Eine «kleine Änderung»

Sechs von vierzehn Schauspielern verlassen das Stadttheater Bern. Und nicht alle freiwillig. Dabei wollte man mit diesem Ensemble «in die Zukunft gehen».

Die nächste Vorstellung fällt aus: Kornelia Lüdorff im Stück «Wie im Himmel».

Die nächste Vorstellung fällt aus: Kornelia Lüdorff im Stück «Wie im Himmel». Bild: Annette Boutellier

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Man suche als Nachfolger eine Person, die mit dem bestehenden Ensemble weiterarbeite. Das erklärte das Stadttheater vergangenen Januar laut dem Theaterportal www.nachtkritik.de; und zwar wenige Tage nachdem der Stiftungsrat die bisherige Schauspielleiterin Stephanie Gräve per sofort freigestellt hatte.

Denselben Willen hat seither Stiftungsratspräsident Benedikt Weibel öffentlich bekräftigt, ebenso Intendant Stephan Märki, der die Freistellung Gräves beantragt und ihre Funktion provisorisch übernommen hatte. «Gern möchte ich den Grossteil des Ensembles behalten», sagt er dem «Bund» im Mai.

Dass einige Schauspieler ihre Stelle aufgeben werden, war schon damals bekannt. Und «wenn sie gehen wollen, lasse ich sie ziehen», so der Intendant. Vier sind es nun, die gehen wollen: Lukas Hupfeld, Sophie Melbinger, Deleila Piasko und Sebastian Schneider.

Das sind allerdings nicht alle Abgänge: Darüber hinaus hat das Stadttheater die Verträge zweier Schauspieler nicht verlängert, seit Cihan Inan im August als Nachfolger Gräves gewählt worden ist. Es handelt sich um die Verträge von Tobias Krüger und Kornelia Lüdorff; so viel ist spätestens seit dem Facebook-Post des Stadttheaterkritikers Samuel Schwarz bekannt.

«An anderen 
Häusern werden nahezu ganze 
Ensembles ausgetauscht.»

Stephan Märki, Intendant

Der neue Schauspieldirektor bekommt mit den Abgängen zwar die von Märki versprochene «Chance, dass er Wahlmöglichkeiten hat und Stellen besetzen kann». Wie aber verhält sich das Theater zu seinem erklärten Willen, «mit diesem Ensemble in die Zukunft zu gehen» (Weibel)?

«Rein künstlerische Gründe»

«Das Versprechen haben wir gehalten», sagt Stephan Märki auf Anfrage: Es habe sich nur auf die laufende Saison 2016/17 bezogen, auf die «Interimsspielzeit» zwischen dem Abgang Gräves und dem Amtsantritt ihres Nachfolgers im nächsten Jahr. «Über diesen Zeitpunkt hinaus haben wir keine Garantien geben können.»

Für die unfreiwilligen Abgänge führt Märki «rein künstlerische Gründe» auf. Als neuer Schauspieldirektor müsse Inan die Möglichkeit haben, «eigene Vorstellungen der Ensemblezusammensetzung» zu realisieren – Entscheidungen, die Märki mittrage. Das betreffe beispielsweise die «Altersstruktur». Tatsächlich besteht das Ensemble derzeit aus verhältnismässig vielen Jungschauspielern.

Aus ihren Reihen kommen allerdings auch die vier freiwilligen Abgänge, sodass sich die Frage stellt, warum gerade Kornelia Lüdorff gehen muss, die zu den älteren Ensemblemitgliedern gehört. Auf die genauen Gründe wollte man beim Stadttheater am Mittwoch nicht näher eingehen. Laut Märki handelt sich bei den zwei nicht verlängerten Verträgen aber um eine «vergleichsweise kleine Änderung»: «Wenn Sie auf andere Häuser schauen – dort werden bei einem solchen Wechsel nahezu ganze Ensembles ausgetauscht.»

Unter dem Strich wird von den insgesamt vierzehn Ensemblemitgliedern allerdings fast die Hälfte ersetzt werden müssen. Was die vier Austritte aus eigenem Antrieb betrifft, so macht Märki geltend, dass es heute eben schwierig sei, junge Schauspieler «über zwei Jahre hinaus zu binden».

Krank geschrieben

Für am Mittwoch geplant, wurde die Premiere des Solostücks «Eine nicht umerziehbare Frau» Ende Oktober kurzfristig abgesagt und in den Januar verlegt; aufgrund einer Erkrankung, wie es offiziell hiess, von Kornelia Lüdorff, die die Hauptrolle spielt. Hat die Erkrankung mit ihrem Abgang zu tun? «Uns ist nichts dergleichen bekannt», sagt Märki. «Es liegt ein ärztliches Attest vor, und wir hoffen, dass Kornelia Lüdorff bald wieder gesund wird und auf die Bühne zurückkehrt.»

Für Lüdorffs Ausfälle in der laufenden Produktion «3.31.93» sowie im Weihnachtsmärchen «Die Abenteuer des Tom Sawyer», das im Dezember Premiere hat, wurden bereits Ersatzbesetzungen gefunden. Abgesagt wurde für kommenden Sonntag die Vorstellung der Wiederaufnahme «Wie im Himmel», an der Lüdorff ebenfalls beteiligt ist.

Sie selber will sich nicht öffentlich äussern; weder zu ihrem unfreiwilligen Abgang noch zu ihrer Erkrankung. Auch von Tobias Krüger sowie den vier freiwillig abtretenden Schauspielern war am Mittwoch keine Stellungnahme zu haben. (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2016, 06:46 Uhr

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