Die Kunst des Pimpens

In «Barbis in Babeland» durchläuft die Wahlwienerin Barbis Ruder vier Stadien einer klassischen Popkarriere. Ein Treffen kurz vor dem Festival Bone.

Übersexualisiert und nur scheinbar selbstbestimmt: Barbis Ruder als pubertäre Ausbrecherin Miley Cyrus.

Übersexualisiert und nur scheinbar selbstbestimmt: Barbis Ruder als pubertäre Ausbrecherin Miley Cyrus. Bild: Suchart Wannaset/zvg

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Niemand entkommt so leicht dem Markt und seiner Logik. Schon gar nicht im gegenwärtigen Kunstbetrieb. Und wenn auch nicht überall derselbe Drill herrscht wie in der Popindustrie, so erstreckt sich doch die Selbstoptimierung – und damit oft auch die Selbstausbeutung – bis in die scheinbar abgelegensten Ecken der Musik, des Tanzes oder der Performancekunst.

In der Kommerzialisierung kann man sich gefangen oder wohlfühlen, etwa so wie im eigenen Körper. Doch überwinden lässt sich beides beinahe ebenso schwer. Davon weiss Barbis Ruder zu berichten: Für das Performancekunst-Festival Bone, das zum 20. Mal in Bern stattfindet (siehe Box), ist die Süddeutsche und Wahlwienerin mit ihrem sogenannten Performical «Barbis in Babeland» angereist. Es ist halb Musical, halb Performance und ebenso poppig wie kritisch. Und während manche andere Performancekünstler ungerne klare Worte über ihre Arbeit verlieren, scherzt Ruder trotz soeben zurückgelegter Reise und bevorstehendem Aufbau lebhaft über ihre Arbeit und sich selbst.

Sie kannte die Maschinerie zunächst von innen. Als diplomierte Kulturmanagerin fand sie einen Weg, ihren Job zu verarbeiten: «Ich habe Künstlerprostitution betrieben, als Persiflage darauf, wie im Kulturmanagement nur noch über Business und Geld geredet wird.» So ist sie in die Performancekunst «reingerutscht» und wurde im ersten Anlauf an der Kunsthochschule aufgenommen.

Die «Pimpette»

Seither versucht sie sich bühnenwirksam zu «pimpen», ein Verb, das eher schlecht als recht mit «aufmotzen» zu übersetzen wäre. Ein Stück weit und im künstlerischen Sinne ist Barbis Ruder nämlich auch ihre eigene Zuhälterin und hat dafür auch den Begriff der «Pimpette» erfunden. Ihre Formel für Selbstständigkeit bringt sie mit einem Wortspiel auf den Punkt: «Ich versuche, mich selbst und ständig zu pimpen.»

Dafür schlüpft sie in die Rollen von vier verschiedenen «Babes», singt Lieder, absolviert Tanz- und Gymnastikeinlagen und durchläuft dabei ein inzwischen klassisches Schema der Pop-Industrie: den «Produktlebenszyklus einer Popfigur quasi, in vier Teilen», erläutert Ruder. Jedes Babe beansprucht für sich selbst, Original zu sein: Zuerst die junge Perfektionistin, die sich marktgerecht trimmt und verspannt. Gefolgt von einer pubertären Ausbrecherin, «die sich übersexualisiert und glaubt, selbstbestimmt zu sein, es aber überhaupt nicht ist», analysiert Ruder. «Ich denke an Britney Spears oder natürlich Miley Cyrus.»

Eine Kultur der Verwertung

Tatsächlich erscheint die Formel, leichtfüssig von Ruder erzählt, erschreckend zutreffend und die Popmusik immer noch voller solcher Werdegänge. «Diese Art von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und einem Druck ausgesetzt sind, befolgen das scheinbar nach Rezept.» Und dieses sieht dann in Stufe drei den Zusammenbruch vor: «Breakdown à la Courtney Love.» Auf Level vier kommt «die Erleuchtung mit ganz viel Yoga und Meditation». Madonna, sozusagen, oder in der Performancekunst die Schutzheilige Marina Abramovi?, mit deren Referenz sich heute auch inzwischen Popstars schmücken.

Dieses letzte originale Babe sei nicht weniger als eine Mischung aus Abramovi?, dem Papst und Ruder selbst, aber natürlich beruhe es genauso auf Kopie und Verwertung wie unsere gesamte heutige Kultur. Selbst diese Einsicht ist nicht mehr originell, doch sie bietet Stoff für eine frische Auseinandersetzung. Barbis Ruder ist keine Pessimistin, sondern sie akzeptiert die gegenseitige Durchdringung von Performance und Pop, von Kunst und Kommerz, als die nun einmal vorliegende Arbeitssituation.

Sie nimmt den Begriff Performance beim Wort und hat sich schon in früheren Arbeiten mit dem Leistungsdenken befasst: «Ich setze meinen Körper der Kunst aus.» Erfahren in der Kunst des Pimpens und im Pimpen der Kunst, kämpft sie für eine «andere Kultur des Zusammenarbeitens».

Radikal aufgeschlossene Kunst

Damit bereichert sie am Donnerstag die Jubiläumsausgabe des Bone, welches dieses Jahr sehr körperbetont und mit einem vergleichsweise übersichtlichen Programm daherkommt. Die neue künstlerische Leiterin Sibylle Omlin kuratiert es zusammen mit Christiane Krejs vom Kunstraum Niederösterreich, dementsprechend hoch ist der Transfer aus dem Nachbarland. Oft glich das Schlachthaus-Theater die letzten Jahre einem farbenfrohen Tummelplatz für Darbietungen, Essrituale, Kreistänze und sakrale Körperlichkeit. Alles schien machbar und nur bedingt organisiert, das Festival gesamthaft wie eine grosse Performance. Es wird sich dieses Jahr zeigen, inwiefern das nicht einfach im Wesen dieser radikal aufgeschlossenen Kunstform liegt.

Schlachthaus-Theater Bern Donnerstag, 30. 11., ab 19 Uhr («Barbis in Babeland» und weitere Performances). (Der Bund)

Erstellt: 30.11.2017, 06:50 Uhr

Programm 20. Bone-Festival

Die Jubiläumsausgabe des Festivals Bone widmet sich dem Körper, wie er von der Performancekunst «als Material» begriffen und benutzt wird. Neben dem Kunstmuseum Bern und dem Kulturzentrum Progr ist die Hauptaustragungsstätte das Schlachthaus-Theater. Dort wollen am Donnerstagabend Julischka Stengele («Musenaufstand 1 und 2») sowie Barbis Ruder (siehe Haupttext) mit Sehgewohnheiten brechen. Am Freitag geht es um den Bezug des Körpers zu Objekten und Umwelt, etwa mit der Kultfigur Manon oder Christoph Studer-Haper mit der Performance «Imprägnierungen». Der Samstag wird musikalisch: mit einer Trommelstunde von Gregory Stauffer und dem Konzert von Les Reines Prochaines. Das Hauptprogramm im Schlachthaus-Theater beginnt jeweils spätestens um 19 Uhr. Alle Termine unter www.bone-performance.com. (max)

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