Der Engel ist gelandet

Simon Stone ist 31 Jahre alt, gilt aber schon jetzt als ein Retter des Schauspieltheaters. Am Freitag eröffnet der Australier die Saison am Theater Basel mit Tony Kushners «Engel in Amerika».

Für seine Lesemanie klaute Simon Stone, hier auf der Probebühne in Basel, einst Bücher aus der Schulbibliothek. Foto: Reto Oeschger

Für seine Lesemanie klaute Simon Stone, hier auf der Probebühne in Basel, einst Bücher aus der Schulbibliothek. Foto: Reto Oeschger

Andreas Tobler@tobler_andreas

Die Mähne fällt Simon Stone bis zu den Schultern. Und auf diesen lasten grosse Hoffnungen: Denn kaum einem Regisseur gelingt heute noch ein überzeugender Zugriff auf die grossen Stoffe, welche die Stadttheater so dringend brauchen, um ihre Säle zu füllen. Doch wie soll man die alten Dinger von Shakespeare & Co. spielen, nachdem die Mittel des Poptheaters längst verbraucht sind und die Dekonstruktion sich nur bei ­Regisseuren wie Frank Castorf als produktiv erwiesen hat?

Der 31-jährige Stone ist die Antwort auf diese Frage. Und dies aus dem an sich einfachen Grund, dass der baumlange Australier mit Schweizer Wurzeln die alten Stoffe ins Heute übersetzen kann. Etwa «Thyestes», eine Seneca-Tragödie, die Stone 2014 für die Gegenwart eindampfte: In einem Containerraum, den man von zwei Seiten einsehen konnte, wurde die antike Rachetragödie bis auf ihr Handlungsgerüst skelettiert, die sexuelle Gewalt als das Kernmotiv herausgelöst und das Stück so scharfgemacht für hier und jetzt.

Nicht von diesem Stück Welt

Der Regisseur nennt diese Bearbeitung sein «radikalstes Stück», als man ihn von der Probebühne abholt und zur Basler Kunsthalle begleitet. Radikal? Stone ist kein Schocker. Eher ein kluger Handwerker, der das Theater liebt, aber um die veränderten Wahrnehmungsweisen von uns Gegenwartsmenschen weiss. Den alten «Thyestes» inszenierte Stone denn auch mit harten Schnitten und kurzen Szenen. Naturgemäss in Spielfilmlänge. Und nach neunzig Minuten blickte man in ausnahmslos glückliche Gesichter von Dramaturgen, die alle nach Mannheim gepilgert waren, um das Regietalent zu besichtigen. Der Messias des Stadttheaters ward gefunden.

Dies auch für Basel, wo Stone nun mit drei anderen jungen Hausregisseuren die Schauspielleitung bildet. Und wo es Hoffnung gibt, dass unter Andreas Beck als neuem Intendanten das Sprechtheater wieder etwas gilt, nachdem sein Vorgänger mit Erfolg den Fokus auf das Operntheater legte, dabei aber das Sprechtheater vernachlässigte. Dies soll sich nun ändern: Unter Beck kehrt das Sprechtheater in Basel auf die grosse Bühne zurück – mit Stones «John Gabriel Borkman», den er im Mai an den Wiener Festwochen inszenierte, mit Martin Wuttke in der Titelrolle und Birgit Minichmayr als dessen Gattin.

Irgendwie passt es, dass der Retter des Schauspieltheaters zwar in Basel geboren wurde, aber in Australien aufwuchs, also nicht wirklich von diesem Stück Welt ist, das wir Europa nennen. Stone erzählt von seinen Eltern, die beide als Naturwissenschaftler in der Forschung tätig waren – und so über England nach Australien gelangten. Bereits mit 15 fasste Stone den Entschluss, Schauspieler zu werden. So las er einfach alles, was er in Sachen Dramatik in die Hände bekam. Dafür klaute er aus der Schulbibliothek Bücher, «was ich jetzt ziemlich bereue».

Drogen? Bücher und Tee

Aber Stone ist sichtlich stolz auf seine damalige Lesemanie. «Ich war kein radikaler Teenager», sagt er. «Keine Drogen, keine Eskapaden. Nur Bücher und Earl-Grey-Tea. Dafür ging ich jedes Risiko ein. Und schwänzte auch die Schule.» Dafür gab es Ärger – und wenige Jahre später den Erfolg. Heuer zeigte Stone mit «The Daughter» in Venedig seinen ersten abendfüllenden Spielfilm – mit Oscar-Preisträger Geoffrey Rush an Bord.

«Wenn man etwas findet, in dem man ohne grossen Aufwand gut ist, dann muss man das machen», sagt er. Das war für ihn zunächst die Schauspielerei, bis er den «Apfel der Erkenntnis» ass, wie er formuliert. Und plötzlich verstand, wie Stücke gebaut sind und wie man sie zu spielen hat. Es war für ihn das Ende aller Spontaneität. So versucht er nun, diese mit seinen Schauspielern zu erreichen – als Regisseur, zu dem er nach der Vertreibung aus dem Paradies wurde.

Böse Zungen behaupten, Stones Theaterästhetik sei eine schlichte Übersetzung von filmischen Techniken auf die Bühne. Er selbst beschreibt seinen Stil als «Überschreibungstechnik», die er von Heiner Müller kennt. Der Rest ist Handwerk: Auf der Probe klärt Stone mit den Schauspielern die Positionen, zwischen denen sie sich frei bewegen können. Das ist die Technik, mit er seinen Inszenierungen die Spontaneität gibt, die es braucht, um Texte gegenwärtig zu machen, gerade, wenn er nicht in die Vorlage eingreift. Wie im Fall von Tony Kushners «Angels in America», mit dem Stone am Freitag die Basler Saison eröffnet. Ist dieses Stück 20 Jahre nach seiner Uraufführung nicht historisch geworden? Nicht für Stone. Für ihn handelt «Angels» vom Neoliberalismus, nicht von Aids, wie es so oft gelesen wird.

Ein gutes Leben

Während der Proben geht Stone wiederholt in den Spielraum hinein, diskutiert mit den Schauspielern, um dann wieder an den langen Regietisch zurückzukehren, wo er nach dem Smartphone greift. «Mind-Wash» nennt Stone diesen Blick aufs Handy. «Wenn ich nicht weiterkomme, checke ich kurz die News. Das bringt mich in die reale Welt zurück. Und dann geht es weiter.» Weiter, immer weiter?

Stone hat «Engel in Amerika» parallel zu Viscontis «Rocco und seine Brüder» an den Münchner Kammerspielen geprobt, was zu Siebentagewochen führte. «Nach der Premiere von ‹Angels› werde ich eine Pause einlegen und vielleicht ein Drehbuch schreiben.» Denn es gibt ja noch die Anfrage von einem TV-Sender. Und Filmprojekte in Amerika.

Sind Basel und das Theater also nur eine Zwischenstation im Übergang zur internationalen Filmkarriere? «Nein, das Theater wird bleiben. Ich bin auch in jemanden hier in Basel verliebt. Das macht alles einfacher», sagt Stone. «Und ich will ein gutes Leben führen. Die Arbeit ist nur die Hälfte davon.»

Premiere von «Engel in Amerika» am 23.10., 18 Uhr, Theater Basel.

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