Endzeit im Hochhaus

Filmreife Szenen, wenig Substanz: In ihrem Stück «Winterkrieg im Galgenfeld» führt die Berner Theatergruppe Vor Ort das Publikum ins leer stehende Swisscom-Gebäude.

Der Anfang einer beklemmenden Gedankenreise: Ein einsames Bett steht da auf dem Dach des Hochhauses, beleuchtet von Scheinwerfern und umweht von wilden Flocken.

Der Anfang einer beklemmenden Gedankenreise: Ein einsames Bett steht da auf dem Dach des Hochhauses, beleuchtet von Scheinwerfern und umweht von wilden Flocken. Bild: Stefan Maurer

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Glück gehabt mit dem Wetter: Ein kleiner Schneesturm fegt über Bern. Was bei manchen Freilichtveranstaltungen ein Grund wäre, die Vorstellung abzusagen, könnte hier oben auf dem leer stehenden Swisscom-Hochhaus an der Ostermundigenstrasse in Bern keine bessere Kulisse abgeben. Ein einsames Bett steht da, beleuchtet von Scheinwerfern und umweht von wilden Flocken. Und unter den Laken liegt ein Paar, das seine letzten gemeinsamen Minuten geniesst. Denn er zieht in den Krieg.

In den «Winterkrieg im Galgenfeld» genau genommen – so heisst das neue Stück der Berner Theatergruppe Vor Ort. Das Kollektiv, das zuletzt im Sommer 2017 «Moby Dick» auf dem Wohlensee inszenierte, wählt für seine Projekte gerne ungewöhnliche Schauplätze: «Ortsassoziatives Theater» nennt sich das, und im Falle des leerstehenden Turms scheint der Austragungsort besonders inspirierend gewirkt zu haben.

Reise durch die Kellerschächte

Hier befindet sich derzeit ein ganzes Gebäude im Ausnahmezustand. Den Ernstfall hat man auch damals bei der Konstruktion im Sinn gehabt, als man neben den hellen Büroräumen in der Höhe auch fensterlose Schutzräume im Untergeschoss einrichtete. Nur: Wann werden wir die tristen Kellerbunker tatsächlich beziehen? Was soll hier in der Schweiz schon passieren? Während wir zusammengepfercht in einem Warenlift nach oben fahren, berichtet ein Radio von den Terroranschlägen am 11. September 2001. Und damit beginnt eine beklemmende Gedankenreise.

Oder besser: ein apokalyptisches Stationentheater. Ausgegangen ist die Gruppe Vor Ort (Künstlerische Leitung: Sonja Riesen, Mathis Künzler) von Friedrich Dürrenmatts Zukunftserzählung «Der Winterkrieg in Tibet»; darin kämpft ein Söldner nach dem Dritten Weltkrieg im tibetischen Hochgebirge, unter dem sich im Erdinnern ein riesiges Labyrinth befindet. Verlaufen könnte man sich auch hier im Galgenfeld, denn die verlassenen Stockwerke und Kellerschächte sehen alle gleich aus. Aber man wird ja zum Glück durch die Gänge geführt von ein paar schrulligen Figuren, die wohl das Tageslicht schon lange nicht mehr erblickt haben.

Wohin die Reise führt, weiss niemand so recht, aber gerade die Ungewissheit ist in diesem Setting beflügelnd.

Wohin die Reise führt, weiss niemand so recht, aber gerade die Ungewissheit ist in diesem Setting beflügelnd: Es fällt einem leicht, sich das ausgestorbene Hochhaus als letzten Zufluchtsort während einer Zombie-Apokalypse vorzustellen. Dazu passt auch, dass in einem Raum zwei verdrogte Herumstreuner (Noah Egli, Anna Blöchlinger) schicksalsergeben die Party ihres Lebens feiern, ein blinder Überlebenskünstler (Mathis Künzler) verloren durch den Untergrund taumelt oder eine Dame im Deuxpièces (Ursula Stäubli) die letzten Stunden vor dem Untergang nutzt, uns wortlos ein paar Kunstwerke zu zeigen.

Nach der Apokalypse

Auf die trockene Komik solcher Momente folgt allerdings bald Bedrückung, als man in der Tiefe an einem Maschendrahtzwinger vorbeigeht. Hier sitzt Jeff Nsingi Ambassi: Der frühere Fussballer stammt aus der Republik Kongo und ist einer von mehreren Geflüchteten und Migranten, die im Stück auftreten («Kleiner Bund» vom 5. Januar). Und es braucht tatsächlich nicht mehr als den Anblick des eingesperrten Mannes, um Bilder aus einer Erfahrungswelt wachzurufen, die uns fremder nicht sein könnte. Ähnlich ergeht es einem, als die Somalierin Nayruus Mohamed in einem Luftschutzkeller bei Tee und Kaffee vom Krieg berichtet, während das Publikum auf Kissen Platz nimmt (Ausstattung: Heidy-Jo Wenger).

Weil Dominique Jann (Konzept und Regie) dem Elend aber auch die menschliche Willens- und Schöpfungskraft entgegensetzt, ist «Winterkrieg im Galgenfeld» mehr als Betroffenheitstheater. Dazu gehört zu erfahren, wie sich Nayruus Mohamed ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft hat, obwohl sie mit ihrem Aufenthaltsstatus weder verreisen noch arbeiten darf. Dazu gehört das feinsinnige Geigenspiel von Mahdi Al Tashly – aber auch die Szene, in der Mei-Siang Chou (musikalische Leitung) mit Kopftuch und Stromgitarre ein Auditorium mit zornigem Noise beschallt. Solche nahezu filmreifen Nummern verbergen sich praktisch hinter jeder Tür. Wie die Zuschauerschar einer Untotenhorde gleich durchs Parkhaus schreitet, immer dem Licht am Ende des Schachts entgegen, wo Reverend Beat-Man sie mit einem Höllensong in Empfang nimmt: spektakulär.

Nur ist das dann auch der Moment, ab dem der Abend in seine Einzelteile zerfällt. Denn ohne jeglichen dramaturgischen Bogen dauern zweieinhalb Stunden ziemlich lange – auch wenn der Ausflug ins angrenzende Gebäude der Hochschule der Künste in einen magischen Untergrund führt.

Finale auf dem Schrottplatz

Versöhnt wird man mit einem musicalhaften Finale auf einem Schrottplatz inklusive Gastauftritt einer jungen Tanzgruppe. Zwar geht bis dahin vergessen, worin denn eigentlich das inhaltliche Anliegen dieses Theaterabends besteht. Kam nicht die Fichenaffäre auch noch irgendwann vor? Egal. Jetzt an der kalten Winterluft zählt vor allem der Gedanke ans warme Daheim. Oder vermutlich noch mehr: dass man eines hat.

Weitere Vorstellungen bis 10. Februar. Alle Termine unter www.vorort.be (Der Bund)

Erstellt: 12.01.2019, 07:59 Uhr

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