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Einer steht noch

«Kinder der Sonne»: Am Berner Stadttheater will Regisseur Kieran Joel ein Bild unserer Gegenwart zeigen.

Gleich schreien sie ihn nieder: Die versammelten Mitglieder der Bourgeoisie und ihr Hausmeister (Delpy, Krafft, Quest, Schmidt, Le Moign, Koechlin und Maeder).
Gleich schreien sie ihn nieder: Die versammelten Mitglieder der Bourgeoisie und ihr Hausmeister (Delpy, Krafft, Quest, Schmidt, Le Moign, Koechlin und Maeder).
Annette Boutellier

Die Welt, in der sie leben, sie steht auf Stelzen. Ein grossbürgerlich aus- und gutbürgerlich einladendes Wohnzimmer; Parkett, olivgrüne Blumentapete, helle Zierleisten, und hinten öffnet sich ein Wintergarten. Bisschen seltsam zwar, dass es hier keine Möbel gibt, sondern nur Bücher, die sich auf dem Boden und an den Wänden stapeln. Aber wirklich seltsam ist etwas anderes: dass das Ganze ausschaut wie eine Etage, die jemand aus einem Puppenhaus herausgeschnitten und hierher versetzt hat, auf diese Bühne – aber ohne Bodenhaftung, weil diese ganze Wohnschublade eben pfahlbauerhaft gestelzt einen guten Meter über dem schwarzen Grund in der Höhe schwebt.

Begriffen? Der Bühnenbau (von Belle Santos) stellt schon mal die ganze Botschaft des Abends hin: Hier fehlts am Kontakt zur Wirklichkeit. Das ist das grosse Problem der Gesellschaft, die dieses Wolkenkuckucksheim bewohnt und nun gleich auf die Szene tritt. Und das ist auch die Diagnose, die den jungen deutschen Regisseur Kieran Joel offenbar interessiert an diesem Stück: an den «Kindern der Sonne», dem Drama, das Maxim Gorki 1905 geschrieben hat. Sein Russland war damals zaristisch, aber es stand auf der Schwelle zur Revolution, und Gorki porträtierte jene bourgeoise Intelligenzija, die die Revolution mittragen sollte. Bei ihm führt sie wohl weltverbesserische Reden und träumt von einem erfüllten Leben. Doch für die wahren Nöte der Bevölkerung, für Armut, Elend und Hunger hat sie kein Auge. Und schon gar kein Bewusstsein.

Alles andere muss weg

Das ist die Gegenwart von gestern. In jener von heute spricht keiner mehr von der Revolution. Aber viele reden von der «Bubble» und ähnlichen Phänomenen der Wirklichkeitsausblendung, von politischen Tabus und medialen Filtern, von der Tyrannei der Moral, der Macht der Sprache und vom Kampf um den Diskurs. Insofern ist dieses buchstäblich abgehobene Wolkenkuckucksheim in der grossen Vidmarhalle schon einmal ein Versprechen – ein Bild, das einen Nerv der Gegenwart gleichermassen trifft wie einen der entscheidenden Punkte bei Gorki.

Doch es gibt noch andere. Es sind die einer ganzen Innerlichkeit. Die «Kinder der Sonne» sind ein Drama, und das handelt auch noch von Dingen wie unverstandener Liebe, vom Ringen um Gefühle, von zwischenmenschlichen Komplikationen unter den Bewohnern einer mehr als hundert Jahre alten bürgerlichen Welt. Was tut man mit all dem, wenn man aus der Parabel auf die russische Oberschicht um 1900 eine Parabel auf die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts machen will? Antwort, offensichtlich: Es muss weg. Und wo das nicht geht, wird es überspielt.

Kieran Joel – Affiche: frisch diplomierter, aber schon an besten Adressen tätiger und darum vielversprechender Regienachwuchs – hat sich für eine gröbere Operation entschieden. In seiner Inszenierung hobelt er von diesem Stück alles ab, was nicht zu seinem Unternehmen passt, darin ein Bild für unsere Gegenwart zu finden. Darum ist der Text hier so gekürzt, dass er sein historisches Setting kaum noch verrät. Und darum fehlt hier auch jene ganze Innerlichkeit. Die spielen die sieben Akteure förmlich weg aus ihren Figuren, und zwar mit ausgiebig PS und Tempo.

Da ist Protassow, Hausherr und darum Hauptfigur, vor allem aber Chemiker; er ist besessen von der Idee, die Menschheit sei sein Labor, und er könne sie perfektionieren mit den Mitteln wissenschaftlicher Vernunft (Alexander Maria Schmidt). Dann seine Schwester Lisa, eine Art altrussisches Gothic Girl, heimgesucht von romantisch-düsterer Welt- und Weltuntergangsverzweiflung (Florentine Krafft). Ein Maler namens Wagin, der die Menschheit mit seiner Kunst erlösen will, vorher aber sich selbst (Julian Koechlin). Eine Erbin, die mit ihrem Geld um die Liebe des Hausherrn kämpft (Chantal Le Moign). Und schliesslich Jelena, dessen Frau, die das ganze Drunter und Drüber mit managerkühler Gouvernantenhand vor dem Kollaps bewahrt (Nora Quest).

Aber vielleicht klingt das zu lebhaft. Denn Kieran Joels Operation lässt Gorkis tragikomischem Personal weder die Tragik noch die Komik. Sondern nur ein zwangsläufig oberflächliches und darum kaum je packendes Gezappel: Das sind Leute, die die Seele nicht mehr haben, die sie haben müssten, um die Dinge zu sagen, die sie sagen. Es sind flache und doch abendfüllende Karikaturen, geheimnislos wie ihre Comicfigurenkostüme (nochmals Belle Santos), und man muss kein Anhänger von psychologischem Tiefgang im Theater sein, um mit diesen Typen ordentlich unglücklich zu werden.

Bis auf einen. Irgendwie schafft es Nico Delpy mit seiner wunderbar unterspannten Art, dem Tierarzt Tschepurnoi doch so etwas wie Charakter zu geben. Wie er in glockenheller Aufgeräumtheit seinen Nihilismus pflegt, während alle anderen irgendeinem Sinn im Leben nachrennen, um es überhaupt aushalten zu können, und wie er dann den Selbstmord zur Lösung aller Probleme erklärt und auch praktiziert, gleichermassen nonchalant – das ist, umgekehrt, schon sehr aufregend.

Doch sonst ist diese Inszenierung konsequent damit beschäftigt, alle Energie von innen nach aussen lenken. Und dort, leider erst dort kann sie zünden: nämlich wenn sie den Hausmeister Jegor (Stéphane Maeder) trifft. Dann und wann taucht er als Bittsteller hier auf, als einziger und letzter Vertreter der proletarischen Massen, der aus Gorkis Stück noch übrig ist: Schnaufend und schwitzend und zunehmend irr verkörpert er jenes reale Elend der Welt, von dem die Bewohner des gesellschaftlichen Obergeschosses nichts wissen wollen. Draussen wüten nämlich der Hunger und die Cholera, und sie überhören es wörtlich: Ihre Ignoranz ist der Chor aus Parolen einer wohlfeilen Moral, mit dem sie Jegor niederschreien.

Und so stellt einem diese Inszenierung immerhin das Bild der Wirklichkeitsverweigerung nochmals handfest vor Augen; als Bild einer rundum mit sich selbst beschäftigten und verblödenden Klasse. Und die andern? «Sie hassen uns», sagt Lisa auf ihre gotisch düstere Art, und auch das ist ein rarer, weil ergreifender Moment: «weil wir uns entfremdet haben. Weil wir satt sind und gut gekleidet. Ihr Hass ist blind, aber wir provozieren ihn, und er wird uns vernichten!»

Ein bisschen frivol

Fragt sich nur, ob das jetzt reicht für die Ansage zum Abend, dieser Hausmeister sei nichts anderes als einer jener «Wutbürger», die heute durch die Medien geistern. Und die Bourgeoisie sei nichts anderes als die «linke Elite», die die «Empörung» dieser «Wutbürger» nicht ernst genug nehme. Maxim Gorki kann man nicht fragen.

Aber vielleicht hätte er es schon ein bisschen frivol gefunden, den millionenfachen Existenzkampf eines entrechteten und ausgehungerten Proletariats zu verwechseln mit der Instrumentalisierung von Anerkennungsdefiziten in einer demokratisch verfassten Wohlstandsgesellschaft. Und vielleicht hätte er auch nach jener Elite gefragt, die genau diese Instrumentalisierung betreibt, medial und politisch. Oder ihr derart unüberlegt folgt. Im Theater etwa. Weit hinaus über das Bühnenbild und seine Botschaft ragt die Gegenwartsdiagnose dieses Abends auf jeden Fall nicht.

Weitere Vorstellungen: bis 7. Juni

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