«Die FPÖ zelebriert die Nazi-Nähe geradezu»

Der österreichische Puppenkünstler Nikolaus Habjan sieht sein Land nach rechts abgleiten. Für seine politischen Stücke erhielt er wichtige Preise – und Morddrohungen. Am Wochenende spielt er in Zürich.

«Puppen können auf der Bühne so viel wie Menschen»: Nikolaus Habjan (r.) mit Senyeb Saleh in «Das Missverständnis». Foto: Lupi Spuma

«Puppen können auf der Bühne so viel wie Menschen»: Nikolaus Habjan (r.) mit Senyeb Saleh in «Das Missverständnis». Foto: Lupi Spuma

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Es gibt drei Arten, sich schuldig zu machen, glaubt Nikolaus Habjan, und sie sind bei uns weit verbreitet. Die erste ist, nicht zu sich selbst und seinen Bedürfnissen zu stehen – sich so zu verbergen wie Jan in Albert Camus’ Stück «Das Missverständnis» von 1943, mit dem Habjan jetzt am Zürcher Schauspielhaus gastiert. Die zweite ist, wegzuschauen, Tatsachen nicht wahrhaben zu wollen – so wie Jans Mutter, die ihren verlorenen, nach Jahren heimgekehrten Sohn nicht wiedererkennen will. Die dritte sei die offensichtlichste Art, sich schuldig zu machen: aus Angst, Neid und bewusster Blindheit gewalttätig zu werden – so wie Jans Schwester Martha, die mit der Mutter ihren Bruder tötet.

Auf eine abschüssige Ebene hat Habjan die klapprige Herberge der zwei Frauen gesetzt: ein Puppenhäuschen, in das die Riesinnen aus Werg so wenig ­hineinpassen wie der Heimkehrer – und hinter denen die Schauspieler schier verschwinden. Die von Habjan geschaffenen Puppen sind so gross wie die schlechten Gefühle, die sie beherrschen, und sie gehen so schief, wie ihr Haus­segen hängt; immer schon hing.

Vor der Präsidentenwahl

«Aus solchen Gefühlen heraus wurde Donald Trump gewählt und könnte im Dezember Norbert Hofer, der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), zum Präsidenten gewählt werden», sagt Habjan. «Die Atmosphäre in Österreich ist sehr bedrückend und beunruhigend», so der 1987 in Graz geborene Theatermann, der sich mit seinen Stücken und Posts keine Freunde bei der Mehrheit gemacht hat.

2012 erhielt er den Nestroy fürs beste Off-Stück des Jahres: «F. Zawrel – Erb­biologisch und sozial minderwertig» war ein aus Originalzitaten gebautes ­Dokudrama über einen Buben, der von einem Naziarzt für Experimente missbraucht und nach dem Krieg aufs Neue von ihm weggesperrt wird. Es ist auch ein Stück über die Alpenrepublik und ihre lang verdrängte Vergangenheit, die sie da und dort gern zurückfantasiere. Das legt auch Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek regelmässig frei, in deren Stück «Schatten (Eurydike sagt)» Habjan 2013 an der Wiener Burg mittat. Seine ­Jelinek-Puppe sprach dann für die scheue Autorin ihre Dankesrede für den Nestroy-Preis. Passt. «Heute zelebriert die FPÖ die Nazinähe geradezu», sagt Habjan. «Was vor zehn Jahren noch zum entsetzten Aufschrei in der Bevölkerung geführt hätte, generiert heute sogar Wählerstimmen. Es ist unfassbar.»

In dieser unfassbaren Welt kriegt einer wie Habjan immer wieder Morddrohungen über Facebook: einer, der kein Kasperlitheater macht, sondern in bitterbösen Klappmaulpuppenstücken der Gesellschaft ihren Hofer vorhält ­beziehungsweise das, was dahintersteckt. Doch zur Polizei ist der feingliedrige, freundliche Puppenkünstler nicht gegangen: Die Polizisten seien ja ohnehin zu 80 Prozent Hofer-Wähler. Hofer operiere mit Nazisymbolik, und das von Hofer herausgegebene Buch «Für ein freies Österreich» zeige Anklänge an ­Hitlers «Mein Kampf» – von der Rolle der Frau als Brutpflege-Maschine bis zum Bild vom Ausländer als Schädling.

Habjan sieht Parallelen zu den USA. «Auch bei uns wird der Wahlkampf als Duell inszeniert und mit Hetzrhetorik geführt. Er führt ins Dunkel.» Die Menschen könnten nicht mehr ums Eck ­denken, Medien und soziale Medien hätten sie auf Schlagzeilen getrimmt. Viele hätten Abstiegsängste, würden nicht erkennen, dass die FPÖ in Wahrheit eine Partei für die Reichen sei. Der Flüchtlingsansturm habe das Land überfordert, da habe sich mancher wiederum in Vorurteile geflüchtet – und die meisten Lügen blieben unwidersprochen. «Man müsste jede Falschmeldung, etwa über die steigende Ausländerkriminalität, sofort korrigieren und die wahren Zahlen bekannt machen», fordert der Künstler, der Österreich als zutiefst gespaltene Nation erlebt. Hier Hofers Welt, da die des grünen Kandidaten Alexander Van der Bellen – und dazwischen ein Abgrund.

Habjan selbst hat sich nie gescheut anzuecken. Schon fürs erste eigene Stück schaute er 2008 den Leuten aufs Maul. Sein Altersheimbewohner Herr Berni zog in «Schlag sie tot» über «die ­Juden» und «Negerfratzen» her. «Unter Hitler hätts dös net gebn» ist ein Mantra.

Am Anfang die «Zauberflöte»

Damals studierte Habjan noch Musiktheaterregie an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Das Studium frustrierte ihn: zu einengend, zu wenig ermutigend. Motiviert haben ihn die Eltern, er Verlagskaufmann, sie Kunsthistorikerin. Und mit vier hatte Habjan am Fernsehen eine «Kinderzauberflöte» gesehen, da wars um ihn geschehen: Er wollte CD, Bühnenerlebnis, und mit fünf sah er seine erste «Zauberflöte» – als Marionettentheater.

«Das war das Grösste», erinnert sich der 29-Jährige. «Puppen können auf einer Bühne genauso viel wie ein Mensch. Mindestens.» Sie seien expressiv wie Stummfilmhelden; und stürben sie, seien sie toter als jeder gespielte Tote. Einfach ein Objekt. «Puppen stilisieren die Wirklichkeit wie der Bühnenraum, der ja total unnatürlich ist. Sie behaupten keine Realität. Aber gerade durch die Distanz entsteht eine neue Wahrhaftigkeit. Puppentheater funktioniert wie ein magischer Brennspiegel.»

Dem Meistermagier der Puppen, Neville Tranter, durfte Habjan mit 15 über die Schulter schauen; jetzt sind sie Freunde, arbeiten auch gemeinsam. Von ihm, schwärmt Habjan bescheiden, habe er gelernt, Objekte mit minimalen Bewegungen in den Fokus zu rücken, sie lebendig werden zu lassen und sich selbst zurückzunehmen: etwas, das seine Mitspieler in «Missverständnis» erst üben mussten. Doch sie bewiesen sich als begabte Zauberlehrlinge. Habjan hat mit ihnen und anderen etliche Puppentheaterabende realisiert. Und vor zwei Wochen wurde er zum Liebling der österreichischen Theatergänger gekürt, die ihm den Nestroy-Publikumspreis 2016 zuerkannten. Dass man die Leute noch derart mit Puppen fesseln kann, gibt ihrem Herrn Hoffnung – für die Kunst wie für den Widerstand gegen die Verdummung, von dem sie erzählt.

«Das Missverständnis»: 25./26. 11., Schauspielhaus Zürich.

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