«Das wird man noch sagen dürfen!»

«Wir müssen reden» heisst das Motto des Theaterfestivals Auawirleben. Was aber, wenn man nicht gegen schroffe Aussagen ankommt? Ein Crashkurs schafft Abhilfe.

Einspruch! Mit Rollenspielen wird geübt, was sich der verbalen Polterei entgegenstellen lässt.

Einspruch! Mit Rollenspielen wird geübt, was sich der verbalen Polterei entgegenstellen lässt.

(Bild: Adrian Moser)

«Und dann kommen diese Afrikaner in die Schweiz, und wir müssen für sie bezahlen. Alles faule Simulanten. Nur klauen, Drogen verkaufen und unsere Weiber anmachen. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!» Es sind harsche Worte, welche an diesem Vorabend in der Grossen Halle der Reitschule fallen. Ernst gemeint sind sie nicht, sondern Teil eines Rollenspiels, das im Rahmen eines Crashkurses mit dem Titel «Argumentieren gegen Stammtischparolen» stattfindet.

Es ist ein bekanntes Phänomen: Ein diskriminierender Spruch fällt, man möchte intervenieren, findet aber spontan keine Worte und ärgert sich im Anschluss über das eigene Schweigen. Mit ihrem rund zweistündigen Crashkurs wollen Julia Dubois, Bildungsverantwortliche bei Amnesty International, und Menschenrechtstrainerin Menga Keller Abhilfe schaffen.

Der Kurs findet im Rahmen des Theaterfestivals Auawirleben statt und sei diejenige Veranstaltung, welche am schnellsten ausverkauft gewesen sei, sagt Julia Dubois. Offenbar entspreche es einem Bedürfnis, Paroli bieten zu können in einer aktuellen politischen Lage, in der sich Populisten im Aufwind befänden und die Hemmschwelle für diskriminierende Äusserungen im Netz tief sei, sagt Dubois.

Man erschrickt, welch verbales Gedöns in einem schlummert.

Brücken bauen zum Gegenüber

Im Verlauf der zwei Stunden üben sich die 20 Kursteilnehmenden in verschiedenen Gesprächstaktiken, wobei auch immer wieder die Rolle von polternden Parolenschwingern eingenommen werden muss. Man erschrickt ein bisschen über sich selber, welch undifferenziertes verbales Gedöns da in einem drin schlummert – und wie einfach es abrufbar ist. Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass verbal Gegensteuer zu geben meist viel schwieriger ist.

Diese Tatsache hängt offenbar mit dem Wesen von Stammtischparolen zusammen. Verallgemeinernd, klischiert, schwarzweiss, degradierend und herablassend sind nur ein paar der Adjektive, welche die Crashkurs-Gruppe auf der Flipchart zusammenträgt, um Stammtischparolen zu charakterisieren. Wer gegenteilig argumentieren möchte, also stets differenziert, exakt, politisch korrekt und empathisch zur Sache gehen wolle, der werde in einem hitzigen Wortgefecht wahrscheinlich sang- und klanglos untergehen, sagt Julia ­Dubois, weil diese Art des Argumentierens viel schwieriger sei.

Also sind andere Strategien gefragt. Zum Beispiel Brücken zum Gegenüber zu bauen, immer wieder nachzufragen, Allianzen mit Gleichgesinnten zu schmieden, fantasievoll oder vielleicht sogar ein bisschen paradox zu argumentieren oder eine Geschichte zu erfinden, die den eigenen Standpunkt untermalt. Kurz: Auch wenn die Sache ernst ist, kreativ und spielerisch ans Argumentieren herangehen.

Mal ein Bier spendieren

Der Crashkurs in der Grossen Halle dauert zwar nur zwei Stunden, trotzdem geben einem die Rollenspiele und Reflexionen doch so einige Werkzeuge und Strategien mit auf den Weg. Klar wird vor allem auch, dass es sich mit dem Parolibieten verhält wie mit allen anderen Tätigkeiten: Übung macht die Meisterin. Darum sollte man «schwierigen» Gesprächen nicht aus dem Weg gehen, sondern mit Humor und vielleicht sogar mit ein bisschen Freude am verbalen Schlagabtausch zur Sache gehen. Und wer nicht vergisst, dass der Kontrahent auch nur ein Mensch mit Ängsten und Sorgen ist, und wer dem Polterer beim Streit­gespräch auch mal ein Bier spendiert, erreicht mit diesem Akt der Verbrüderung vielleicht mehr als mit jedem noch so ausgeklügelten Argument.

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