Der Sog des Rätselhaften

Calixto Bieito wühlt im menschlichen Seelenschlamm, auch wenn er so den Tabubruch riskiert. Wie tickt der Starregisseur, der in Bern Richard Wagners «Tannhäuser» inszeniert?

«Ich suche nie die Provokation. Wenn jemand meine Fantasien nicht teilt, ist das für mich o. k.»: Opernregisseur Calixto Bieito in einem Bühnenbild des «Tannhäuser» am Konzert Theater Bern.

«Ich suche nie die Provokation. Wenn jemand meine Fantasien nicht teilt, ist das für mich o. k.»: Opernregisseur Calixto Bieito in einem Bühnenbild des «Tannhäuser» am Konzert Theater Bern. Bild: Philipp Zinniker

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Man rieb sich die Augen, als sein Name 2013 erstmals im Spielplan von Konzert Theater Bern auftauchte: Calixto Bieito. Sollte der katalanische Kultregisseur tatsächlich am Berner Stadttheater ein Oratorium von Georg Friedrich Händel einstudieren? Die Ankündigung fühlte sich an wie ein Adrenalinkick. Bieto inszeniert auf der ganzen Welt. An Theatern und Opernhäusern, die um ein Vielfaches grösser sind als das Haus am Kornhausplatz und bedeutender.

Bezeichnend war, was die Annonce auch noch auslöste: Während die einen ihn kaum erwarten mochten, trieb das Wissen um seine Ankunft anderen den kalten Schweiss auf die Stirn. Keiner spaltet die Opernwelt so, wie Bieito. Das hat (auch) mit seinen Regieanfängen zu tun. Ohne Furcht vor Tabubrüchen wusste er die menschliche Natur in ihren tiefsten Abgründen und dunkelsten Schattierungen auf die Bühne zu bringen.

Bieito, der charismatische Verschatter, hielt der Welt den Spiegel vor – in schonungslos direkten, oft suggestiven Bildern. Er zeigte Sex, Vergewaltigung, Nacktheit, liess das Theaterblut fliessen und scheute sich nicht vor pornografischen Szenen. Sein Ruf war zementiert. Doch gleichzeitig war er ein unzimperlicher Perfektionist, was die Interpretation der Musik angeht. Das bewies er in Bern mit Georg Friedrich Händels «Trionfo del Tempo e del Disinganno».

Die Intensität war auch ein Resultat von Bieitos enger Verbindung mit der Partitur. Dass er einst Musik studiert hat, kommt ihm zugute. Er weiss, wie man Ton und Bild auf der Bühne zur explosiven Paarung zusammenführt. Explosiv sind seine Arbeiten auch deswegen, weil der Regisseur gekonnt die Magie des Unberechenbaren miteinkalkuliert. Und wohl auch die mögliche Überforderung des Publikums.

Denn das gab und gibt es an deutschen Opernhäusern: Schockierte Opernfreunde und Abokündigungen nach Bieito-Premieren. Und Einlassbeschränkungen: Bieitos «Freischütz» in Berlin zum Beispiel wurde erst ab 16 Jahren freigegeben. Auch Sängerinnen und Sänger haben schon gegen seine szenische Experimentierfreude rebelliert.

In seinen Arbeiten kalkuliert Bieito gekonnt die Magie des Unberechenbaren mit ein.

In «Die singende Stadt», einem eindrücklichen Kinofilm, der auch in Bern zu sehen war, ist das minutiös dokumentiert. Da begleitet ein Kamerateam die Probenarbeit zu Richard Wagners «Parsifal», und Bieito steckt die nackten Leiber der Choristinnen in transparente Frischhaltefolie. Das kam nicht bei allen gut an.

Sein Ruf eilt ihm voraus

Nun also ist der Quentin Tarantino des Musiktheaters, wie Calixto Bieito auch genannt wird, wieder in Bern. Diesmal mit Richard Wagners grossartigem «Tannhäuser». Und wieder ist ihm sein Ruf vorausgeeilt. Erstaunlich, wie viele sich mit dem Etikett «Skandalregisseur» zufrieden geben. Oder sich nicht getrauen, nachzufragen. Hat der melancholisch blickende Regisseur vielleicht selber ein dunkles Geheimnis? Oder arbeitet er auf der Bühne gar eigene Kindheitstraumata ab? Er soll bekanntlich in einem Jesuiteninternat zur Schule gegangen sein, in dem Kameraden sexuell missbraucht wurden.

Bieito sieht seinen Blick auf die Welt nicht so eng. Eher fühlt er sich als Katalysator, der die Verrücktheiten, die uns alle umgeben, auf die Bühne transportiert. Die Welt als grosser Fundus, wo viel Ungereimtes, Böses, Schweinisches, Korruptes passiert. Liegt da der Schlüssel zu seiner Sicht auf die Oper, die ja schon immer nichts anderes tut, als sich an menschlichen Abgründen zu reiben? Bieito sagt, er wolle seine Fantasien, Ängste, Emotionen und Zweifel mit den Sängerdarstellern teilen. Und mit dem Publikum. Wenn es anders fühle als er, dann habe er damit kein Problem. «Ich kann mit Kritik umgehen.»

Er denkt differenzierter, als manche ihm zugestehen wollen. Das zeigt sich auch darin, dass Bieito durchaus auch sex-, gewalt- und blutfrei inszeniert. Benjamin Brittens «War Requiem» etwa am Theater Basel. Davon spricht aber meistens niemand. Und auch davon nicht, dass er seine Fantasien nicht aus der Luft, sondern aus der Partitur schürft. Öfters wird ihm unterstellt, dass er nur auf Provokationen schiele. Ist das so? Man muss ihn direkt fragen.

Augen, denen nichts entgeht

Eine Verabredung mit Calixto Bieito muss man sich verdienen. Zweimal lässt der Vielbeschäftigte ein Treffen im Stadttheater kurzfristig platzen. Beim dritten Mal klappt es dann aber doch. Er erscheint mit zehn Minuten Verspätung im Zuschauersaal. Ein freundlicher ruhiger Mann Anfang Fünfzig mit schwarzen Kirschaugen, denen nichts zu entgehen scheint. Er ist etwas ausser Atem. Gerade ist er mit dem TGV aus Paris gekommen. Am Vorabend hatte seine «Carmen» im Pariser Théâtre Bastille Premiere.

Mit dieser Produktion gab er in Boston und San Francisco auch sein Amerika-Debüt. In französischen Blättern liest man von einer tollen Inszenierung, begeistertem Publikum. Kritik gibt es einzig bezüglich der Theaterwerbung, die eine «neue Produktion» versprach. Dabei sei diese «Carmen» schon vor zwanzig Jahren gezeigt worden.

Was sagt Bieito dazu? Auch der «Tannhäuser», der in Bern gezeigt wird, hatte bereits Premiere. Als Koproduktion kam die Oper Anfang Jahr im Teatro La Fenice in Venedig auf die Bühne. «Der Cast hier ist anders», sagt der Regisseur, als hätte er den feinen Angriff überhört. Mit wechselnden Sängern verändere sich ein Werk.

Er sei an Wiederholungen nicht interessiert. Das sei doch die Kunst, sich mit einem Konzept auf neue Menschen und Orte einzustellen und aus dem jeweils Vorhandenen das Beste herauszuholen. Deshalb inszeniert er auch gerne in Bern. «Ein schönes Haus, ein guter Ort», sagt er. Er blickt auf die Bühne, wo in wenigen Minuten die erste Hauptprobe stattfindet. Mit allem Drum und Dran, aber noch ohne Orchester. Bieito scheint zufrieden mit dem, was er sieht.

Für einen noch Uneingeweihten ist es ein gespenstischer Anblick. Im Halbdunkel der Bühne markiert ein wildes Blätterdickicht aus grünbelaubten Ästen das Innere des Venusbergs. Das ist jener geheimnisvolle Ort, wo Ritter Tannhäuser sieben Jahre ein sündiges Leben in Lust und Versuchung führt, bevor er, den Reizen der heidnischen Göttin Venus überdrüssig, versucht, in sein altes Leben zurückzukehren.

Bieito scheint vor dem inneren Auge das Mysterium der Verwandlung bereits zu sehen, das bei der Ouvertüre passieren wird, wenn sich die Büsche wie aus dem Tiefschlaf mächtig erheben und sich als überdimensionierte Geister um ihre eigenen Schattenachsen drehen.

Pedalen im Takt des Chores

Er habe eine ganz besondere Beziehung zum «Tannhäuser», sagt Bieito und wirkt dabei fast ein wenig gerührt. Wie kein anderes Werk erinnere ihn die Musik an seine Kindheit in Kastilien in Nordspanien. Die Eltern hatten die Oper auf Tonbandkassette. «Mein jüngerer Bruder und ich haben die Musik rauf und runter gespielt. Am liebsten mit Kopfhörern beim Velofahren. Wir pedalten im Takt des Chores», erinnert er sich.

Wenn ihnen dabei der Wind ins Gesicht schlug, hätten sie sich als Helden gefühlt. «Wir dachten, wir können die Welt verändern.» Heute wisse er es besser, sagt er. Erst Jahre später habe er erfahren, worum es im «Tannhäuser» geht: «Um Männer, die sich als Zentrum der Welt fühlen. Um Schuld und Egoismus», sagt er.

Auch er ist Vater zweier Söhne. Seine Familie sei ihm sehr wichtig. «So oft wir können, reisen wir zusammen herum.» Wissen seine Söhne, was er tut? Sicher, sagt Bieito. Er nehme sie auch mal an eine Premiere in ein Theater mit. Wenn ihm dann aber neben Applaus auch Buhs um die Ohren klatschten, fühle sich das nicht gut an. Während der Arbeit, sagt er, denke er nicht an die Reaktionen des Publikums. «Es geht mir ja nie um Provokation. Was für mich auf der Bühne zählt? Authentizität, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit.»

Und wie bringt er die Sängerinnen und Sänger dazu, Dinge zu tun, die gelegentlich sogar das Publikum überfordern? «Ich weiss es nicht», sagt er. «Ich arbeite ohne Tricks. Meine Regiearbeit basiert auf Kommunikation, Freiheit, Disziplin. Und gegenseitigem Respekt. Wenn jemand meine Fantasien nicht teilt, ist das für mich o.k.»

Die Angst vor dem Tod

Seine Ideen findet er oft auf der Strasse, beim Beobachten der Leute, im Kino, beim Gedichteschreiben. Oder bei Museumsbesuchen. Beindruckt hat ihn etwa der afroamerikanische Künstler Jean-Michel Basquiat, der es mit seiner Kunst geschafft hat, den Schrecken des schwarzen Lebens künstlerisch einzufangen, «Dinge, für die es keine Sprache gibt.» Inspiration findet er auch auf Friedhöfen. Am Sonntagmorgen, wenn alles ruhig ist. Warum das so ist, weiss er nicht. Er habe Angst vor dem Tod, wie jedermann, sagt er. Seine Stimme hat plötzlich wieder diesen samtig-rauchigen Unterton.

Ist vielleicht genau dies sein Antrieb? Bieito weicht der Konfrontation mit den Ängsten nicht aus. Im Leben nicht und nicht auf der Bühne, die für diesen Regisseur ja wohl nichts anderes ist.

Während man der Bedeutung seiner Worte nachsinnt und dem Sog des Rätselhaften, spürt man plötzlich eine kurze feste Umarmung. Und Calixto Bieito entschwindet. Die Probe beginnt. Was bleibt? Der Hauch von seinem Parfum, das sanft ist wie seine Stimme. Und ein Gefühl, dass dieser faszinierende Künstler wohl tatächlich kein Geheimnis hat. Sondern selber eines ist.

Stadttheater Bern: «Tannhäuser» von Richard Wagner, Sa, 25. März, 18 Uhr (Premiere). Vorstellungen bis 30. 4. (Der Bund)

Erstellt: 22.03.2017, 07:34 Uhr

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