Beschimpft, bekämpft, mit Bier übergossen

Noch vor Ende der ersten Spielzeit tritt der umstrittene Chef der Berliner Volksbühne per sofort zurück.

Hatte es von Anfang an schwer in Berlin: Chris Dercon.

Hatte es von Anfang an schwer in Berlin: Chris Dercon. Bild: Keystone

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Die Behauptung, Chris Dercon sei in Berlin feindselig empfangen worden, ist eine achtlose Untertreibung. Der belgische Museumsstar, der das wichtigste deutsche Sprechtheater übernahm, wurde von seinen Vorgängern beschimpft, bekämpft, ausgesperrt und sabotiert, von deren Anhängern mit Bier übergossen, mit offenen Briefen und Petitionen bombardiert, und sein Büro wurde mit Kot beschmiert. Aufführungen aus dem Repertoire wurden ihm verboten, sein Theater wurde zeitweilig besetzt, dessen Wahrzeichen, das Räuberrad, entführt, und der neue Kultursenator, der Ostberliner Linke Klaus Lederer, empfing ihn mit der Drohung, sein Engagement umgehend rückgängig zu machen.

«Einvernehmlich geeinigt»

Nun ist der zweijährige Kleinkrieg entschieden. Die wichtigste kulturpolitische Schlacht der deutschen Metropole hat einen Verlierer ausgespuckt: Dercon gibt auf und tritt per sofort zurück. Darauf hätten sich der Intendant und Lederer «einvernehmlich geeinigt», teilte die Berliner Kulturverwaltung am Freitag mit. «Beide Parteien sind übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht.» Wie es nun weitergehen soll, ist völlig unklar.

Die Berliner Politik und der als Leiter des Tate Modern in London gefeierte Dercon hatten sträflich unterschätzt, was es bedeutet, an der Volksbühne das Erbe des «Theatergotts» Frank Castorf anzutreten. Castorf hatte während 25 Jahren nicht nur eine Ära begründet, sondern mit seinen Regisseuren und Schauspielern die Volksbühne zum wuchtigsten Theater Europas geformt.

Als Klassenfeind geschmäht

Für Linke und Künstler verkörperte die Volksbühne aber noch viel mehr: Sie wurde zum Hort des Widerstands des alten, rebellischen, linken Ostberlins stilisiert, das sich gegen die neue, hippe, hyperkapitalistische Hauptstadt rabiat und mit Erfolg zur Wehr setzt. Dercon, der kosmopolitische Geist, der das Theater zu den anderen Künsten hin öffnen wollte, wurde entsprechend vor allem als angeblicher Kommerzialisierer und Eventisierer geschmäht – als Klassenfeind also, nicht als Künstler (der er nie war).

Als die ersten Aufführungen seiner Volksbühne im Herbst weder Kritiker noch Zuschauer überzeugten, war ein schnelles Ende absehbar. Der totale Bruch mit der Ära Castorf, den die Berliner Politik ohne Not forciert und den Dercon verkörpert hatte, hat zu einem Absturz geführt, auf den nun ein schwieriger Wiederaufbau folgen muss. Die Reaktionen darauf spiegelten den Frontverlauf noch einmal getreulich wider: «Es geschehen noch Wunder!», jubelten die Castorf-Fans. Die Gegenseite konstatierte: «Der Mob hat gewonnen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2018, 14:32 Uhr

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