Die Welt geht im Schiffsbauch unter

Wie bringt man einen Roman auf die Bühne? Einer, der da Erfahrung hat, ist Ingo Berk: Er inszeniert Joseph Roths «Hiob» am KTB.

Wo immer der Regisseur arbeitet, da ist auch seine Labradorhündin dabei: Ingo Berk und Emma im Bühnenbild von «Hiob».

Wo immer der Regisseur arbeitet, da ist auch seine Labradorhündin dabei: Ingo Berk und Emma im Bühnenbild von «Hiob». Bild: Valérie Chételat

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Im mächtigen, hölzernen Schiffsbauch, der die ganze Bühne der grossen Vidmarhalle füllt, werden keine Flüchtlinge mit orangen Rettungsschwimmwesten kauern. «Joseph Roth braucht nicht aktualisiert zu werden», sagt Ingo Berk. Der deutsche Regisseur inszeniert als Eröffnung der Schauspielsaison von Konzert Theater Bern «Hiob», Roths «Roman eines einfachen Mannes» von 1930, der in den Zwanzigerjahren spielt.

Er schildert das Unglück des frommen, jüdischen Religionslehrers Mendel Singer, der mit seiner Familie aus einem galizischen Schtetl nach Amerika auswandert. Seine Frau, seine Tochter und zwei Söhne verliert er und seinen Glauben an Gott.

Kein sicherer Ort

Halb Arche Noah, halb Nussschale ist dieser Schiffsbauch, kein sicherer Ort für die Familie Singer, die trotz der Enge in ihrem Leben immer mehr auseinanderdriftet, und Mendel Singers Welten gehen unter, sowohl die äussere als auch die innere. Weit mehr als die Deutung der biblischen Figur interessieren Berk diese Prozesse, die der österreichische Schriftsteller so unnachahmlich beschreibt. «Das Fremdsein, der Verlust von Heimat, der Tanz auf dem Vulkan – das sind brennende, universelle Themen.» Und Roth erzähle sie zudem mit grossartigen Geschichten. «Als Theatermacher bin ich auch Geschichtenerzähler.»

Roths zerfallende Welten faszinieren den 40-Jährigen schon lange: 2009 hat er am Schauspielhaus Graz den «Radetzkymarsch» inszeniert, 2012 am Volkstheater Wien den Roman «Hotel Savoy». «Ich finde es durchaus legitim, dass man auf Geschichten aus der Vergangenheit zurückgreift, um etwas über unsere Zeit zu erzählen», sagt Berk. Ihm gefällt der melancholische Grundton in Roths Werken. «Als grosser Menschenkenner beschreibt er das Treiben all seiner Figuren sehr nachsichtig, man findet bei ihm fast kein böses Wort.» Ein überraschendes Glück beschert denn Roth auch seinem tragischen Helden Mendel.

Berk kann nicht nachvollziehen, warum sich Regisseure manchmal bemüssigt fühlten, auf Teufel komm raus einen Stoff zu aktualisieren, nur um zu zeigen, dass dieser was Allgemeingültiges habe. «Man darf dem Publikum ruhig zutrauen, dass es die Transformation selber vollzieht.»

«Sehr viel ausprobieren»

Doch wie dramatisiert man ein fast 200-seitiges Buch voller subtiler Beobachtungen? «Das ist ein sehr intuitiver Prozess», sagt der Regisseur. Mit einer ersten Textfassung startet er die Proben, «und dann merke ich schnell, wenn bestimmte Sätze überflüssig sind, weil das Gesagte ja gespielt wird». Ganz nach der guten alten Theaterregel, dass das, was gespielt werden kann, nicht gesagt werden muss.

Es ist dieser Prozess, der Berk am meisten interessiert. Schwierig werde es, wenn Figuren anfingen, analytisch über sich selber zu sprechen. «Das geht nicht, denn das wirkt sofort künstlich.» Doch um herauszufinden, was auf der Bühne funktioniere, müsse man sehr viel ausprobieren. Man merke dann zum Beispiel plötzlich, dass ein bestimmter Satz zu einer anderen Person gehöre. «Von Tag zu Tag wird bei den Proben dann der Text kompakter und das Spiel dichter.»

Die Welt gemeinsam erfinden

Entsprechend grösser als bei einem Theaterstück sei bei der Inszenierung eines Romans der Arbeitsaufwand. «Doch ich habe mehr Freiheiten, und beim Kreieren eines Theaterabends bei null anzufangen, hat seinen ganz besonderen Reiz.» Weit mehr gefordert sind in dieser projektartigen Arbeit auch die Schauspieler. «Wir müssen die Welt gemeinsam erfinden, und das ist für alle ebenso anstrengend wie befriedigend.»

Die Arbeit mit dem Berner Schauspiel­ensemble wird Berk weiterführen: Im Frühling 2016 inszeniert er Ibsens Klassiker «Nora», und auch in der Saison 2016/17 wird er in Bern Regie führen. Stephanie Gräve, die neue Schauspielchefin, die bereits in Bonn mit Berk zusammenarbeitete, hat ihn als Hausregisseur geholt. «Mit einem Ensemble regelmässig Projekte zu entwickeln, macht mehr möglich, denn so kann bereits Erarbeitetes potenziert werden», sagt Berk, den auch das spartenübergreifende Konzept von Konzert Theater Bern gereizt hat.

Seit 15 Jahren ist er häufig in der Schweiz anzutreffen. Beruflich und privat. Zu Christoph Marthalers Zeit am Zürcher Schauspielhaus war er dort drei Jahre lang Regieassistent, und auch Bern kennt er gut, diese Stadt, die für ihn «so wunderschön ist, dass man aufpassen muss, dass man zum Arbeiten kommt und es sich nicht einfach nur gut gehen lässt». Noch keine Meinung gemacht hat er sich vom Berner Publikum. Aber er schätzt es ähnlich ein wie das in Bonn: «Bildungsbürger, die Literatur lieben, im Theater die Klassiker mögen, gern aber auch Neues entdecken.»

Joseph Roths Alter Ego

Ein idealer Stoff für seinen Start ist da Roths «Hiob», der in den letzten Jahren auf zahlreichen deutschen Bühnen inszeniert worden ist. Für diesen Boom hat Berk eine ganz einfache Erklärung. Johan Simons habe 2008 an den Münchner Kammerspielen mit einer vielbeachteten «Hiob»-Aufführung Roth für die Bühne entdeckt. «Und wie es halt im Theater so ist, wenn eine gute Idee funktioniert, wird sie sofort nachgeahmt.»

In Bern will der Regisseur aber einen ganz eigenen «Hiob» präsentieren. In seiner Inszenierung spielt die archaische Sprache eine zentrale Rolle, die Roth für den Roman gewählt hat. «Am Anfang habe ich noch viel zu viel Text in meine Bühnenfassung gepackt», sagt Berk. «Doch dann habe ich realisiert, dass es eine gewisse Stille braucht, einfache Menschen reden nicht so viel.» Eine Stille, die auch mal von Live-Musik unterbrochen wird, mit Kompositionen des Berners Patrik Zeller, der selber mit seinem Akkordeon auftreten wird.

Zur grossen Herausforderung ist für Berk vor allem die Verarbeitung epischer Textstellen zu Dialogen geworden. «Die muss man ganz nah an sich heranholen, so nah, dass die Literatur, die in ihnen steckt, auf der Bühne nicht mehr zu hören ist.» Damit die Geschichte trotz diesen Verknappungen noch funktioniert, hat Berk die Figur eines Erzählers geschaffen. «So muss ich nicht auf tolle Textpassagen verzichten, die ich nicht den Figuren in den Mund legen kann.» Es ist Joseph Roths Alter Ego, der die Handlung kommentiert und sie an wichtigen Stellen auch mal anstösst. «So haben wir auch noch den Autor auf der Bühne.»

Premiere Samstag, 19. September, in den Vidmarhallen. Aufführungen bis 27. Februar 2016. (Der Bund)

Erstellt: 16.09.2015, 13:32 Uhr

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