Das kann nur der Anfang sein, nicht aber das Ende

Am Theaterfestival Auawirleben haben zwei junge belgische Performer eine Umweltkatastrophe verarbeitet. Das Ergebnis: Kunst. Und Entpolitisierung.

Dirigentin in einem Spiel mit Fetzen und Fetzchen von Sätzen: Huysmans.

Dirigentin in einem Spiel mit Fetzen und Fetzchen von Sätzen: Huysmans.

(Bild: Tom Callemin)

Daniel Di Falco

Das Grollen hört man, aber nur leise, am Anfang, als ob es weit weg wäre. Dazu das Gemurmel von Leuten, von vielen Leuten, und ihr Murmeln wird immer lauter, während das Grollen auch lauter wird. So laut, bis es kein Grollen mehr ist, sondern ein Donnern, und da ist aus dem Murmeln ein Rufen geworden, man hört die Leute schreien, aber auch das Donnern ist noch lauter geworden. Und jetzt übertönt und überschwemmt es alles.

So hört sich eine Katastrophe an. Die grösste Umweltkatastrophe in der Geschichte Brasiliens. 5. November 2015: In der Region Minas Gerais bricht der Staudamm eines Rückhaltebeckens, in dem eine Mine den Klärschlamm aus dem Abbau von Eisenerz lagert. 62 Millionen Kubikmeter giftiger Schlamm stürzen talwärts ins Bett des Rio Doce, aus dem die Gegend ihr Wasser bezieht; die rotbraune Flut hinterlässt eine fast 700 Kilometer lange Spur der Zerstörung. Doch vorher begräbt der Schlamm das Dorf Bento Rodrigues. Fast zwanzig Einwohner sterben, den übrigen sechshundert bleibt bloss ihr Leben, denn wo die Lawine durchkommt, ist danach nichts mehr da. Tabula rasa, ganz wörtlich.

Eine Stunde später, zum Schluss dieser Audio-Performance, hört man dann nochmals eine Lawine. Aber das ist nun eine Lawine aus den Stimmen und Statements zu dieser Katastrophe, die die beiden jungen belgischen Theaterkünstler Silke Huysmans und Hannes Dereere zusammengetragen haben. Es sind Aussagen von Einheimischen und Aktivisten, von Wissenschaftlern, Behörden- und Firmenvertretern; Mit- und Ausschnitte, und eine Stunde lang hat sie Silke Huysmans in der Berner Dampfzentrale zu einem Arrangement von grosser formaler Schönheit gefügt, hat mit einer Reihe von Fusstastern O-Töne eingespielt und zusammengepuzzelt, die Übersetzungen auf verschiedene Tafeln projiziert und sie so auf der Bühne dingfest gemacht. Alles sehr kunstvoll. Und ohne selber ein Wort zu sagen. «Mining Stories» ist eine Montage aus Stimmen und Texten, komplett bildfrei und trotzdem mitunter bildhaft, wenn sich aus dem Aufpoppen von Sätzen und Satzfetzen auf der Bühne zum Beispiel die Choreografie einer Gemeindeversammlung ergibt.

Und jetzt türmt sich diese ganze Komposition auf, und sie kollabiert in einem Moment der Kakofonie. Formal ist das schlüssig. Politisch dagegen gar nicht. Denn was Huysmans und Dereere bis zu diesem Schluss an Kunstsinn aufgeboten haben, das fehlt ihnen an Haltung. In Brasilien diskutiert man über die Macht eines Bergbaukonzerns, die Privatisierung von Lebensgrundlagen, die Korruption der Politik und die Untätigkeit der Behörden. Hier bleibt einem das Staunen über eine Performance, die von dieser Auseinandersetzung nur Fetzen und Fetzchen von Sätzen übrig lässt. Dass sie diese Zeugnisse erst noch anonymisiert, schafft eine Beliebigkeit, die den Stoff nicht nur menschlich und politisch entwertet: Vielleicht ist das auch kein Dokumentartheater mehr.

Am Ende bleibt von der Katastrophe eine schöne Struktur. Von den Schicksalen der Betroffenen ein Spiel mit Worten, die keinen Absender haben. Und von der Brisanz dieser Geschichte nur ein Bild für die ziemlich flache Erkenntnis, dass es viele Perspektiven auf ein Ereignis gibt. Und dass Information eine Frage der Wahl ist, die man treffen muss. Das könnte der Anfang eines solchen Bühnenvorhabens sein. Nicht aber sein Ende.

Der Bund

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