Zahnlose SVP-Parodie

Die SVP als einzige Partei der Schweiz? Im Schlachthaus Theater wird ein skurriles Zukunftsszenario entworfen – als musikalisch kurzweiliges Musical mit Pointen, die oft etwas verwelkt wirken.

Das Musical lebt von den grossen Momenten, dem öligen Pathos, der oktavesprengenden Ekstase.: Das Ensemble von «Sit so guet, s.v.p.».

Das Musical lebt von den grossen Momenten, dem öligen Pathos, der oktavesprengenden Ekstase.: Das Ensemble von «Sit so guet, s.v.p.». Bild: Yoshiko Kusano/zvg

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Satiriker ohne Feinbilder sind arbeitslos. Die Macher von «Sit so guet, s. v. p. – Das Musical» gehören nicht zu jener Gattung. Für ihr Polit-Klamauk nehmen Matto Kämpf, Raphael Urweider und Dennis Schwabenland die SVP in das Fadenkreuz. Ein Ziel von der Grösse eines kontroversen Kolosses, der ordentlich Angriffsfläche bietet. Es ist jedoch eine Fläche, die doch recht abgegriffen scheint. Schliesslich ist von der Kleinbühne bis zum Feuilleton jedes Mal Munitionsausgabe, wenn sich der tapsige Volksaggressor wieder einmal auf politisches Glatteis wagt. Weil er das in beinahe penetranter Kontinuität tut, sind noch nie gehörte SVP-Seitenhiebe zur Rarität geworden.

Nun wird die SVP aber in einer völlig neuen Form angegangen: mit einem Musical. Dass sich Politik mit der pomadigsten aller Theaterformen verbinden lässt, hat Mel Brooks bereits vor 50 Jahren mit seiner brodwayesquen Nazi-Nummer «Springtime for Hitler» unter Beweis gestellt. Die Diskrepanz zwischen zuckerwattigen Gesangseinlagen und harter Parteikritik verspricht einen völlig neuen humoristischen Zugang zum schweizerischen Politkrösus. Dazu kommt ein Plot, der herrliche Absurditäten erhoffen lässt. Doch das Gezeigte bleibt eine Produktion, die vor Potenzial strotzt, diesem aber über weite Strecken nicht gerecht werden kann.

Peniswitze zu Beginn

Der Beginn liegt in der nahen Zukunft. 2019, Blocher ist tot, der SVP-Wähleranteil klettert auf satte 49,94 Prozent. Im Hinblick auf die künftige Ausrichtung der Partei kommt es zwischen den Funktionären Roger de Cervelat und Fritz Landjäger zum internen Machtkampf. De Cervelat, heimlich schwul und noch heimlicher Walliser, zieht den Kürzeren. Aus der Not heraus, beginnt er ein neues Wählersegment zu beackern: den unausschaffbaren Ausländer. Zusammen mit einem ägyptischen Helvetistik-Professor und einer musicalbegeisterten Südafrikanerin gelingt es ihm, die SVP in einen arabisch angehauchten Totalitarismus zu hieven. Nur eine Handvoll militanter Linke, angeführt von Landjägers getürmter Frau, leistet im Jura Widerstand. Auf jurassischem Boden kommt es dann auch zum Endkampf, der in einer Hochzeit mündet.

Die Erzählstruktur leidet dabei teils etwas unter der Knechtschaft von durchgekauten Klischees. Kein stereotypische Verhaltensweise der SVP wird ausgelassen, um mit ihnen für ein paar Lacher hausieren zu gehen. Dabei wird keine Klinge von chirurgischer Schärfe geführt, sondern eher mit einem stumpfen Brotmesser hantiert. Ein solch ungeschliffenes Arbeitsinstrument führt dazu, dass den ohnehin schon oft etwas abgewetzten Pointen der nötige Biss fehlt.

Diese Einfachheit ist teils bestimmt gewollt. Musicalmacher, die in die erste Szene ihres Schaffens leicht infantile Peniswitze einbauen, wollen die Witze gewollt flach halten. Das ist bestimmt kein Unding, doch über 90 Minuten fehlt es dem Stück an Substanz. Daran kann auch Magdalena Martullo Blocher, gespielt von Matto Kämpf, nichts ändern, die zu xenophobischer Höchstform aufläuft. Ähnlich gut: des verstorbenen Parteivaters Wirbelsäule, die als «goldenes Rückgrat der Nation» als neues SVP-Logo dient.

Gebetsteppich für Blocher

Das Musical lebt von den grossen Momenten, dem öligen Pathos, der oktavesprengenden Ekstase. Auch wenn einige Gags einen langen Bart haben, ist das musikalische Programm äusserst kurzweilig. Ein 4-Mann-Orchester knüpft einen Klangteppich, auf dem sich die grossen Gefühle auswälzen lassen.

Die von Simon Hari, auch bekannt als King Pepe, komponierten Songs bilden ein Kaleidoskop der modernen Musikgeschichte. Das Spektrum reicht von den klassischen Ausuferungen der frühen Broadwaykomponisten, über 70er-Jahre-Punk bis zu Soul-Balladen und fernöstlichen Klängen.

Haften bleiben denn auch die Momente, die gleichzeitig die SVP wie auch das Musical als Kunstform parodieren. Die Hymne auf die 49,94 Prozent Wähleranteil bohrt sich als unbequemer Ohrwurm in die Gehörgänge. An Skurrilität kaum zu überbieten ist die orientalische Lobhudelei auf Blocher, bei dem Gebetsteppiche ausgerollt werden. So bleibt «Sit so guet, s. v. p. – Das Musical» ein Stück, das clevere Musikkonstruktionen an einen Plot heftet, dessen Pointen oft etwas verwelkt wirken.

Weitere Vorstellungen: 24./28./29./ 30. Juni. www.sitsoguet.ch (Der Bund)

Erstellt: 23.06.2017, 17:38 Uhr

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