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Der Mann, der mit Steve Jobs abrechnet

Mike Daisey ist so etwas wie der Michael Moore der Kleinkunst. In seinem neusten Bühnenprogramm attackiert der Amerikaner Apple. Steve Jobs' Tod hat ihn nur kurz ins Straucheln gebracht.

Lässt sich nicht beirren in seiner Mission: Mike Daisey.
Lässt sich nicht beirren in seiner Mission: Mike Daisey.
Keystone

Mike Daisey sitzt vor dunklem Hintergrund auf der Bühne. Bloss ein simpler Tisch steht dort, darauf ein Glas Wasser und ein paar Notizen. Daisey trägt ein schwarzes Shirt, das sein Körpervolumen aber nicht kaschieren kann. Seine Hände sind fleischig, sein rundes Gesicht samt Doppelkinn schwitzt im Scheinwerferlicht so stark, dass er es sich immer wieder mit einem Stofftuch abtupfen muss.

«Keine Angst, sein Baby zu töten»

Träge ist der 38-Jährige deswegen nicht, ganz im Gegenteil. Die Energie kann er während zweieinhalb Stunden halten, wie die Kritiker allesamt loben. Gleich setzt er zu einer Tirade mit seiner Baritonstimme an, er untermalt das Gesagte mit seinen Händen, manchmal fuchtelt er auf Schulterhöhe damit herum. «Steve Jobs war immer ein Gegner von Nostalgie. Er hat immer gewusst, dass die Zukunft Opfer erfordert. Er hatte nie Angst, sein Baby zu töten», sagt er im Monolog seines Programms, das er «The Agony an the ecstasy of Steve Jobs» nennt.

Es wird oft gelacht, wenn Mike Daisey auftritt. Zum Beispiel, wenn er den hysterischen Apple-Fan mimt, der er früher selber war, vor dreissig Jahren, als er im Elternhaus in Maine stundenlang an einem Apple-Computer herumbastelte. Aber Mike Daisey ist kein Comedian. Er meint es ernst. In seinem Programm weist er auf Missstände bei Apple hin und erinnert dabei an Michael Moore.

Gefährliche Aktion in China

So ist er etwa auf eigene Faust nach Shenzhen nördlich von Hongkong gereist: zum riesigen Konzern Foxconn, wo fast eine halbe Million Arbeitende Elektronikteile für grosse Konzerne wie Apple produzieren. Es ist der Ort, dessen Name gemäss Daisey fast niemand in Amerika je gehört hat, obwohl fast alle Elektrogeräte im Haushalt von dort kommen. Erst vor etwa einem Jahr sind zahlreiche Selbstmorde von Mitarbeitenden publik geworden. Grund genug für den Amerikaner aus Brooklyn, vor dem Fabrikgebäude verschiedene Arbeitende zu interviewen, um weitere Beweise für die misslichen Zustände zu finden.

Eine offizielle Bewilligung für die Interviews hatte er natürlich keine. Nicht ganz ungefährlich, wie ein Beispiel zeigt, das Slate.com erwähnt. Demnach hat ein AP-Fotograf draussen vor der Firma fotografiert und wurde erwischt. Anschliessend wurde er zwei Tage lang verprügelt, bevor die Behörden ihn wieder freiliessen. Mike Daisey kam ungeschoren, aber umso überzeugter davon. In seinem Programm nennt er Shenzhen «einen stalinistischen Feuchttraum», oder, wie Dradio.de schreibt, eine «makabre Deutung von Steve Jobs' berühmten Slogan ‹Think Different›».

E-Mail an Jobs

Immer am Ende seiner Show verteilte der Performer jeweils die direkte Mailadresse von Steve Jobs an alle Besucherinnen und Besucher mit der Aufforderung, ihn doch mit den Vorwürfen zu konfrontieren. Und Steve Jobs schrieb zurück. Etwa mit folgenden Worten: «Mike doesn't appreciate the complexity of the situation», also «Mike anerkenne die Komplexität der Situation nicht.» Ein Schuldeingeständnis war das nicht. Eine Aussage, die den Künstler sichtlich ärgerte, wie ein Auftritt in einer TV-Sendung zeigte (siehe Video).

Die Sache mit der E-Mail am Ende der Sendung funktioniert nun nicht mehr. Eine Woche vor dem offiziellen Broadway-Debüt des Programms starb Steve Jobs. Noch eine Stunde vor der Premiere soll Mike Daisey an seinem Skript herumgeschrieben haben, sagte Daiseys Frau gemäss Slate.com. Doch der Performer liess sich am Ende dennoch nicht irritieren und setzte alle Passagen über Steve Jobs einfach von der Gegenwarts- in die Vergangenheitsform. Steve Jobs sei einmal sein Held gewesen, aber irgendwann in seinem Leben müsse er sich wohl von seinen Idealen verabschiedet haben.

Am Ende seines Monologs sagt Daisey zum Publikum: «Steve hat seine Wahl getroffen. Ich bin gespannt, welche Wahl ihr trefft.» Dass Apple-Produkte von Kinderhänden und unter misslichen Umständen gefertigt werden, akzeptiert er nicht. Jobs' Tod hin oder her. So macht er ungeachtet des Kults um den verstorbenen Apple-Gott weiter mit seinem Anti-Apple-Programm – und verteilt nun einfach Flyer mit der Mail-Adresse von Tim Cook. Dieser soll auf auf den Performer und sein Programm nicht gut zu sprechen sein.

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