Das Theater, diese Krake

Viel Risiko, viel Körper, viel Unerhörtes und viel junges Publikum: Einmal mehr hat Auawirleben selbstbewusst Theater als Zumutung inszeniert.

Wenn das Geschlechterangebot der Gesellschaft zu klein ist: Ebenso beklemmend wie befreiend ist die Performance «MDLSX» der Italienerin Silvia Calderoni.

Wenn das Geschlechterangebot der Gesellschaft zu klein ist: Ebenso beklemmend wie befreiend ist die Performance «MDLSX» der Italienerin Silvia Calderoni.

(Bild: zvg)

Ob man wohl einer Manipulation der Abstimmungen zustimmen würde, wenn damit die Wahl von Donald Trump zum nächsten Präsidenten Amerikas verhindert werden könnte? Das geht einem plötzlich durch den Kopf, derweil man in «Lesson of Leaking» von Computer zu Computer hetzt.

Die junge Berliner Gruppe machina eX skizziert eine nicht allzu ferne Zukunft, in der eine deutsche Kanzlerin, die verblüffend Frauke Petri gleicht, den Dexit, den Austritt Deutschlands aus der EU, fordert, und lässt das Publikum entscheiden, ob es das mit Mauscheleien verhindern will.

Es ist nicht die einzige unangenehme Frage, die an der 34. Ausgabe von Auawirleben, Berns zeitgenössischem Theaterfestival, gestellt wird.

Theater als Zumutung – das hat Auawirleben heuer unter dem Motto «Fear Less Love» einmal mehr selbstbewusst inszeniert. Und es ist ein bisschen wie auf der Geisterbahn, wenn man vom eigenen Spiegelbild erschreckt wird, das plötzlich im fahlen Licht auftaucht.

Vertraute Sehgewohnheiten werden unscharf, längst gemachten Meinungen kommen die Konturen abhanden, und politisch korrekt Zementiertes schmilzt weg wie eine Wachsmadonna auf der Herdplatte. Am stärksten trumpft da das belgische Kinder- und Jugendtheater Hetpaleis mit «Der Hamilton-Komplex» auf.

Die klischeebeladene kurze Zeit der Adoleszenz nimmt sich Hetpaleis vor und lässt die leidige Fragen der Verführung und der Verführbarkeit von dreizehn dreizehnjährigen Mädchen beantworten.

Dabei werden die Grenzen der Macht so klug ausgereizt, dass der überforderte Verstand den suggestiven, verstörend schönen Bildern kurzerhand erliegt. Später wird er sich zwar wieder einschalten, aber das alte Opfer-Täter-Muster bleibt zertrümmert.

Körper konkurrenziert Sprache

Sie sind zahlreich, Bilder wie die des Nymphchens mit seinem Verführer, die man nicht so schnell wieder aus dem Kopf bekommt. Es sind meist Szenen ohne Worte, denn wie «Der Hamilton-Komplex» kommt eine ganze Reihe weiterer Produktionen ohne oder nur mit ganz wenigen Worten aus; umso mehr wird dafür der Sprache des Körpers vertraut.

Den Konflikt der Israelis und der Palästinenser und eine mögliche Lösung zeigen? Hillel Kogan bringt dieses Kunststück mit seiner Performance «We love Arabs» in weniger als einer Stunde fertig und seziert dabei noch seine eigene, xenophile Haltung – und unsere dazu.

Ganz den Staubsaugerrobotern überlässt der deutsche Performer Julian Hetzel das Reden. In «Sculpting Fear» äussert sich deren Zivilisationsmüdigkeit in abgeklärten Sätzen wie «Zeit, dein System zu reinigen, denk an all die kleinen Teilchen, die sich bei dir angesammelt haben, Zeit, diese loszuwerden».

Umso quälender sind dafür die Zuckungen der drei wortlosen Figuren, an denen die Staubsauger auflaufen.

Dass Sprache und Bewegung schnell mal auch zu Konkurrentinnen werden können, zeigt «Und dann kam Mirna» des Berliner Gorki-Theaters. Weit überzeugender als Sibylle Bergs gar absehbares Textfragment über die grosse Ernüchterung cooler Berliner Mütter in ihren Dreissigern ist Sebastian Nüblings choreografische Umsetzung des grossen Frusts mit vier stampfenden Frauen, persifliert von vier kleinen, erbarmungslosen Mädchen.

Und eine bringt das Kunststück fertig, Wörter zu Körperskulpturen zu machen: Ebenso beklemmend wie befreiend ist die Performance «MDLSX» des italienischen Kollektivs Motus mit Silvia Calderoni. Die preisgekrönte Schauspielerin erzählt ihre eigene Geschichte.

Geboren mit den äusseren Geschlechtsmerkmalen einer Frau, aber mit einem Chromosomensatz XY, zeichnet sie die schmerzhafte Suche nach einer Identität nach, die in der heutigen Gesellschaft nicht vorgesehen ist.

Calderoni schafft Bilder von schier unerträglicher Intensität: wenn sie sich von ihrem vertrauten Lebensgefühl verabschiedet, ohne in einem neuen schon heimisch zu sein, ihr Spiegelbild langsam ihren Zwillingsbruder zeigt, sie auf der Suche nach Erklärungen der einschlägigen Fachbegriffe bei «Monster» landet oder ihr Geschlecht einem Laserstrahl aussetzt.

Neue Spielfelder

Das Theater, diese Krake, züngelt aber nicht nur in fremde und eigene Blackboxen, es bemächtigt sich gern auch neuer Spielfelder. Es braucht allerdings nicht unbedingt eine mit viel Demokratietheorie gebeizte Lammkeule zu sein, wie sie der Genfer Christoph Meierhans mit «Verein für die Aufhebung des Notwenigen» auftischt, oder ein Hochglanzwerbespot für Prostitution (Daniel Hellmann).

Vielschichtiger ist da das Experiment der machina eX, die dem Publikum mit Elementen von Computerspielen zu staatspolitisch folgenschweren Entscheidungen zwingt. Ja, die Politik, da taucht die Krake auch mal tief in die kolonialistische Vergangenheit ein, um sie mit dem Attentat auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» kurzzuschliessen.

Maike und Iggy Lond Malmborg tun das mit «99 Words for Void». So wenig der Schwede und die Estin Geschwister sind und so raffiniert sie auch flunkern – so überzeugend und spannend ist ihre «Familiengeschichte» der mutigen Frauen und revolutionären Taten, die in der jüngsten, verfahrenen Politik der EU endet.

Als Ritter der aufrichtigen Gestalt treten die beiden auf, mit Helm und Rüstung, und setzen in ihrem subtilen Demokratiediskurs noch jenen Moment in Szene, der Theater einzigartig macht: Es ist die Stille im Saal, wenn das Licht ausgeht. Ein Augenblick, aufgeladen mit Erwartungen. Zahlreich sind sie gewesen, die erfüllten, am heurigen Auawirleben.

Der Bund

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