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Das Theater mit der Pornographie

Auf den Spielplänen der Schweizer Theater stehen zurzeit Stücktitel wie «Pornographie», «Sex» oder «Porno für Anfänger». Ein Ausflug in die Feuchtgebiete der Hochkultur, die so feucht gar nicht sind.

Haben die Schweizer Theater ein Aufmerksamkeitsproblem? Ein Blick auf die Spielpläne lässt dies vermuten: Im Theater Basel läuft «Pornographie», das Zürcher Schauspielhaus bringt demnächst «Sex» zur Uraufführung, ein Stück im Stadttheater Bern trägt das Wort «Striptease» im Titel, und das Zürcher Theater der Künste probt «Porno für Anfänger».

So übersexualisiert wie die Stücktitel glauben machen, sind unsere Bollwerke der Hochkultur aber nicht. «Pornographie», das Erfolgsstück des Briten Simon Stephens, handelt nicht etwa von kopulierenden Menschen, sondern von den Geschehnissen um die Bombenattentate in London 2005. 52 Personen wurden damals in den Tod gerissen. Das Stück wurde nach seiner Uraufführung in Hamburg durch Regisseur Sebastian Nübling hoch gelobt und später von Kritikern zum besten fremdsprachigen Stück des Jahres gewählt.

Porno mit Schiller

Die neue Produktion im Theater der Künste mit dem vollständigen Titel «Wiän ich miis Mami'n'Papi chalt gmacht han - oder - Porno für Anfänger», handelt von pubertären Jugendlichen und ihren Sorgen. Dabei werden Original-Zitate von Jugendlichen unter anderem mit Passagen aus Friedrich Schillers «Räuber» vermischt. Sexualität ist dabei ein Thema, nackte Haut gibts auch zu sehen, Sexszenen aber nicht. Premiere ist am 4. Oktober.

Das einzige der erwähnten Stücke, bei dem Titel und Inhalt voll kohärent sind, ist «Sex» von Justine del Corte, das am 24. Oktober im Zürcher Schiffbau uraufgeführt wird. Darin geht es explizit um Sexualität in unterschiedlichen Paar-Beziehungen. Für den Regisseur und Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann auch eine formale Herausforderung: Wie kann man explizite Sex-Szenen für die Bühne übersetzen? Wie schon in früheren Arbeiten wird Hartmann mit vielen Videoprojektionen arbeiten und die Technik radikal offenlegen.

Erfolg nur kurzfristig

Bringen solch einschlägige Stücktitel den Publikumserfolg? Bei «Pornographie» im Theater Basel, dem einzigen Stück, das bereits läuft, sei bisher kein Unterschied zu anderen Produktionen feststellbar, wie der Sprecher des Theaters, Michael Bellgardt, sagt. Das Stück sei aber nicht repräsentativ, da es kurzfristig als Ersatz für ein anderes eingesetzt wurde. Zudem erhielt es eher schlechte Kritiken. «Wir stellen aber fest, dass viele Leute vor dem Billettkauf fragen, was sie erwarte», so Bellgardt.

Dass ein skandalträchtiger Stoff durchaus Publikumswirksam sein kann, zeigte sich jüngst wieder bei der Bühnenadaption von Charlotte Roches Bestseller «Feuchtgebiete» in Halle. Alle Vorstellungen waren sofort ausverkauft. Die Theaterverantwortlichen beteuern in solchen Fällen meist, das Stück sei wegen der Qualität und der Relevanz ausgewählt worden, nicht wegen des Publikumseffekts.

Alles andere wäre auch kontraproduktiv. Die Erfahrung zeigt, dass bei vermeintlichen Skandalstücken der Kartenverkauf zwar oft anzieht, die Abonnenten – also die Stammgäste – aber verärgert reagieren. Der kurzfristige Erfolg kann sich langfristig ins Gegenteil umwandeln.

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