«Druck mache ich nur, wenn die Zeit knapp wird»

Berner Woche

Erfahrende Theaterschaffende helfen im Rahmen des Projekts Satellit den Novizen, ihr erstes Stück auf die Bühne zu bringen. Eine der Mentorinnen ist Valerie Keller.

Valerie Keller hilft unerfahrenen Aspiranten in der Theaterszene.

Valerie Keller hilft unerfahrenen Aspiranten in der Theaterszene.

Lena Rittmeyer@LaRittmeyer

Das Projekt Satellit ermöglicht jungen Leuten, ihr eigenes Theaterstück zu realisieren. Welche Stoffe beschäftigen Jugendliche?
Das ist stark altersabhängig. Viele Produktionen haben mit Identitätsfindung zu tun, also mit der Frage, welchen Weg man im Leben nehmen will. Einige der Jugendlichen befinden sich in einer Phase, bevor sie etwas Neues beginnen, und haben deshalb Zeit, ihre Situation zu reflektieren. Meistens thematisieren sie dadurch persönliche Dinge, letztes Mal hat sich eine Gruppe zum Beispiel mit den Weltanschauungen befasst, die in ihrem Heimatdorf vorherrschen.

Sie sind eine von mehreren Theaterschaffenden, die die Projekte eng begleiten. Welche Darbietung haben Sie betreut?
Ein Soloprojekt, in dem sich der Darsteller mit der Frage beschäftigt, was Kunst und was Identität ist. Das sind natürlich grosse Fragen; schon in der ersten Besprechung haben wir darüber geredet, dass es fast unmöglich ist, darauf eine Antwort zu finden. Aber er hat sich der Aufgabe gestellt, und herausgekommen ist eine Art Experiment: Zuerst gibt es eine Ausstellung, danach wird das Publikum in einen Findungsprozess involviert. Es macht also das Gleiche durch wie der Protagonist bei seiner Recherchearbeit. Mitspielen muss aber niemand, das Ganze funktioniert eher wie ein Workshop.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Mentorin?
Ich nehme eine begleitende Position ein. Meistens habe ich darauf hingewiesen, wann im Entstehungsprozess was passieren sollte, und bin immer mal wieder zu einer Probe gegangen. Aber die Initiative, wann und wo es mich braucht, muss klar von den Jugendlichen aus kommen. Die Idee ist schon, dass sie so viel wie möglich selber machen.

Würden Sie auch eingreifen?
Wenn ich merke, dass jemand nicht mehr übers eigene Stück hinaussieht oder wenn es auf der Bühne zu persönlich wird, dann schon. Ein wenig Druck mache ich auch, wenn eine Gruppe mit einer Sache zu spät dran ist. Was häufig passiert, ist, dass die Jugendlichen lange an Konzepten und Ablaufplänen schreiben, obwohl sie noch nie etwas geprobt haben. Das ist der Moment, in dem ich sage: Spielt alles mal durch. Oft muss ich sie ein wenig zwingen, dass sie einen Zwischenstand ihres Projekts zeigen, weil sich viele nicht bereit fühlen, vor der Premiere etwas aufzuführen. Dabei bringt es ihnen viel, aufgrund von Rückmeldungen zu merken, was auf der Bühne funktioniert und was weniger.

Gibt es auch Nachwuchstalente, die Sie aktiv dazu ermutigt haben, ein Projekt auf die Bühne zu bringen?
Nicht im Sinne eines Talentscouting. Es kommt vor, dass wir jemandem vorschlagen, er solle sich doch bewerben. Aber Satellit soll nicht als Wettbewerb wahrgenommen werden. Auch wenn wir einer Gruppe absagen, dann begründen wir genau, weshalb, und motivieren sie, sich wieder anzumelden. Für viele bedeutet das Projekt auch eine Auseinandersetzung mit der Frage, ob sie beruflich etwas mit Theater machen wollen.

Wie oft kommt es vor, dass jemand von den Jugendlichen sein Hobby zum Beruf macht?
Vor allem jene, die länger dabei bleiben, machen danach häufig weiter mit Theater. Man setzt sich bei der Bühnenarbeit aber auch stark mit Inhalten auseinander und entwickelt so eine Meinung zu einem Thema. Eine Weiterführung der Theaterarbeit wäre zum Beispiel auch ein Soziologiestudium.

Der Bund

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