex-Schauspielhaus-Chef Matthias Hartmann soll ein Theater-Diktator sein. Nun spricht Katharina von Bock über ihre Erfahrungen mit ihm.

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«Druck machen, manipulieren, da war er Spezialist, das konnte er gar besser als inszenieren», sagt Katharina von Bock über den Regisseur Matthias Hartmann. Die gebürtige Kölnerin ist dem Schauspielhaus Zürich seit den Neunzigern verbunden, auch Hartmann holte sie als Intendant auf die hiesige Bühne. Etwa in die von ihm inszenierte Uraufführung von Justine del Cortes «Sex» 2008. Verunsicherung sei sein Ding gewesen, Demütigung, Machtdemonstration.

Der offene Brief, den die Wiener Zeitung «Der Standard» veröffentlichte und den ein grosser Teil der Burgtheater-Crew unterschrieb (von der Souffleuse bis zu Schauspielstar Nicholas Ofczarek), überrascht von Bock darum nicht. Darin heisst es, dass unter Hartmanns Burg-Direktion «Abhängigkeiten und Betriebshierarchien nicht durch einen verantwortungsvollen Umgang aufgefangen» worden seien, «sondern eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung» geherrscht habe. Rassistische und sexistische Witze, Herabsetzungen von Technik- und Multimediamitarbeitern seien an der Tagesordnung gewesen.

Hartmann selbst bestreitet dies nicht und entschuldigt sich für allfällige Verletzungen. Er will sein Verhalten jedoch nicht als übergriffig oder diskriminierend verstanden wissen, sondern eher als unschönen Kollateralschaden im harten Theaterbusiness, in dem er quasi ohne Samthandschuhe agiert habe.

«Zweck der Aktion war, die andere Schauspielerin zu demütigen»

Die seit 1993 in Zürich lebende Theater- und Filmschauspielerin von Bock («Grounding», «Lüthi & Blanc») weiss, was das bedeutet. «Er hat auch mir mal an den Arsch gelangt, aber natürlich mit dem süffisanten Lächeln, das sagt: ‹Alles nur Spiel.› Sehr diffizil. Oder er wuschelte mir – während der Probe! – durch die Haare und fragte lautstark, ob wir nachher essen gehen. Zweck der Aktion war, die andere Schauspielerin zu demütigen, die gerade ihren Part sprach – was ihn langweilte.»

Ähnliches habe sie oft erlebt, etwa als der noch unerfahrene Regisseur Jan Stephan Schmieding in Zürich Anja Hillings «Mein junges idiotisches Herz» zur Premiere brachte: 15 Minuten bevor der Vorhang hochging, baute sich Hartmann vor ihr und dem geschockten Schmieding auf, um ihr jetzt mal zu sagen, wie ihr Auftritt eigentlich gehe. «Hartmann ist einer von denen, die sich von der Macht der Regisseursposition zur Hybris verleiten lassen. Er arbeitet damit, andere kleinzuhalten, ist ein ironischer Schnelldenker und zugleich wie ein Baby mit zu viel Reichweite. Aber früher wehrte man sich nicht.» Sie sei als Schauspielertochter damit aufgewachsen, dass der Regisseur der Guru, sein Input grundsätzlich richtig sei. Auch seien die Grenzen fliessend in diesem Beruf, in dem Qualität nicht objektiv zu messen sei wie etwa beim Arzt die gelungene OP – sondern wo viel von den «Vibes» und vom persönlichen Geschmack abhänge. Tatsächlich heisst es in der Szene auch über andere hiesige Theater, dass der Ton früher mitunter sehr rüde gewesen sei, etwa am Theater Kanton Zürich – wohlgemerkt, bevor Rüdiger Burbach 2010 die Leitung übernahm.

Unter seiner Direktion habe «eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung» geherrscht: Der frühere Schauspielhaus-Chef Matthias Hartmann. (Archiv) Bild: Lilli Strauss/dapd/Keystone

Schon in der Schauspielschule in Hamburg gings bei Katharina von Bock los: Der erste Lehrer empfahl von Bock eine Busenverkleinerung. Zürich-Intendant Gerd Leo Kuck gab ihr über die Osterpause mit auf den Weg, nicht so viel zu futtern. Mindestens 23 persönliche Geschichten vom Übergriff im feudalistischen, patriarchalen System Theater kann von Bock erzählen; von unerwünschten Küssen und Berührungen, von Druck, Erniedrigung. «Verrückt, wie man das von sich abspaltet über die Zeit», stellt sie fest. «Jessica Früh sagte mir mal, sie gehe nur noch mit der Hand am Revolver zur ersten Leseprobe.» Das wurde auch Katharina von Bocks eigenes Motto.

Heute gehts der 1968 Geborenen besser: «In meinem Alter bin ich kein Ziel mehr. Auch ist das Klima am Theater Kanton Zürich, wo ich heute hauptsächlich bin, und bei SRF völlig anders.» Sie versucht, ihrem zwölfjährigen Sohn zu erklären, wieso es überhaupt so schwer ist, sich abzugrenzen. Vielleicht liege es auch am Wesen des Schauspielers an sich: Man wolle ja gefallen, was machtgierigen Regisseuren ungut in die Hände spiele. Doch nun gilt: «Time’s up.» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 05.02.2018, 18:53 Uhr

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