Eine umwerfende Verpuppung

So hat man Händels Zauberoper hier noch nie gesehen: Nikolaus Habjan inszeniert «Alcina» mit der Freitagsakademie, Bern Vocal und den Geschöpfen aus seiner Werkstatt.

Wer singt hier eigentlich, und wer ist wessen Chef? Manuela Linshalm (mit Alcina) und Jan Börner (mit Ruggiero).

Wer singt hier eigentlich, und wer ist wessen Chef? Manuela Linshalm (mit Alcina) und Jan Börner (mit Ruggiero). Bild: Bernhard Fuchs (zvg)

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Verzweifelt steht Alcina da, alt, kahl und schwach, ihrer Zauberkräfte beraubt. Sie tut einem leid, so unsympathisch sie auch erschienen sein mag: In Händels Universum, randvoll mit zeitloser, mitreissender Musik, ist Mitgefühl selbst mit übelsten Gestalten plausibel. Das Publikum staunt seit zwei Stunden, dem Verstreichen der Zeit enthoben.

Eine radikale Neufassung

Dabei funktioniert nicht alles an diesem Abend. Die instrumentale Einleitung wirkt zögerlich, windschief die Intonation der unzähligen Verzierungen. Unter tonalen Unschärfen leidet nicht weniger das späte Erscheinen der beiden Hörner, die Sopranistin Olivera Ti?evi? singt ebenfalls nicht immer tonsicher. Doch sind dies kleine Schönheitsfehler einer aussergewöhnlichen Opernpremiere.

Ungewohnt schon die engen Platz­verhältnisse auf der Vorbühne im Stadttheater, wo sich alles Geschehen zuträgt – und damit nicht genug: Mehrere Charaktere kommen gar nicht erst vor, dafür hat ­Stefan Suske (Textfassung) mit dem Erzähler (Peter Jeck­lin) eine Figur dazu­erfunden: einen gleichermassen neunmalklugen wie überforderten Schulmeister und Moderator, schrullig im grünen Anzug und mit einem Hellraumprojektor ausgestattet. Handgeschriebene Übertitel, mitunter live ergänzt, werden in trübem Licht sichtbar und erklären im Verbund mit Jeck­lins launigen Kommentaren die verworrene Handlung und die amourösen Verstrickungen. Beides ironisch gebrochen, da manch gesungener Text nicht wortgetreu übersetzt, sondern nur lakonisch zusammengefasst wird.

Wer sein Falsett derart geschmeidig moduliert, dürfte sogar im Liegen singen.

Dass die Rezitative dafür ganz gestrichen sind, sorgt für eine angenehme Beschleunigung der Geschichte, und man wünscht sich, die Übertitelung anderer Opern beschränkte sich auf ähnlich verdichtende Einzeiler. Suskes radikales Lib­retto bereitet die Szenerie für den Auftritt von fünf Sängern des Ensembles Bern Vocal (Einstudierung: Fritz Krämer) und der Artefakte aus dem Atelier von Regisseur Niko­laus Habjan: vier tisch­hoher Handpuppen mit unbeweglichen Gesichtern und einer Klappmaulpuppe in Lebensgrösse für die Hauptfigur («Kleiner Bund» berichtete).

Flehen, lügen, trösten

Die organische Interaktion zwischen Singenden und Puppen findet auf mehreren Ebenen statt. So taucht Ric­ciardo, als der sich Bradamante (Tamara Gura) ver- kleidet hat, ausschliesslich als Puppe auf – und wieder ab, als Bradamante ihre wahre Identität offenbart. Oronte ­(Michael Feyfar) und Morgana (Olivera Ti?evi?) benutzen Puppen als Tarnung, derer sie sich entledigen, sobald sie einander ihre Gefühle gestehen. Berührende Momente ergeben sich, wenn die Vokalisten ihre Rollen den Puppen überlassen, die sie in der Folge an­flehen, belügen oder trösten. Beeindruckend schliesslich Alcina, deren Mund von Manuela Linshalm so präzis bewegt wird, dass die Illusion entsteht, die Puppe rede und singe selbst.

Überdies erweist sich Marie Lys mit glasklarem, dynamischem Sopran und expressiver Mimik als grandiose Besetzung, mittels derer Alcinas Entwicklung von der Herrscherin zur gebrochenen ­Alten emotional erlebbar wird. Nicht minder überzeugt Guras dunkel gefärbter Alt, und Ti?evi? wartet mit warmem Timbre sowie beachtlichem Stimmvolumen auf. Feyfars lyrischer Tenor erblüht besonders in balladesken Passagen und unterstützt des Sängers lebendige Körpersprache, während Jan Börner (Ruggie­ro) physisch statischer agiert – was problemlos zu verschmerzen ist: Wer sein Falsett so geschmeidig moduliert, dürfte sogar im Liegen singen.

Es ist doch nur Theater

Und die Freitagsakademie? Sie findet nach den ersten wackligen Minuten zusammen, das Continuo treibt und schmelzt, dass es ein Ohrenschmaus ist, Katharina Suskes und Jan Krigovskys Oboen- bzw. Violone-Soli gelingen vorzüglich, die neun Musiker interpretieren Händels vielschichtige Komposition so feinfühlig wie packend. Die fesselnde Performance aller Beteiligten sowie die originelle Stückfassung und Inszenierung lassen das Publikum abwechselnd tief in die Gefühlswelt der Figuren eintauchen und verblüfft auflachen, wenn eine hingeworfene Bemerkung Jecklins klarstellt, dass doch alles nur Theater ist.

Übrigens: Eine Händel-Arie kann man auch pfeifen. Sofern man Nikolaus Habjan ist, der nach nicht abreissendem Applaus eine unwiderstehliche Zugabe gibt.

Letzte Vorstellung: Dienstag, 19.30 Uhr

(Der Bund)

Erstellt: 17.09.2018, 06:44 Uhr

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