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Ein Ensemble im Spagat

Zehn Jahre nach dem Tod ihres Gründers muss die Compagnie Maurice Béjart sein Erbe bewahren, aber auch weiterentwickeln. Wie sie das macht, ist bei einem Gastspiel im Mai in Zürich zu sehen.

Zehn Amazonen und ein Eindringling: Szene aus Gil Romans «Tombées de la dernière pluie». Foto: Lauren Pasche
Zehn Amazonen und ein Eindringling: Szene aus Gil Romans «Tombées de la dernière pluie». Foto: Lauren Pasche

Tanz ist, mehr noch als andere künstlerische Ausdrucksformen, ein Spiegel seiner Zeit; eine Reaktion auf das Leben, die in jeder Interpretation neu entwickelt werden muss und als Bewegung flüchtig bleibt. Andererseits gibt es jene Lichtgestalten, die Tanzgeschichte geschrieben haben, als Tänzer, als Choreografinnen, und deren Erbe möglichst unverändert gepflegt sein will.

Was geschieht mit einer Tanzcompagnie, wenn sie ihr Aushängeschild verliert? Wird sie zur Hüterin einer langsam verstaubenden Hinterlassenschaft, oder geht sie weiterhin neue Wege, wie sie es von ihrem Ursprung und Wesen her doch tun müsste? Die Compagnie von Maurice Béjart versucht beides zugleich. Einerseits, weil das Publikum fast ausschliesslich wegen der Werke ihres Gründers in die Theater strömt. Andererseits gehört der Anspruch, sich ständig weiterzuentwickeln, ebenso zu Béjart wie seine (zu ihrer Entstehungszeit oft umstrittenen) Choreografien selbst.

Nach Streitereien um die Finanzierung seines Ballet du XXe Siècle, das über 25 Jahre in Brüssel beheimatet gewesen war, zog Maurice Béjart 1987 in die Romandie und nannte sein renommiertes Ensemble Béjart Ballet Lausanne. Dreissig Jahre ist das her, im November sind es zehn Jahre, dass der grosse Meister gestorben ist. Das Programm, mit dem die Truppe anlässlich dieser Daten vom 4. bis zum 7. Mai im Zürcher Theater 11 gastiert, zeigt drei grundverschiedene Choreografien, die den Spagat verdeutlichen, den die Compagnie bewältigen muss.

Männer tanzen Piafs Chansons

Eröffnet wird der Abend mit «Piaf», entstanden 1987, als zweites Stück in Lausanne, uraufgeführt aber in Tokio. Auch das war und bleibt typisch für die Béjart-Compagnie seit ihrer Gründung: Sie ist fast ständig auf Tournee im Ausland und feiert ihre Premieren auf der ganzen Welt. In Lausanne stoppt sie nur zum Auftanken zwischen ihren Weltreisen, für längere Zeit ausschliesslich über die Sommermonate, um die mit der Stadt vereinbarten Aufführungen zu zeigen, die ihre (bescheidenen) Subventionen rechtfertigen.

«Piaf» also vereint all die Attribute, die Maurice Béjart berühmt gemacht haben. Wer sonst hätte es gewagt, die unvergessenen Chansons des «Spatzes von Paris», diese wunderbaren, hochdramatischen, rauf- und runtergenudelten ­Melodien und die Allgemeinplätze über Edit Piafs tragisches Leben als Grundlagen für ein Ballett zu verwenden? Und wer sonst hätte es gewagt, dazu nur Männer auf die Bühne zu stellen? Männer mit nackten Oberkörpern in kraftvollen Posen, in verzweifelten Windungen, in erotischer Attitüde – ganz Lustobjekt einer launischen, aber von allen geliebten Diva.

Maurice Béjart war ein Meister in der Publikumsverzauberung, und ähnlich wie die Piaf wagte er die grosse Geste ohne Angst vor dem dahinter lauernden Kitsch.

Das zeigt sich auch in «Le Mandarin merveilleux», einem Handlungsballett aus dem Jahr 1992 zur Musik von Béla Bartók, dessen Stimmung an die Filme von Fritz Lang erinnert, die Béjart zu der düsteren Geschichte inspirierten. Da sind die Gaunerkartelle aus «M – eine Stadt sucht einen Mörder», aber auch die Machtlosigkeit der Unterschicht aus «Metropolis». Und doch – oder gerade wegen dieser Reminiszenz an die Stimmung vor 1933 – wirkt das Stück bedrückend aktuell. Auch im «Wunderbaren Mandarin», dessen Titelfigur mehrmals ermordet wird und erst stirbt, als sie die Täuschung ihrer Liebe erkennen muss, stehen fast ausschliesslich Männer auf der Bühne; ihre tänzerische Virtuosität erhält viel Platz.

Deshalb steht zwischen den beiden männerlastigen Béjart-Reprisen «Tombées de la dernière pluie» von 2015, Gil Romans Choreografie für zehn Frauen und einen einzigen Mann. Dieser verirrt sich auf einer Endzeit-Müllhalde in einer Höhle, die von einem Stamm starker, graziler Amazonen bewohnt wird, die den Eindringling in wechselnden Formationen umtanzen.

Ein Fest für die Augen

Auch Gil Romans Stück baut auf starke Bilder. Im Gegensatz zu Béjarts Bewegungssprache wirken sie aber unbestimmt und beliebig. Dazu trägt auch die sehr unterschiedliche Musikwahl bei – Franz Schuberts letztes Streichquartett kontrastiert mit den zeitgenössischen Klängen des Duos Citypercussion. So gelingt der Versuch, die Compagnie zu erneuern, nur halb, denn Maurice Béjarts Choreografien wirken im Vergleich umso bombastischer. Nicht zu scheuen brauchen den Vergleich indes die Tänzerinnen und Tänzer: Sie sind alle technisch hervorragend und erhalten in allen drei Choreografien unendlich viele Möglichkeiten, mit ihrer Ausdruckskraft zu brillieren.

Es ist ein Abend der grossen Gesten, ein Fest für die Augen, tänzerisch und musikalisch enorm abwechslungsreich, aber sicher kein Aufbruch in die Zukunft. Maurice Béjart aber war seinerzeit oft revolutionär, seine Schöpfungen heiss diskutierte Skandale. Wenn das Béjart Ballet Lausanne seinem Erbe wirklich treu sein will, wird es – neben der Pflege seiner weltberühmten Choreografien – vermehrt auch Neues wagen und sich vom Vorbild des grossen Meisters lösen müssen.

Theater 11, Zürich, 4.–6. Mai 19.30 Uhr, 6. und 7. Mai 15 Uhr. www.musical.ch/de/bejartballet

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