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Die Tänzer gleiten durch rätselhaft schöne Bilder

Das Zürcher Ballett bringt William Forsythes «Artifact» auf die Bühne. Das Stück hat zwar 24 Jahre auf dem Buckel, begeistert aber immer noch.

«Artifact» war für das Frankfurter Ballett­publikum schwere Kost, als das Stück 1984 erstmals auf die Bühne kam: Da gab es klassische und zeitgenössische Bewegun­gen nebeneinander, extreme Lichtverhält­nisse und Figuren, die in Englisch unver­ständliche Texte skandierten. Im zweiten Akt knallte einige Male unvermittelt der eiserne Vorhang zu Boden. Für heutige Zuschauer hört sich das nicht mehr allzu wild an. Ist es also noch interessant? Auf jeden Fall: In «Artifact» kann man viel über das Medium Ballett erfahren. Und ei­nen abwechslungsreichen, sorgfältig gear­beiteten Abend mit einigen Bildern von grosser Schönheit erleben.

Eine Geschichte des Balletts

Das Schicksal des Frankfurter Balletts ist bekannt: Die Stadt wollte sich 2004 ihr Ensemble nicht mehr leisten, und William Forsythe machte sich mit seiner Company selbstständig. Die Gruppe hat mehrere Produktionspartner und einige feste Büh­nen, darunter das Zürcher Schauspielhaus. Im Schiffbau hat er regelmässig grosse In­stallationen gezeigt. Doch seine älteren Ballette, die ein grosses Ensemble verlan­gen – in «Artifact» stehen über 40 Tänze­rinnen und Tänzer auf der Bühne –, kann Forsythe mit seiner verkleinerten Truppe selbst nicht mehr spielen. Der zweite Akt von «Artifact» mit dem atemraubenden Doppel-Pas-de-deux wird von einigen Bal­lettcompanies getanzt. Das Zürcher Ballett aber ist erst die zweite Companie, die sich das ganze Stück vornimmt.

«Artifact» war das erste Stück, das For­sythe choreografierte, nachdem er 1984 zum Künstlerischen Direktor des Frank­furter Balletts ernannt worden war. Von 2008 aus gesehen, ist es ein doppelter Rückblick. Bereits zeigen sich hier viele Charakteristika von Forsythes Arbeiten, die auch heute noch gelten. Und: Das Stück selbst ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Balletts.

Das Saallicht ist noch an, die Türen ste­hen offen. Eine graue Figur (Sarah-Jane Brodbeck) kreuzt wie eine spukhafte Er­scheinung die Bühne. Sie wird immer wie­der auftauchen. Als Schrittmacherin be­stimmt sie das Tempo und führt das Corps de Ballet an. Nun werden die Türen ge­schlossen, Klaviermusik erklingt: Bach­Variationen von Eva Crossman-Hecht, ge­spielt von Margot Kazimirska. Eine Dame im Rokoko-Kostüm (Kate Strong) rauscht auf die Bühne, fuchtelt dramatisch mit den Armen und spricht einen nur teilweise verständlichen – aber teilweise sehr witzi­gen – Monolog, der ums Sehen, Denken, Erinnern kreist. Ihr folgt ein Herr mit Me­gafon (Nicholas Champion) und ebenso fragmentiertem Text. Dazwischen gleitet das Corps de Ballet über die Bühne, in Bil­dern von rätselhafter Schönheit.

Das Bekannte neu sehen

«Ich mache im Tanz das Gleiche wie mit Worten», wird Forsythe im Pro­grammheft zitiert. «Was ich über Sprache erfahren habe, habe ich nur gelernt, indem ich die Tanzsprache manipulierte.» Tat­sächlich zerlegt Forsythe das klassische Ballettvokabular und baut die einzelnen Bewegungen zu einer neuen Sprache zu­sammen. In «Artifact» macht er das aber auch mit anderen Elementen: Die Einzel­teile des klassischen Handlungsballetts werden auf das Essenzielle reduziert und gleichsam nackt eingesetzt. Wie etwa das Corps de Ballet, das traditionellerweise als dekorative Rahmung der Solisten wirkt. Diese Funktion wird hier überdeutlich, wenn die Tanzenden in einer Linie mit re­duzierten, synchronen Bewegungen auf­treten. Und der Herr und die Dame ent­puppen sich als streitendes Ehepaar: ein ironischer Kommentar zur Entstehung des Balletts im ausgehenden 16. Jahrhundert aus Anlass von fürstlichen Hochzeiten.

Was Forsythe mit der klassischen Be­wegung macht, zeigen eindrücklich die beiden Pas de deux im zweiten Akt. Die einzelnen bekannten Bewegungen sind neu zusammengesetzt, Übergänge werden gedehnt oder verkürzt. Das macht die Duos für die Tanzenden schwierig und für die Zuschauer spannend. Sie sehen Be­kanntes neu. Wenn nun alle paar Minuten der eiserne Vorhang fällt, so ist das mehr als ein Gag. Denn wenn er sich wieder öffnet, ist ein neues Bild zu sehen. Forsythe nutzt also den Vorhang und das auffällige Licht ge­nauso wie Musik, Text und Bewegung zur Strukturierung seiner spannungsvollen, vielschichtigen Komposition.

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