Donner, Blitz und das Virus

Sechs Stunden unter dem Himmel der amerikanischen Achtzigerjahre: Simon Stone zeigt am Theater Basel eine sanft verjüngte Lesart von Tony Kushners «Engel in Amerika».

Heisse Küsse unter Engeln: Prior (Nicola Mastroberardino) und sein Lover Louis (Florian Jahr). Foto: Sandra Then

Heisse Küsse unter Engeln: Prior (Nicola Mastroberardino) und sein Lover Louis (Florian Jahr). Foto: Sandra Then

Sie müssen kein Engel sein, um bei der Basler Marathoninszenierung von Tony Kushners Zweiteiler «Engel in Amerika» ab und an abzuheben. Denn sie hat ihre himmlischen Momente. Aber ein wenig theatrale Unschuld hilft auch angesichts der sechs Stunden, die der Abend dauert. Oder zumindest ein Hauch von engelsgleicher Geduld.

Der gefeierte Regisseur Simon Stone nämlich, der 1984 in Basel geboren wurde, in Australien aufwuchs und nun in seiner Geburtsstadt als Hausregisseur zum neuen Theaterteam gehört, glaubt an die Wahrheit des Erzählens; an die Gegenwart des Erzählten. Auf der Bühne wie im Film zerliest er die Texte nicht, sondern liest sie nach angelsächsisch anmutender Manier treu und trotzdem neu – schier so, als wärs zum ersten Mal. Egal, ob es sich um das fast zweieinhalbtausendjährige Drama «Medea» (Euripides) handelt, das über hundertjährige Stück «John Gabriel Borkman» (Ibsen) oder eben das erst in den 1990ern entstandene, mit dem Pulitzerpreis gewürdigte «Engel»-Paket.

Die Welt dreht weiter

Vielleicht stösst diese Technik bei Kushners «Gay Fantasia on National Themes» (so der vielsagende Untertitel) deshalb an Grenzen, weil das Ganze noch zu nah ist und gerade dadurch so fühlbar passé: die Reagan-Jahre, das Erstarken republikanischer Wirtschaftsrhetorik und das Erschlaffen der Sozialsysteme, der Schrecken von Aids und die Schwulendiskriminierung; die schleichende Entsolidarisierung der Gesellschaft, die heute business as usual ist. Schwieriger aber sind die Zeitlosigkeiten dieser Soiree. Da baut sich der Prior von Nicola Mastroberardino, ein Aids-Überlebender, am Ende an der Rampe auf und spricht die Sätze, die noch 2003, in der TV-Serien-Version von «Engel in Amerika», irgendwie wunderweh taten: «Die Welt dreht sich nur vorwärts. Ihr seid wunderbar, jeder Einzelne von euch. Und ich segne euch: mehr Leben! Das grosse Werk beginnt.» Mastroberardino sagts und glaubt es sich selber nicht.

Dem aus Zürich stammenden Schauspieler, der sich den gesamten langen Abend über hervorragend geschlagen hat, zerbrechen hier die Sätze. Wenn sich Justin Kirk in der TV-Variante dick eingepackt vor dem Bethesda-Engel im New Yorker Central Park zu Geigengesäusel vom Fernsehzuschauer verabschiedet und mit seinen Freunden plaudernd die Terrassenstufen hinaufsteigt, hoch in eine hoffnungsgeschwängerte Zukunft, dann ist das ein uramerikanischer Augenblick: sentimental-bittersüss, angeknackst von der Realität, aber dennoch – gläubig. Doch als die gleichen Worte jetzt auf die Bühne des Basler Hauses gestemmt wurden, rann sozusagen der Schweiss des Schauspielers an ihnen herunter. Das Adieu hatte etwas unfreiwillig Komisches. Etwas deutlich Angestrengteres als die zahlreichen heissen Küsse, die da unter mal nackten, mal bekleideten Männern getauscht wurden zu – ja, zu was? – zur Beglaubigung der Schwulenbefreiung nach der Jahrtausendwende?

Lügen und Kostüme

Was Aids und was die Rechte von Homosexuellen angeht, hat sich die Welt ja zum Glück weitergedreht seit den Achtzigern, in denen «Angels in America» spielt. Im 1991 uraufgeführten ersten Teil – «Die Jahrtausendwende naht»; der zweite Teil «Perestroika» kam ein Jahr danach zur Uraufführung – erfährt Prior, dass er an einem mysteriösen Virus leidet und dass sein Geliebter, Louis (Florian Jahr), der Begegnung mit Krankheit und Tod nicht gewachsen ist. Später wird Louis eine Affäre mit einem jungen Juristen namens Joe beginnen, der als strenggläubiger Mormone und Republikaner seine Homosexualität immer unterdrückt hat und verheiratet ist.

Dieser Joe – von Michael Wächter als Inbild unterwürfiger, vatersüchtiger Freundlichkeit gezeichnet – arbeitet für den ehemaligen John-McCarthy-Spezi Roy M. Cohn (ein starker Roland Koch). Rund um die Krankheitsgeschichte dieses historischen, hochkorrupten Rechtsanwalts, der seine eigene Homosexualität leugnete und 1986 an Aids starb (er sprach von «Leberkrebs»), ist der multiperspektivische Zweiteiler angelegt.

Simon Stone hat sich an Tony Kushners Hinweise gehalten: Es sind die tollen Schauspieler, die das Geschehen antreiben als Figuren im Spiel des Lebens. Der Rest ist Mechanik – mal der Überblendung wie im Film, dann der Technik. Die stellt der geniale Bühnenbildner Ralph Myers, wie von Kushner gewünscht, offensiv aus: Eisentaue, Gerüste, Röhren. Als Kulissen reichen ein Bett, ein Schreibtisch, eine Couch und viele Stühle fürs Verwarten des Lebens. Und am TV gaukeln die Hits der Achtziger artifizielle Action vor, Verwandlungskunst, etwa in Michael Jacksons «Thriller». Die Reihe von Garderobenspiegeln im Fond und die Kleiderstangen an den Wänden berichten denn auch davon, dass wir alle nur unsern kurzen, kostümierten Auftritt haben.

Da bekommt Joes moralinsaure, aber zupackende Mutter (passt: Barbara Horvath) ihren Platz wie Joes valiumsüchtige, halluzinierende Frau (überzeugend im Taumel zwischen Enttäuschung, Wut und Eskapismus: Pia Händler). Und Simon Zagermanns schwulen Krankenpfleger, der für alle diskriminierten Schwarzen steht (Zagermann ist ungeschminkt), den muss man einfach mögen. Natürlich treten auch die titelgebenden Engel auf, samt Donner, Blitz, spektakulär durchbrechender Bühnendecke und traumartigen Melodieschlangenmustern aus dem Off, sowie die Geister von Toten.

Vorsichtig gekürzt

Aber die brechtianisch parfümierten, überzeitlichen Ansprachen, die übers Werk verteilt sind, rutschen nicht so recht in diese Inszenierung hinein. Gott hat, bei Kushner, seine Schöpfung längst ad acta gelegt, und Kushners Mensch schaut nicht zurück. Vielleicht hätte Stone Gott und alle missionarischen Sprüche ad acta legen sollen.

Bastian Kraft operierte jüngst in Hamburg an seiner «Engel»-Premiere mit Live-Cam, Aktualisierung und Verspiegelung und zeigte gleichwohl Mühe mit dem angejahrten Werk. Stone dagegen bleibt erkennbar nah an der Optik der Serie von 2003. Den deutschen Text – eine Riesenmenge, die das Ensemble mit Bravour bewältigt – hat er nur sanft verjüngt, nur vorsichtig gekürzt. Aber während der sechs Stunden entsteht der Verdacht, dass eine härtere Gangart, die Metaphysik wie Ethik stärker gezügelt und sich dabei noch schärfer historisch orientiert hätte, schlussendlich eher in der Gegenwart des Zuschauers gelandet wäre – und mehr Leben für die «Engel in Amerika» bedeutet hätte.

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