«Die Bürger lassen sich nicht verscheissern»

Autor Feridun Zaimoglu attackiert Erdogan, Merkel und die Gewaltkultur vieler Einwanderer. Für den Saisonstart am Schauspielhaus hat er «Antigone» entsprechend überarbeitet.

«Die selbst ernannte Schutzgarde des Abendlandes sind nicht gerade die hellsten Kerzen»: Feridun Zaimoglu. Foto: Erwin Elsner (DPA)

«Die selbst ernannte Schutzgarde des Abendlandes sind nicht gerade die hellsten Kerzen»: Feridun Zaimoglu. Foto: Erwin Elsner (DPA)

Kanzlerin Angela Merkel und die CDU wurden schwer abgestraft in Mecklenburg-Vorpommern. ­Haben die Deutschen genug von der Willkommenskultur?
Das Wort Willkommenskultur ist einfach ein Unwort, man kann von Gastfreundschaft sprechen. Und Frau Merkels Leistung wird überschätzt. Weil ich viel reise und die meisten Lesungen in Kleinstädten bestreite, habe ich gesehen, dass da nicht geschwätzt, sondern gehandelt wird, und dass die Bürgermeister der Kleinstädte die eigentlichen Helden der Gastfreundschaft sind. Aber die Überrumpelungspolitik von Frau Merkel, von der ich nie etwas gehalten habe, war keine Politik. Wenn eine Kanzlerin sich hinstellt und sagt «Ich habs gefühlt» – dann ist das ein Blödsinn. Es suggeriert einen göttlichen Akt der Gnade und verbietet jede kritische Nachfrage als herzlos. Das ist eine Frechheit ohnegleichen und löst Widerstand aus.

Ist Frau Merkels Flüchtlingsdeal mit Erdogan der Weg zu einer Lösung?
Frau Merkel steht für manisch-panisches Gefuchtel. Die Eine-Frau-Feuerwehr zu spielen und sich mit Herrn Erdogan zu treffen, grenzt an Heuchelei. Plötzlich ist der verrufene Potentat der grösste Helfer und Partner. Aber die Bürger ­lassen sich nicht verscheissern.

Wie sehen Sie die Türkei derzeit? Beleidigungen türkischstämmiger deutscher Abgeordneter, Verfolgung kritischer Autoren – haben Sie Angst, die Heimat zu besuchen?
Zugegeben, ich war diesen Sommer nicht in der Türkei bei meinen Eltern. Das hatte aber keine politischen Grün­de – obwohl ich dort wohl kein ­besonders beliebter Schriftsteller bin –, sondern ich bin gerade in mein aktuelles Schreibprojekt vertieft, einen Luther-Roman. Überhaupt ist es ein Unding, dass sich alle auf den einen Bösewicht – Erdogan – einschiessen und man andere Ge­fahren in der Türkei übersieht.

Welche anderen Gefahren?
Es gab immerhin einen Putschversuch. Ich bin wahrlich kein Erdogan-Fan, aber auch nicht so verblendet, zu glauben, dass das Ganze eine fingierte Geschichte war. Das macht die Sache nicht besser, sondern schlechter. Und was ist das für ein Land, in dem die grösste heimliche Opposition eine Sekte ist? Unabhängig davon, ob Fethullah Gülen hinter dem Putsch steckt oder nicht – er ist jedenfalls nicht harmlos. Seit Jahrzehnten beschäftige ich mich mit Religionen und Sekten, und die Gülenbewegung hat ­definitiv die Merkmale einer Sekte, die mobilmacht. Was nicht heisst, dass ich glaube, die Türkei habe sich über Nacht in eine lupenreine Demokratie ver­wandelt. Das wäre ein schlechter Witz!

Wie schätzen Sie die Atmosphäre in der Türkei ein?
In diesem Land herrscht der Kadavergehorsam. Man hat nie wirklich mit der Gewaltkultur der osmanischen Despotengesellschaft gebrochen, auch nicht mit dem Kollektivgeist, der mehr zählt als das Individuum – und mir scheint nicht, dass sich das bald ändert. Erdogan ist der feuchte Traum aller kleinen Demagogen. Von mehr Demokratie würde das türkische Volk nur profitieren, und zwar um seinetwillen, nicht wegen eines allfälligen EU-Beitritts. Den will die Mehrheit ja auch gar nicht. Viele Secondos verklären ihre alte Heimat als Idylle: Es gibt ja die viel bemühte Fabel vom bösen Westen, der die reine türkische Kultur verunreinige – ein Quatsch sonder­gleichen! Ich dagegen bin ein nicht re­ligiöser, gut gelaunter Deutscher, und meine Heimat ist Deutschland.

Sie haben über die schwierige Integration in Deutschland geschrieben, etwa «Kanak Sprak» und «Koppstoff». Hat sich die Situation verschärft?
Man kann schon sagen, dass sich die arabische nicht mit der deutschen Kultur verträgt. Es ist nicht verkehrt, wenn man die Menschen dazu einlädt, sich von ihrer Gewaltkultur und ihren Komplexen zu lösen. Es gibt bestimmte Spielregeln der deutschen Gesellschaft, und die stehen fest. Übergriffe wie in Köln: Das geht gar nicht, und das darf auch nicht von der Multikulti-Industrie mit irgendwelchen Kulturkreisüberlegungen verwedelt werden. Wer sich als beratungsresistent erweist, zum Beispiel im Verhalten gegenüber Frauen, dem wünsche ich gute Heimreise. Aber ich fordere nicht, wie die Knallchargen von der «Weltwoche», die Zombifizierung des Flüchtlings. Wer per Zufall als Schweizer oder Deutscher geboren wurde, kann sich nicht als Zuchtmeister aufspielen. Diese bellenden Konservativen sollten im Geist des Humanismus mal die Stimme dämpfen.

Sollte man die Burka verbieten?
Ich finde die Schwarzverzeltung der Frau grauenhaft und kann mir kaum vorstellen, dass so etwas freiwillig angezogen wird. Die Entscheidung von Konvertitinnen kann ich nicht nachvollziehen. Überhaupt ist der Dorfislam mit seinen Regelungen mehr Dorf als Islam. Aber: Ich schweige zur Burka-Frage. Die Frauen sollen sich äussern. Das ist ihre Sache. Ich bin bloss ein machtloser ­Stubenradikaler, der den Machthabern nicht den Gefallen tut, ihre Desinfor­mationsmünzen, ihr Gewäsch und Geschwätz zu übergehen.

Wie meinen Sie das?
Zum Beispiel die Burka-Frage: Das ist doch vor allem ein Instrument im Überbietungswettbewerb von rechts. Die Manipulation und Volksverdummung feiert bei uns fröhliche Urständ. Gern schimpft ­­man über exotische Schurkenstaaten oder Fremde. Oder stilisiert das Minarett zum Zeichen der Militanz einer Religion wie in der Schweiz – da bin ich ­fassungslos. Ich glaube: Die wahre Gefahr heute ist der ungehemmte Finanzkapitalismus. Man schaue auf die konservativen Nebelredner, sie beherrschen das Handwerk der Lüge perfekt und lenken von der eigenen Schäbigkeit ab. Die Wahrheit von der sich öffnenden Schere, vom fest zementierten oben und unten wird verbrämt. Grosse Gesellschaftsschichten erodieren und werden angesteckt von einer tödlichen Melancholie. Und das Drücken von Empörungstriggern, das Auslösen lumpenvaterländischer Gefühle funktioniert wie Valium fürs Volk; dieses sucht Trost in der Wahl von AfD oder Front national.

Und Sie als Schriftsteller sind der mahnende Seher?
Weit gefehlt! Ich bin mir meiner Nichtigkeit sehr bewusst. Ich riskiere eine scharfe Lippe – aber die Zeit des investigativen Intellektuellen ist vorbei. Wir sind, ein bisschen, wie Antigone: Sie ist keine Revolutionärin, im Gegenteil, sie hält an Traditionen fest, die der wahre Abtrünnige in dem Stück von Sophokles, der Potentat, übergeht. Antigone spuckt in die Fratze des Diktators.

Für das Schauspielhaus Zürich haben Sie eine «Antigone»-Version verfasst, die nun die Saison eröffnet.
Gemeinsam mit dem Co-Autor Günter Senkel; wir arbeiten regelmässig zusammen. Über den Zürcher Auftrag habe ich gejauchzt: Es ist ein Stoff, der einen wegweht aus dem Mittelmass der Zeit; und ich bin begeistert vom Feminismus. Der alte Schicksalsmythos von Sophokles’ «Antigone» dagegen interessiert mich weniger. Aber die manipulativen Lobhudler Kreons, die erkenne ich in der heutigen Gesellschaft ebenso wieder wie die vergeblichen Versuche von ­Menschen, der Macht entgegenzutreten. Es geht darum, die Lüge zu vermeiden; sie blosszustellen.

Die Journalisten in Ihrer «Antigone» sind sexbesessene Charakterschweine.
Ich habe grosse Achtung vor dem Handwerk des Journalismus, ich selber bin nur ein kleiner Geschichtenschreiber. Aber ich beobachte, dass die Essenz der heutigen Berichterstattung meistens der Tratsch, das Gerücht ist. Es gibt die Besessenheit, den Personen auf die Pelle zu rücken, von der Inneneinrichtung bis hin zum Liebesleben, statt die Sachthemen zu behandeln. Das ist eine Art von Pornografie – ich bilde das ab. Zudem werden Frauen noch heutzutage vom männlichen Blick zum Objekt gemacht.

Wieso haben auch die Schwestern Antigone und Ismene bei Ihnen eine extrem sexualisierte Sprache?
Sie verwandeln das Wort, das gegen sie verwendet wird, in eine Waffe. Ich habe auch grosse Sympathie für Ismene, die für das Leben, Lust und Liebe einsteht.

Für die Werte des Abendlandes?
Mit diesem Begriff muss man vorsichtig sein. Die grössten Kriegstreiber bezeichnen sich als Verteidiger des Abend­landes. Friedenspolitik? Ein Schmarrn! Man hat Augen im Kopf, damit man sie aufreisse. In Stellvertreterkonflikten fliesst Blut, und hier bei uns werden immer mehr Menschen in die Verzweiflung gestossen. So keimt in ihnen der Wille, sich als Volksgemeinschaft zu betrachten. Es gibt keine Solidarität unten, nur «die Schweine und wir». Und die selbst ernannte Schutzgarde des Abendlandes sind nicht die hellsten Kerzen auf der Torte. Ich sehe üble, blutige Kämpfe auf uns zukommen.

Was tun?
Ich hab auf meine schöne Machtlosigkeit hingewiesen. Für mich gilt allein die Menschenliebe. Zynismus und Staats­räson gehen mir am Allerwertesten vorbei. Viele Menschen wagen inzwischen den Rückzug aus dem Lügengespinst und setzen auf das Unvergängliche: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Es gilt für mich die Bergpredigt. Punkt.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...