Dicke Salonluft

Ein Bub rüttelt an der Familienidylle: Zur Saisoneröffnung zeigt das Theater Biel-Solothurn das surrealistische Stück «Victor oder die Kinder an der Macht». Zu sehen gibt es viel, zu grübeln wenig.

Vom Musterknaben zum Unruhestifter: Victor (Tom Kramer) provoziert Risse in der Kleinfamilienfassade.

Vom Musterknaben zum Unruhestifter: Victor (Tom Kramer) provoziert Risse in der Kleinfamilienfassade. Bild: Joel Schweizer

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Das muss er sein, der Strippenzieher des Abends. Mit dem Rücken zum Publikum dirigiert er ein unsichtbares Orchester, das Richard Strauss’ «Also sprach Zarathustra» schmettert – oder zumindest den Anfang mit den triumphierenden Streichern, der Eingang in die Popkultur gefunden hat. Er hat die Fäden also scheinbar in der Hand, dieser Lockenkopf, von dem wir im roten Gegenlicht zuerst nur die Silhouette sehen.

Victor ist es – die Hauptfigur aus dem Stück «Victor oder die Kinder an der Macht» –, mit dem das Theater Biel-Solothurn die neue Saison eröffnet. Das surrealistische Schauspiel des Franzosen Roger Vitrac wurde 1928 uraufgeführt und in den Sechzigerjahren wiederentdeckt. Kein Wunder, denn das Drama entspricht mit seiner Kritik am heuchlerischen Bürgertum durchaus den Anliegen der 68er-Bewegung.

Kristallgläser und Kerzenständer

Aber passt es auch in unsere Zeit? Schauspieldirektorin Katharina Rupp scheint wenig Zweifel zu haben. Sie verzichtet darauf, den Stoff zu aktualisieren, und siedelt das Geschehen genau dort an, wo es vermutlich schon in den Zwanzigern gespielt hat: in einem bürgerlichen Salon – Kristallgläser, Porzellangefässe, Kerzenständer inklusive. Eine weiss getünchte Szenerie (Bühne: Vazul Matusz), die dank Flügeltüren wunderbar dramatische Auftritte erlaubt.

Hier also feiert der kleine Victor, der immerhin einen Meter achtzig gross sein soll, seinen neunten Geburtstag. Und er kündigt an, er werde heute nicht mehr den Musterknaben geben, den er bislang gespielt habe. Was das heisst, erfährt man auch gleich: Der Bub zerschmettert eine teure Vase und bezichtigt andere der Tat. Und als das Ehepaar Thérèse und Antoine Magneau zu Besuch kommt, provoziert er den kriegsversehrten Antoine, der daraufhin in die nächste psychotische Episode abtaucht.

Wo hinsehen?

Er ist ein Unruhestifter, dieser Victor, eine Narrenfigur. Tom Kramer spielt ihn mit Fliege und furioser Energie, was zeitweise andere, schillernde Facetten vermissen lässt. Vielleicht liegt das auch an der grandiosen Tatjana Sebben, die als sechsjährige Esther Magneau im knallblauen Kleid so hinreissend kindlich agiert, dass man ihr noch lange zuschauen könnte – und Victor blass wirkt neben ihr.

Aber wo überhaupt hinsehen in dieser Inszenierung? Ein Blickfang sind die Frauen in ihrer hübsch übertriebenen Abendgarderobe (Kostüme: nochmals Vazul Matusz) – die leidende Thérèse an ihrer E-Zigarette (bestechend gequält: Atina Tabé) ebenso wie Victors Mutter Emilie (herrlich konsterniert: Margit Maria Bauer). Auch sonst ist immer etwas los: Antoine hat seine Anfälle (liebenswürdig labil: Günter Baumann), ein General (Vilmar Bieri) kommt zu Besuch, das Dienstmädchen (Anne Sauvageot) schaut zum Rechten – und dann wäre da noch der Moment, in dem die Kleinfamilienfassade endgültig Risse bekommt.

Entlarvte Affäre

Wie bei «Hamlet» wird während des Stücks eine Szene dargeboten, ein Theater im Theater gewissermassen, die den anderen Figuren einen Spiegel vorhält – und dadurch das Geschehen vorantreibt. So wäre es bei Shakespeare zumindest vorgesehen, und auch in Solothurn herrscht zuerst einmal dicke Salonluft, als Victor und Esther in einer nachgestellten Liebesszene die Affäre von Victors Vater und Esthers Mutter entlarven.

Bis der Vater dann aber in geistiger Umnachtung sein Ehebett ansägt und mit einem Revolver hantiert, dauert es eine ganze Weile. Jörg Seyer gelingt es am besten, seine Figur eine kurzzeitige Entwicklung durchleben zu lassen. Ansonsten lässt sich nicht viel psychologisieren in diesem Stück, dazu sind die Charaktere wohl absichtlich zu flach. Oder zu absurd, könnte man argumentieren.

Slapsticks statt Schlagkraft

In der Inszenierung von Katharina Rupp trifft alles ein wenig zu: Es klingt sowohl das bürgerliche Kammerspiel als auch der surrealistische Hintergrund an – etwa durch stummfilmartige Projektionen (Video: Florian Barth). Was aber macht dieses Stück heute noch brisant? Unsere Lebenswelt mag noch immer von Ideen des Bürgertums durchdrungen sein. Und doch ist sie eine andere. Individuelle Freiheit steht über dem häuslichen Idyll; der Verwandtschaftsbegriff ist in Zeiten von Regenbogen- oder Patchworkfamilien durchlässiger geworden.

Eine radikale Aktualisierung wäre nicht einmal nötig gewesen – genügt hätte, zu erfahren, was Katharina Rupp an «Victor oder die Kinder an der Macht» interessiert. Denn die Inszenierung verliert sich zunehmend in Effekten und Slapsticks. Ein belebender Abend? Ist es allemal. Die kritische Schlagkraft von einst? Die ging irgendwo verloren.

Bis 28.11. Ab 21.9. auch am Stadttheater Biel. www.tobs.ch (Der Bund)

Erstellt: 03.09.2018, 07:34 Uhr

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