Die Klappmaulhelden kommen

Regisseur Nikolaus Habjan ist ein Meister des metaphysischen Grusels. Die Freitagsakademie hat den jungen Österreicher für ihr Gastspiel im Stadttheater engagiert.

Sobald die Musik spielt, erweckt der Regisseur und Puppenbauer Nikolaus Habjan sein Personal zum Leben.

Sobald die Musik spielt, erweckt der Regisseur und Puppenbauer Nikolaus Habjan sein Personal zum Leben. Bild: Adrian Moser

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Die Produktionsleiterin Claudia Capecchi blickt auf die Uhr. «Niki» komme gleich, sagt sie. Er sei wohl kurz ausser Haus. Sie spricht vom Regisseur Nikolaus Habjan, mit dem wir verabredet sind. So bleibt etwas Zeit, sich im Theaterfoyer umzusehen. Im Halbdunkel fällt da eine Dame besonders auf. Diese Augen, Wahnsinn! Und jetzt neigt sie ihren Kopf und fährt das bleiche Händchen aus. Die kleine Bewegung genügt, um in ihrem Diamantblick ein kosmisches Funkeln auszulösen. Es erinnert an einen Meteoriten, der am Nachthimmel verglüht.

«Hallooo», sagt sie und steht plötzlich auf und kommt näher. Ihre Stimme macht auf dem O einen seltsamen Schlenker. Soll man sich freuen oder fürchten ob dieses freundlichen Grusses? Ungewohnt fühlt sich ihre Hand an. Kühl und weich wie ein Marshmallow, diese schaumige Süssigkeit aus Eiweiss und Zucker. «Darf ich vorstellen? Alcina. Die Zauberin.»

Hinter ihrem Rücken tritt jemand hervor. Er trägt ein schwarzes Shirt und eine schwarze Hose und wirkt neben der aufgedonnerten Lady eigentlich recht unscheinbar. Doch er ists, Nikolaus Habjan, der Tausendsassa, der in den europäischen Theatern und Konzerthäusern mit seinen Arbeiten gerade ziemlich für Furore sorgt. Er wirkt viel jünger als erwartet.

Was auffällt: Sein Atem geht schnell, und er schwitzt ein wenig. Ob es an der Zauberin liegt? Gerannt sei er, sagt der Österreicher und entschuldigt sich für die kleine Verspätung. Für mehr als ein Sandwich habe die Pause nicht gereicht. «Das musste aber sein. Der Tag wird noch lang.»

«Das Handwerk ist das Wichtigste. Wenn das Handwerk verloren geht, verliert das Theater seine Seele.»Nikolaus Habjan, Regisseur

Er ist das erste Mal in Bern und begeistert von allem, der Stadt, vom Stadttheater und vom künstlerischen Team: Mit der Freitagsakademie Bern und dem Ensemble Bern Vocal zusammenzuarbeiten, sei grossartig. «So schnell so viel in wenig Zeit hinzubekommen, klappt nur mit Leuten, die wach sind. Und das sind sie.» Er habe die Freitagsakademie und deren Leiterin Katharina Suske in Wien kennen gelernt. Da sei der Wunsch, gemeinsam ein Opernprojekt zu realisieren, zustande gekommen.

Lady mit Liebessklaven

In bloss einer Woche Georg Friedrich Händels Zauberoper «Alcina» auf die Bühne zu stellen, das sei eine Herkulesaufgabe, sagt der Regisseur. Aber auch eine riesige Freude. «Die affektgeladene Musik ist grossartig!» Das fand man auch schon 1735. Die Uraufführung im Londoner Covent Garden Theatre wurde für den Komponisten ein Triumph. Der war aber wohl auch inhaltlich begründet. Das Libretto, das Stefan Suske für die Berner Fassung szenisch eingerichtet hat, erzählt von der mächtigen Zaubergöttin Alcina. Sie lebt auf einer paradiesischen Insel und macht sich ein Spiel daraus, Männer auf der Durchreise zu bezirzen, gefangen zu nehmen, und als Liebessklaven zu halten. Das geht so lange gut, bis ihr eines Tages ein fataler Fehler unterläuft.

Die Oper dürfte auch jetzt, mehr als 280 Jahre später, am Konzert Theater Bern zum Publikumserfolg werden. Denn so, wie Regisseur Habjan das Stück inszeniert, hat man es hier noch nie gesehen: als Opernaufführung mit Sängerinnen, Sängern, einem Erzähler und zum Teil lebensgrossen Puppen. Endlich, sagt Habjan, seien sie da. Die Puppen, unter denen sich auch die Diamantäugige mit den bleichen Marshmallow-Händchen befindet, seien am Schweizer Zoll hängen geblieben. «Vielleicht traut man ihnen terroristische Aktivitäten zu», lacht Habjan. «Bei Puppen weiss man ja nie...» Er schiebt sich eine schwarze Haarlocke aus der Stirn, während er spricht, und horcht zur halboffenen Türe hinaus. Von der Bühne her klingt Barockmusik hinauf ins Foyer.

Auch er habe mal ein Instrument gespielt. Violine, allerdings «mässig gut». «Der Versuch, Bachs Violinkonzert in a-Moll zu spielen, hat das Ende meiner Karriere besiegelt.» Fünfzehn Jahre Geigenspiel habe er gebraucht, um zu erkennen, dass er gar kein Instrument benötige, um Konzerte zu geben. «Ich könnte das ganze Violinkonzert pfeifen. Problemlos.» Er macht keinen Witz. Habjan, der Regisseur und Puppenspieler, der bislang 74 Figuren selbst entworfen und gebaut hat, ist auch einer der besten Kunstpfeifer weltweit. Unmittelbar nach den «Alcina»-Vorstellungen in Bern wird er am 23. September in der Elbphilharmonie auftreten. Mit Arien aus Verdi- und Puccini-Opern. Alles gepfiffen. «Danach wird gefeiert», sagt er; das Konzert in der «Elb» findet am Vorabend seines 31. Geburtstags statt.

Vorbild Neville Tranter

Als Puppenspieler wurde Nikolaus Habjan stark vom australischen Puppen- Guru Neville Tranter beeinflusst. Er will das auch nicht verheimlichen, auch wenn er als Regisseur heute eigene Wege geht. Tranter hatte in den Siebzigerjahren das Stuffed Puppet Theatre mit den lebensgrossen Maulklappenpuppen begründet. Vor über zehn Jahren ist die Freitagsakademie mit Tranter auch schon in Bern aufgetreten.

Nikolaus Habjan will bei der Umsetzung der «Alcina» neben den Maulklappen- auch tischgrosse Stabpuppen einsetzen. «Durch die unterschiedlichen Grössen kann ich gleichzeitig mehrere Erzählebenen reinbringen.» Hier zum Beispiel lassen sich so die Machtverhältnisse aufdecken. Die Sängerdarsteller hinter den Puppen bleiben immer sichtbar. Diese Doppelexistenz ermögliche es auch, dass sich jemand von seiner Figur löse, sie «fallen lasse». Etwa, wenn sie stirbt oder – wie hier – der Zauber seine Macht verliert.

Es müsse aber nicht immer Oper sein, sagt er. Für eine Aufführung am Wiener Burgtheater hat er für Elfriede Jelinek, die spätere Nobelpreisträgerin, ein lebensgrosses Puppen-Double geschaffen. Er wagt sich als Regisseur aber auch immer wieder an brisante politische Themen. Dann legt er seinen Figuren Provokation und Kritik ins Klappmaul.

Er hat seine Puppen auch schon österreichische Vergangenheitsgeschichte aufarbeiten lassen. So in seinem Herzensprojekt, einem Stück über das NS-Opfer Friedrich Zawrel (1929–2015), einen Zeitzeugen der Kindereuthanasie während des Nationalsozialismus. Für das Stück, das im Justizministerium zur Pflicht für angehende Richter und Anwälte erklärt worden sei, wurde Habjan mit dem Nestroy-Preis geehrt, der wichtigsten Theaterauszeichnung Österreichs. Das habe ihn motiviert, immer wieder schwierige Themen anzupacken, auch wenn er dann Shitstorms oder sogar Morddrohungen riskiere. Das ist vor ein paar Jahren geschehen, als er in einem Projekt über Michael Jackson der Frage nachging, wie jemand die Kontrolle über die Kunstfigur verliert, die er selber geschaffen hat.

Puppen können mehr

Für Habjan besteht kein Zweifel, dass Puppen mehr können als Schauspieler, weil sie durch ihr Spiel die Wahrnehmung des Publikums anders herausfordern. Die Magie, die entsteht, erklärt er sich so: «Ein lebloses Objekt aus Stoff, Gummi, Plastik und Holz wird belebt. Wenn das funktioniert, wird die Realitätstoleranz des Publikums abgesenkt. Dann nimmt es das tote Ding als Lebewesen wahr.» Gutes Handwerk sei das Wichtigste. «Wenn das Handwerk verloren geht, verliert das Theater seine Seele.» Es raschelt auf einmal, als liefe jemand durch einen Haufen Herbstlaub. Es ist Alcina im Taftgewand. Der Regisseur muss zur Probe zurück. Die Zauberin erwartet ihn. Vielleicht lebt sie ja doch.

Premiere im Stadttheater Bern, Freitag 19.30 Uhr. Weitere Vorstellungen: Sa, 15./Di, 18.9. (19.30 Uhr), So, 16.9. (18 Uhr). (Der Bund)

Erstellt: 14.09.2018, 06:41 Uhr

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