Das Handy ist auch eine Brille

Mummenschanz sind wieder da: Mit neuer Besetzung und der alten Liebenswürdigkeit.

Aus Gegenständen werden Gesichter: Eindrücke vom neuen Mummenschanz-Programm.
Video: Lea Blum

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Glockenhell klingelt der Triangel, der Gong ist charmiert. Aber er hat die Kollegin unterschätzt. Als er sie allzu offensiv zu beklöppeln beginnt, kriegt er jedenfalls kräftig eins übergezogen mit dem Schlagzeugbesen.

Kein Happy End für einmal, der Triangel zieht mit gereckter Nase (also eben gerecktem Triangel) von dannen. Auch sonst schlägt die Mummenschanz-Revue «You & Me» hier und anderswo neue Töne an. Respektive: überhaupt Töne, ein paar zumindest. Da gibt es Perkussion auf Dingen, die nicht dafür gedacht sind. Und die nicht ganz dissonanzfreie Love Story zwischen einer Geige und einer Bratsche gehört zu den Höhepunkten des Programms.

Liebenswürdige Gestalten

Ansonsten ist es, ganz im alten Mummenschanz-Stil, still im nicht ganz ausverkauften Theater 11, auf der Bühne wie auch im Publikum, das sich jede Husterei verkneift. Da sind nur diese schwarzen Gestalten vor dem schwarzen Hintergrund, die man mal sieht und mal nicht, die mithilfe von Schaumgummi und Styropor und Licht seltsame Gestalten auf die Bühne zaubern. Liebenswürdige Gestalten sind es, die Weltgeschichte hat Pause an diesem Abend. Höchstens die Nummer mit den Handys könnte man als leise gesellschaftskritisch auffassen. Aber natürlich lassen sich die leeren Rahmen, die diese Handys darstellen, verformen – und sind so im Mummenschanz’schen Sinn brauchbar für allerlei Verwandlungen.

Die grösste Verwandlung bleibt allerdings unsichtbar: In den schwarzen Anzügen stecken neue Darsteller, Mummenschanz hat sich verjüngt. Von der Originalbesetzung ist nur noch Floriana Frassetto dabei, die das neue Programm als künstlerische Leiterin betreut hat. Ihr Gründungskollege Bernie Schürch hat sich in die Rolle des Inspirators zurückgezogen und verfolgte die Premiere als Zuschauer; der dritte im Bund, Andres Bossard, ist 1992 gestorben.

Damals waren Mummenschanz bereits seit 20 Jahren unterwegs, mittlerweile steht man im 44. Bühnenjahr. Und es ist schon erstaunlich, dass das alte Rezept immer noch funktioniert. Die neuen Darsteller Sara Hermann, Oliver Pfulg, Christa Barrett und Kevin Blaser mischen zwar da und dort eigene Ingredienzien dazu; aber vor allem bemühen sie sich, jene Tradition hochzuhalten, die der Truppe Welterfolge beschert hat.

Das Y als Charakterdarsteller

Noch nicht ganz alles klappt bei der Premiere, ein solches Programm muss wachsen. Die Mummenschanz-Perfektion ist keine sterile, sondern eine, die mit der zunehmenden Vertrautheit in der Gruppe und mit den Nummern entsteht. Aber man sieht jetzt schon, welche Figuren das Zeug zu Ikonen haben: Neben den Geigen sind es das gerüschte Seepferdchen, der zerknirschte Schlauchwurm oder die Schaumgummi-Buchstaben, die sich als echte Charakterdarsteller bewähren. Wer hätte gedacht, was in so einem Y drinsteckt!

Dass sich der Effekt – irgendetwas erhält ein Gesicht und einen Ausdruck – mit der Zeit wiederholt, ist gewollt. Mummenschanz sucht die Überraschung im Detail, das grosse Ganze ist vertraut. Niemand wird sich daran stören, wenn auch im neuen Programm wieder die riesigen Hände oder die Knetgesichter vorkommen, die man von früheren Episoden her kennt: Es ist eine nostalgische Liebe, die das Publikum mit Mummenschanz verbindet. Eine, bei der niemand dem anderen einen Schlagzeugbesen auf die Nase haut.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2016, 13:12 Uhr

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Weitere Aufführungen des neuen Mummenschanz-Programms im Zürcher Theater 11 bis 18. Dezember; danach Schweiz-Tournee bis 4. Juni 2017. Termine unter www.mummenschanz.ch.

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