Das Theater Basel bringt «Donnerstag» zurück auf die Bühne

Karlheinz Stockhausens Stück aus dem Zyklus «Licht» dauert 6 Stunden. Eine ebenso mutige wie verdienstvolle Aktion.

«Sinkende geknickte Form aus lichter Intelligenz»: Jubel für den dreifachen Michael (in Weiss). Foto: Sandra Then

«Sinkende geknickte Form aus lichter Intelligenz»: Jubel für den dreifachen Michael (in Weiss). Foto: Sandra Then

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendwann hat der Erlöser Michael genug von seiner Heiligkeit. Genervt steht er da, in wallend weissem Gewand und mit Jesus-Frisur, und lässt die Verzückung seiner Jünger über sich ergehen. Segnet ein wenig zwischendrin. Hört sich die Hymnen an, die für ihn gesungen werden. Und wäre schon längst davongelaufen, wenn ihn seine Alter Egos und die Urmutter Eva nicht an seine Mission erinnern würden, und vor allem an die Handzeichen, die er zu erledigen hat. Unterarme aufeinander. Gebets­haltung. Daumen trifft Zeigefinger.

Die Handzeichen stehen in Karlheinz Stockhausens Partitur und sind eine der vielen Schwierigkeiten, mit denen zu kämpfen hat, wer ein Stück aus seinem monumentalen Zyklus «Licht» auf die Bühne bringen will. Sieben Opern umfasst dieser Zyklus, eine für jeden Wochentag, insgesamt sind es fast 29 Stunden Musik. Damit hat Stockhausen Richard Wagners «Ring des Nibelungen» getoppt, der mit seinen vier Teilen nur auf rund 16 Stunden kommt.

Wagnersche Entrümpelung

Auch Wagners Idee eines Gesamtkunstwerks hat er radikalisiert: «Musik, Libretto, Tanz, Aktionen und Gesten von Karlheinz Stockhausen» steht unter den Titeln der Werke, und seine Nachlassverwalter sorgen dafür, dass man nicht allzu frei damit umgeht. Kathinka Pasveer vor allem, die Lebensgefährtin und Mitarbeiterin des 2007 verstorbenen Komponisten, die nun beim Basler «Donnerstag» als Klangregisseurin hinter dem Mischpult sitzt: Eine falsche Handbewegung, so sagt sie in einem Interview im Programmheft, wäre wie ein falscher Ton.

Da ist es umso bemerkenswerter, dass man in Basel kein Stockhausen-Hochamt begeht – sondern zeigt, dass diese Werke eine zeitgenössische Auseinandersetzung nicht nur verdienen, sondern brauchen. Auch Wagner-Opern wären schliesslich längst vergessen, wenn sich die Sänger nach wie vor die vorschriftsgemässen Flügelhelme aufsetzen müssten. Und manches, was sich Stockhausen ab den späten 1970ern ausgedacht hat, wirkt heute tatsächlich nur noch unfreiwillig komisch.

In der posthumen, 2011 in aller Ehrfurcht zelebrierten Kölner Uraufführung des «Sonntag» musste man sich jedenfalls das Lachen verkneifen, wenn die Sänger sich gebärdeten wie Astronauten im Eurhythmie­grundkurs.

Trauerarbeit? Aber sicher!

Im «Donnerstag» – der erstmals seit 31 Jahren wieder auf eine Bühne kommt – legt sich die Regisseurin Lydia Steiner nun lustvoll mit dem Komponisten an. Mit einem «plemplem» hatte dieser einst die Bemerkung weggewischt, dass dieses Stück Trauerarbeit sei. Was denn sonst?, scheint Steiners Inszenierung zu fragen.

Tatsächlich sind die autobiografischen Züge nicht zu übersehen: Da wird im ersten Abschnitt unter dem Titel «Michaels Jugend» die psychisch labile Mutter genau wie Stockhausens Mutter im Euthanasieprogramm des Dritten Reiches vergast. Der Vater fällt wie sein echter Vater im Krieg. Und der Sohn wird sein Trauma in der Musik zu überwinden versuchen und zu jenem visionären Erlöser werden, mit dem sich Stock­hausen durchaus identifizieren konnte.

Es ist also seine eigene Geschichte, die er in die «Licht»-Mythologie eingepasst hat, indem er die Mutter mit Eva, den Vater mit Luzifer und den Sohn mit dem Erzengel Michael gleichgesetzt hat. Die Basler Aufführung holt sie nun zurück in eine Welt, die keine über- oder unterirdischen Kräfte braucht, um ein Kind zu verstören. Es reicht eine Szene wie jene, die drei Figuren mit riesigen Pappmachéköpfen im gläsernen Zentrum von Barbara Ehnes’ Bühne spielen, immer wieder, in einer endlosen Erinnerungsschlaufe: Die Mutter bringt die Geburtstagstorte, zweistöckig, rosa Zuckerguss. Der Vater schiebt den Sohn von sich. Die Mutter schenkt ihm einen Roboter und eine Umarmung.

Ein falsches Handzeichen wäre wie ein falscher Ton, sagt Stockhausens Nachlassverwalterin Kathinka Pasweer.

In der Gegenwart, die sich als grandios gesungene Kammeroper um dieses Bühnenzentrum dreht, trägt die Mutter (Anu Komsi) Zopfschnecken, um die sie selbst die «Star Wars»-Prinzessin Leia beneiden würde. Sie bringt dem Sohn das Singen und die Gefühle bei, bevor sie nach einem Suizidversuch in eine ­Klinik eingeliefert wird. Vom Vater ­(Michael Leibundgut) lernt er dagegen zählen und jagen.

Auch die Musik zählt und jagt. Durchkonstruiert ist sie, entwickelt aus einer einzigen komplexen Urformel – aber gleichzeitig ungemein sinnlich und anschaulich. Liveelektronik und Tonbänder spiegeln die Klänge in den Raum. Die drei von einem Blechbläser-Gruss und -Abschied gerahmten Teile des Abends sind ganz unterschiedlich besetzt und gestaltet. Und der Zürcher Dirigent Titus Engel, der dieses «Donnerstags»-Abenteuer initiiert hat, reizt die szenische Kraft der Partitur im Einklang mit Sängern, Chor und dem Sinfonieorchester Basel aus.

Im ersten Teil hat Engel noch Pause, da sind die Sänger mit ihren Begleitinstrumenten und einem sirrenden Tinnitus-Ton allein unterwegs – in einer klanglichen Intimität, die das bombastische Ganze ein wenig relativiert. Auch der zweite Teil, «Michaels Reise um die Erde», wirkt sparsam. Stockhausen hat ihn als eine Art Trompetenkonzert geschrieben; bei der Uraufführung in Mailand 1981 übernahm sein Sohn die Solopartie (nein, er heisst nicht Michael, sondern Markus, aber natürlich ist auch dieses Stück ein Link zwischen Stockhausens Leben und seinem Werk).

Spottende Klarinetten

In Basel setzt dieser zweite Teil den Höhepunkt des sechsstündigen Abends. Der Trompeter Paul Hübner und die an den Bühnenseiten platzierten Instrumentalisten lassen die Musik glitzern, Chris Kondeks Video mit dem als Sänger, Trompeter und Tänzerin verdreifachten Michael ist hinreissend witzig und das Bühnengeschehen tieftraurig. Michael ist nämlich inzwischen in einer altertümlichen Psychiatrie gelandet; sediert und von Klarinetten verspottet träumt er sich weg und wartet auf die Erlösung.

Die kommt im dritten Teil, dem längsten und problematischsten, der die Form eines Oratoriums annimmt. Der Tenor Peter Tantsits wird hier von Rolf Romei abgelöst, der geplagte Mensch Michael wird zum raunenden Erlöser, und nicht einmal seine szenischen Distanzierungsversuche können verhindern, dass die Aufführung den Boden verliert.

Wiederholungen in der Endlosschleife

Auch als Zuschauerin hat man hier bald einmal genug von Michaels Heiligkeit, von den endlosen Zusammenfassungen und Wiederholungen jener Erzählung, die man eben erst miterlebt hat, und von den Texten, die nun doch sehr ins Esoterische driften: «Sinkende geknickte Form aus lichter Intelligenz» jubiliert der silbern gekleidete Chor; da muss man schon Stockhausianer sein, um das auszuhalten.

Aber dann fallen wieder Sätze wie dieser: «Es gibt kein Zuhause, auch Engel sind ewig unterwegs.» Und man hat den Eindruck, Stockhausen nach diesem Abend doch ein bisschen besser zu verstehen.

Weitere Aufführungen am 29. September sowie am 1. und 2. Oktober 2016. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 20:07 Uhr

Artikel zum Thema

Gratis-Theater für Teenager

Was gegen die Krise der Schauspielhäuser hilft? Mehr Junge. Mehr...

«Schnell, lokal, zeitgenössisch»

Das Theater Neumarkt präsentiert Besucherzahlen, die über dem Schnitt der letzten 10 Jahre liegen – und ein zorniges Programm. Auch zur Anti-Köppel-Aktion äussert man sich. Mehr...

«Man soll dem Neumarkt-Theater die Subventionen streichen»

Andreas Thiel und andere Kulturschaffende verurteilen die Anti-Köppel-Aktion des Theaters am Neumarkt. Die Verantwortlichen werden vor den Verwaltungsrat zitiert. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Jeden Morgen. Montag bis Samstag.

Die besten Beiträge aus der «Bund»-Redaktion. Jetzt den neuen kostenlosen Newsletter entdecken!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Wie hiess das früher? Der Ü-40-Gedächtnistest

Sweet Home 10 Tricks, die Ordnung schaffen

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...