Ein Maestro macht aus Kleinkunst grosse Oper

Die Zürcher Festspielpremiere «Ausschliesslich Inländer» bietet mit Puppen und Musik einen Ritt ins Reich des falschen Lebens.

Puppen mit Wahnsinns-Klappmäulern, Kugelaugen und knittrigen Händen: Das Stück «Ausschliesslich Inländer» gefällt als schräges Gesamtwunderwerk. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

Puppen mit Wahnsinns-Klappmäulern, Kugelaugen und knittrigen Händen: Das Stück «Ausschliesslich Inländer» gefällt als schräges Gesamtwunderwerk. Foto: Toni Suter (T+T Fotografie)

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So geht Festspielpremiere! Musikalisch mitreissend, handwerklich meisterhaft, dabei Gott und die Welt – und uns – munter in die Mangel nehmend. Die fast zweistündige Nestbeschmutzer-Fete «Ausschliesslich Inländer», die jetzt in der Schiffbaubox uraufgeführt wurde, ist so fäkalfrei, dass sie ungefiltert anschlussfähig ist an den Mainstream. Wirk­lich eine supersaubere Sache.

Damit sind wir, gleich hier am Anfang, auch die schwerwiegendste Kritik an dem Georg-Kreisler-Abend des Grazer Puppenkünstlers Nikolaus Habjan und der Osttiroler Musicbanda Franui losgeworden. Und können uns danach ohne Reue den schönen Dingen widmen, von denen es am Samstag ja eine ganze Menge gab.

Klappmäuler und Stabarme

Also noch einmal: Der 1922 in Wien geborene jüdische, nach der Flucht vor den Nazis amerikanisierte Autor, Musiker und Kabarettist Kreisler hat durchaus Peitschenschläge in petto. Und Habjan hätte sie nicht unbedingt ganz so soft abfedern müssen. Aber hey, dafür liess man sich umso williger hineinsinken und hineinsaugen in dieses schräge ­Gesamtwunderwerk: Der sechsköpfigen Band mit den mindestens 13 Instrumenten und dem sechsköpfigen Schauspielensemble mit den mindestens 13 Puppen, die Wahnsinns-Klappmäuler, Kugelaugen und Stabarme mit knittrigen Händen haben, glückte ein Husarenritt ins Reich des falschen Lebens.

Da ist beispielsweise das furztrockene, ungeschönte Arschkriecher-Liedchen «Der Staatsbeamte». Es funktioniert auch ohne einen Background mit austriakischem Beamtenstaat bestens und demaskiert die bis heute aktuelle Überlebensstrategie: «Na, ma brauch’ schon a bisschen Routin’ / Um so wie ich von Arsch zu Arsch zu zieh’n».

Dann wieder tauft Kreisler ein Neugeborenes mit einer übervollen Kanne bitterer Sinnlosigkeit: «Für wos bist du gekommen?», titelt der böse Song und klagt am Schluss: «Wärst Du doch geblieben, wo Du warst!» In «Als der Zirkus in Flammen stand» wird wiederum ein Vogel Strauss geröstet, der seinen Kopf nicht aus dem Sand ziehen mag. Und nebenbei werden 28 Kinder plattgemacht – «selten hab’n wir alle so gelacht».

Wir auch nicht, schon gar nicht, wenn es so ans Lebendige ging wie hier. Der Tod geht um in Kreislers Lyrics. Putzmunter aber ist der innere Schweinehund des Menschen, vorzugsweise in Gestalt eines Schäferhundes – Hitler-Wolfshundes. Darum hat Nikolaus Habjan für «Ausschliesslich Inländer» gleich mehrere solcher Viecher geschaffen, plüschige Monster mit mächtigen Kiefern und buschigen Schwänzen, welche ein Eigenleben führen.

Der innere Schweinehund des Menschen ist putzmunter.

So begleiten Michael Neuenschwander bei seinem komischen Solo als xenophober Bünzli-Helvetier die Kläffer Willi und Tell; kleiner Insiderwitz des (im Übrigen fabelhaft mitspielenden) Regisseurs Habjan, gab Neuenschwander doch den Schweizer Heroen 2013 in Zürich. Und namenlose Hundsfotte bewachen die Grenze, die Jakob Brossmann in die Schiffbaubox gebaut hat. Drei Zollhäuschen, die auf Euro-Paletten aufgebockt wurden und aussehen wie ausrangierte Seilbahnkabinen, motten erst einmal hinter rot-weiss gestreiften Schlagbäumen unter Plastikfolien vor sich hin.

Später werden die Folien verschwinden, die Lichter in den Fensterchen an- und aus-, die Vorhänge auf- und zu-, die Schlagbäume hoch- und runtergehen. Im Takt der Songs, fürs Amüsement, nicht für die Ankömmlinge, die Asylsuchenden, versteht sich. Die nutzen nämlich den Sozialstaat aus, schummeln bei der Altersangabe und sollten alle geröntgt werden, blökt es breit österreichernd aus dem Radio: Man tippt auf den Kärntner FPÖ-Innenminister Herbert Kickl.

«Stopp!», «Halt!», «Fermarsi!»

Danach freilich muss man nicht mehr raten: Miriam Maertens ruft mit ihrer Zöllner-Puppe laut «Stopp!», Michael Neuenschwander «Halt!», Claudius Körber «Halte!» und Benito Bause «Fermarsi!». Und Elisa Plüss – als Sängerin, die Verletzlichkeit in die Stimme haucht, ist sie eine Entdeckung – duckt sich weg, zusammen mit ihrem Geschöpf, das einen dünnen Sportsweater trägt und einen Teddy umklammert hält. Aber keine Chance: Die Maertens und ihr Zollbeamter entreissen dem Kind sein Herzensding und zerfleddern es mit Wolfshundinstinkt. Zeit für das Lied «Schützen wir die ­Polizei».

Da schützt man «jedes Tier» und auch den «Steuerhinterzieh’r»; man schützt die «Volksdemokratien» und die «Schützenkompagnien» – jetzt wär mal die Polizei dran, schmettert das Ensemble. Das Saxofon knätscht dazu, das Liveorchester trommelt und trompetet, kriegt jeden Stilmix hin, vom angeklezmerten Trauermarsch über schubertiadischen Swing bis zu neumusikalischem Gejodel. Was heisst hinkriegen? Hinbrettern und hinbrillieren. Oder auch mal hinflüstern. Und ganz selten nur hinlängen.

Auch die Schauspieler laufen zu Hochform auf, wenn sie tief runter müssen in diese existenziellen Ängste, von denen Georg Kreisler erzählt, und wenn sie dazu die Puppen tanzen lassen. Denen kann man übrigens grauslig hamletmässig die Köpfe abnehmen. Und wie Bause uns aufs Ohr haut, dass die Monotonie des Alltags uns tötet («Zuhause ist der Tod»); wie Maertens sich virtuos vom «Sonntagsspazier» zum «Fensterscharnier» singt, an dem sie hängen wird: schrecklich toll! Und zwischendurch schocken abgedreht-halluzinative Bilder, Zollhäuschen mit Zähnen, wandernde Riesenaugäpfel. Zum Weg­gucken und Hingieren. Der Regisseur und Figurenmaestro Habjan macht aus genialer Kleinkunst grosse Oper.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2018, 08:41 Uhr

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