Die Zärtlichkeit trägt den Sieg davon

Das Theater an der Effingerstrasse präsentiert eine eigenwillig-intime Adaption von Bölls «Die verlorene Ehre der Katharina Blum».

Nolundi Tschudi (Mitte) spielt Katharina Blum ohne Sentimentalität mit allem erkennbaren Leiden.

Nolundi Tschudi (Mitte) spielt Katharina Blum ohne Sentimentalität mit allem erkennbaren Leiden.

(Bild: Severin Nowacki)

Nach dem geschickt arrangierten, stummen Vorspiel, das an einer Tanzparty die plötzliche Verliebtheit der jungen Katharina Blum in den ihr bis dahin unbekannten Ludwig Götten veranschaulicht, bricht die polizeiliche Gewalt brutal und überfallmässig wie in einem Action-Krimi über sie herein. Sodass man sich gut vorstellen könnte, dass der Regisseur Alexander Kratzer es darauf abgesehen habe, die turbulente Zeit zwischen 1974 und 1977 wiederauferstehen zu lassen.

Damals griff in Deutschland die Terrorangst um sich und die Hetze der Springer-Presse gegen die RAF und ihre vermeintlichen Sympathisanten verschonte auch den 1972 mit dem Nobelpreis geehrten Heinrich Böll nicht. Es ergäben sich daraus zwanglos Parallelen zur Terrorangst der Gegenwart, und zudem hat Böll selbst argumentiert, eines der wichtigsten Prinzipien bei der Beurteilung von Literatur sei, dass man sich vorstellen müsse, «wie war das damals, was passierte damals, als das geschrieben worden ist».

Liebesgeschichte im Zentrum

Kratzer geht aber einen ganz anderen Weg. Die von ihm erstellte Fassung, die sich mit einer Besetzung von fünf Personen umsetzen lässt, ist ganz auf die Figur der Katharina Blum fokussiert, die bei allen polizeilichen Verdächtigungen und Fehldeutungen an eine reine und ehrliche Liebe glaubt und die ihr Recht auf Unversehrtheit gegen alle Zwänge der Umwelt zu verteidigen entschlossen ist.

Nolundi Tschudi stellt die Figur der Katharina bei allem Leiden mit einer unpathetischen Gefasstheit in den Raum.

Diesem Ludwig Götten, den sie erst 24 Stunden kennt und den Polizei und Presse zum verruchten Verbrecher stempeln, hält sie vom Moment der erwähnten Tanzveranstaltung an durch alle Verhöre und alle Verleumdungen der Presse hindurch unbeirrt die Treue.

Nolundi Tschudi, der die Rolle anvertraut ist, gelingt das gerade deshalb überzeugend, weil sie die Figur der Katharina Blum absolut ohne Sentimentalität oder Larmoyanz, ganz zurückhaltend und bei allem erkennbaren Leiden mit einer unpathetischen Gefasstheit in den Raum stellt.

Dabei argumentiert sie letztlich auf einer ganz andern Ebene als der zynisch-draufgängerische Kommissar Beizmenne, den der grossartige Gilles Tschudi zu einer ebenso widerwärtigen wie faszinierenden Gestalt macht. Ihm fällt nur noch ein stotterndes «Frau Blum . . .» ein, als Katharina naiv fragt, ob der Staat denn nichts tun könne, um ihre verlorene Ehre wiederherzustellen.

Helles und Dunkles

Dem Tanzvergnügen vom Anfang steht der tödliche Schuss auf den verleumderischen Journalisten vom Ende gegenüber, mit dem Katharinas verlorene Ehre auf drastische Weise äusserlich wiederhergestellt wird.

Bei allem Drive, bei aller kriminalistischen Verve, die das vorwiegend als Polizeiverhör daherkommende Stück in einem klug austarierten, sich gegen Ende merklich steigernden Rhythmus und mit einer dumpfen, eine bedrohliche Stimmung erzeugenden Hintergrundmusik in Peter Aeschbachers funktionalem, mal nüchtern-kahl, mal gespenstisch wirkendem Bühnenbild entwickelt, behält aber dennoch das Dunkle, Pessimistische nicht die Oberhand.

Ragna Guderian, Benjamin Morik und Markus Tavakoli tragen in den verschiedensten Rollen dazu bei, dass das Handlungsgeflecht sich verdichtet, ja dass es ab und zu auch zu heiteren Momenten kommt. Letztlich erweist sich die Quintessenz des Ganzen als tröstliches Moment: Die von Katharina hochgehaltene Zärtlichkeit trägt gegen die Zudringlichkeit und die Menschenverachtung einer ganzen Epoche moralisch den Sieg davon.

Bis 26. Mai.

Der Bund

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