Das grosse Befremden

Ein Ausländer wird ausgegrenzt: Rainer Werner Fassbinders Stück «Katzelmacher» ist so aktuell wie eh und je. Doch Claudia Meyers Inszenierung kommt nicht in Fahrt.

Dort oben auf der Erhöhung nimmt die Parade der Eitelkeiten ihren Lauf. Hier formiert sich die Bourgeoisie in prunkvollen Achtzigerjahre-Uniformen.

Dort oben auf der Erhöhung nimmt die Parade der Eitelkeiten ihren Lauf. Hier formiert sich die Bourgeoisie in prunkvollen Achtzigerjahre-Uniformen. Bild: Anette Boutellier

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Besonders gefährlich sieht er nicht aus, der Fremde. Gedankenverloren pfeift er vor sich hin und schlendert über die Bühne der Vidmar 1. Und doch bringt sein Auftauchen alles durcheinander im Stück «Katzelmacher» des deutschen Filmemachers Rainer Werner Fassbinder (1945–1982). Es ist Fassbinders erstes Theaterstück, das er 1968 auch selbst inszeniert und ein Jahr später verfilmt hat. Mit der Leinwandversion gelang ihm schliesslich der Durchbruch als Filmregisseur.

Jetzt also führt Konzert Theater Bern dieses fast fünfzigjährige Sozialdrama auf. Der Stoff könnte aktueller kaum sein, und er wird wohl auch nie an Brisanz verlieren: Als Reaktion auf die Flüchtlingskrise vergiftet Fremdenhass nicht nur zurzeit unsere Gesellschaft, er geht uns alle immer etwas an. Von daher könnten die Zeichen nicht besser stehen, dass «Katzelmacher» auf der Bühne genügend gesellschaftlichen Zündstoff enthält. Eigentlich.

Die Inszenierung von Claudia Meyer aber ist so stark durchstilisiert, dass einen als Zuschauer selbst das grosse Befremden befällt. Das beginnt bei der Bühne: Eine zweite Ebene teilt den lang gezogenen, ganz in Rosa gehaltenen Guckkasten in ein Oben und ein Unten. Dort oben auf der Erhöhung nimmt die Parade der Eitelkeiten ihren Lauf. Hier formiert sich die Bourgeoisie zum Klavierspiel von Michael Wilhelmi in prunkvollen Achtzigerjahre-Uniformen: von Lederjacken und glitzernden Sakkos bis zu billigen Pelzimitaten und übergrossen Gürtelschnallen (Bühne und Kostüme: Aurel Lenfert).

Erstaunlich integriert kommt Jorgos einem vor, wie er immer wieder deutsche Lieder singt.

So zieht sich keiner mehr ernsthaft an. Vor allem aber bewegt sich niemand so. Als würde sie ein sinnloser Betätigungsdrang befallen, werfen sich die acht Schauspieler, zuvor noch hübsch drapiert wie Schaufensterpuppen, in wild wechselnde Posen. Emotionslose Hampelmänner sind das, die zwischendurch auch mal die Hosen runterlassen.

Ein Motiv scheinen sie nicht zu brauchen. Zwischenmenschlichen Reibungen setzt sich keiner mehr aus, dafür ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Wie etwa Ingrid (Nina M. Kohler), die von einer Filmkarriere träumt und sich für Geld hergibt. Dann reiben sich immerhin Körper aneinander, aber auch das geschieht nur andeutungsweise.

Endlich geht was

Da haben wir sie also wieder, die Kritik an einer innerlich verwahrlosten Wohlstandsgesellschaft. Nicht nur vernimmt man die Botschaft in jüngster Zeit von mancher Theaterbühne, in diesem Fall hat man sie auch schnell verstanden. Die Ankunft des Griechen Jorgos (Nico Delpy) mischt zwar das Geschehen nochmals auf, denn jetzt schaut man immerhin gemeinsam auf den Neuankömmling hinunter. Nicht nur für die Figuren heisst es dann: Endlich geht was.

Zum Beispiel für Marie (Mariananda Schempp), die mit Jorgos nach Griechenland abhauen will, oder für Gunda (Milva Stark), die sich ein wenig Körpernähe erhofft. Doch selbst als die restlichen tumben Mitläufer (Jonathan Loosli, Tobias Krüger, Gabriel Schneider) einen Überfall auf den Griechen planen, kommt das Geschehen nicht recht in Fahrt.

Ein Lichtblick ist immerhin Irina Wrona in der Rolle der Unternehmerin Elisabeth. Neben der Körperarbeit, die Bruno (Michael Wilhelmi) und Jorgos für sie verrichten, müssen die Männer auch zu Sexspielen antreten. Wrona spielt die Chefin nicht nur mit einer grandios schauerlichen Frivolität und wirft sich theatralisch in seltsame Stellungen. Ihre Übergriffigkeiten sind auch Hinweise auf rassistische Sexualisierungen, wie wir sie bis heute kennen.

Ratlosigkeit macht sich breit

Dann wird auch deutlich, worum es hier eigentlich geht: Jorgos ist der «Katzelmacher», eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für Gastarbeiter in den Sechzigerjahren. Fast könnte man es vergessen, denn fremd wirkt der schwarz gekleidete Grieche im strass-bestickten Hemd kaum. Erstaunlich integriert kommt er einem sogar vor, wie er immer wieder deutsche Lieder singt. Ratlosigkeit macht sich breit. Kommt hinzu, dass unsere Welt eine andere ist: Wen oder was wir als fremd oder sogar als Feindbild wahrnehmen, hat sich gewandelt.

Sicher sind es heute weniger Gastarbeiter, sondern hauptsächlich Kriegsflüchtlinge, denen diese Rolle zukommt. Und die sind kein Teil der Gesellschaft, so wie Jorgos, sondern harren in Unterkünften aus und sind gerade durch ihre Unsichtbarkeit in den Augen gewisser Bevölkerungsgruppen eine vage, dräuende Gefahr. Was hat das mit mir zu tun?

Doch von den Fragen, was Fremdheit heute ausmacht und wie wir ihr in Zeiten von übervollen Asylheimen gegenüberstehen, handelt dieser «Katzelmacher» nicht. Man kann die Aktualität sicher hineinlesen, wenn man unbedingt will, aber dafür kann man sich auch den Film anschauen. Und deshalb geschieht in der Vidmarhalle ironischerweise genau das, was bei einem zeitlosen Thema wie diesem zuletzt passieren sollte: Man fragt sich, was das alles mit einem selbst zu tun hat. Dieser «Katzelmacher» ist eine verpasste Chance.

Weitere Aufführungen bis 22. März 2017 in der Vidmar 1. www.konzerttheaterbern.ch (Der Bund)

Erstellt: 30.10.2016, 22:20 Uhr

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