Bei den sabbernden Millionären

Als Marilyn Monroe «I Wanna Be Loved by You» hauchte: Die Thuner Seespiele zeigen das Musical «Sugar – Manche mögen’s heiss» in rundum feuchter Stimmung als muntere Slapstick-Revue.

  • loading indicator

Da tropfen sie also, diese tapferen aufrechten Gestalten und bewegen sich im grossen Nass so selbstverständlich, als seien sie alle direkt dem Thunersee entstiegen und würden nach der Vorstellung ebenso selbstverständlich wieder in dessen Tiefen verschwinden. Aufgetaucht für hundert Minuten, um ein Märchen vorzuführen, so wundersam und fantastisch, wie es sich nur die ganz Grossen in Hollywood ausdenken können. Das Showtrüppchen singt sich furchtlos durch die kalte Nacht und schert sich in den Tanzeinlagen so wenig um die grossen Wasserlachen auf der Bühne wie um das Risiko von Hals- und Beinbruch – was perfekt zur überdrehten Ausgelassenheit passt, mit der sich in der Zeit der Grossen Depression in Amerika nicht wenige Künstler des Showbiz das Elend vom Leib zu halten versuchten. Gleichzeitig wird mit den risikoreichen Einsätzen ein doch ziemlich konventionell gehaltenes Musical aufgehübscht.

Schwerer Regen funktioniert also nicht nur bei Open Airs als hübscher Geschmacksverstärker, auch Freilichttheatern bekommt er ganz gut, wie die Premiere des Musicals «Sugar – Manche mögen’s heiss» auf der Thuner Seebühne zeigt. Die Inflation, die Massenarbeits­losigkeit, der Hunger und die Korruption am Ende der Zwanzigerjahre waren ja der Hintergrund von «Some Like It Hot», einer der prächtigsten Komödien der Filmgeschichte. Billy Wilders Meisterstreich von 1959 mit der grossartigen ­Marilyn Monroe in einer der Hauptrollen verarbeiteten Jule Styne und Peter Stone 1972 zu einem Musical. Dabei musste Wilders ebenso rasant wie komplex choreografierte Dramaturgie für die Bühne ziemlich vereinfacht werden: So werden zum Beispiel auf dem Thunersee weder Särge voller Whiskyflaschen aufgefahren noch opulente Mafia-Orgien inszeniert.

Klamauk-Pauke

Das Musical ist ganz auf die beiden abgebrannten Musiker fokussiert, die auf der Flucht vor der Mafia in einer Damen­kapelle unterkommen. Als Saxofonistin und Bassistin verkleidet, müssen sie sich allerdings nicht nur mit ihren so schwer kontrollierbaren Lüsten herumschlagen, sie werden auch selber zu Objekten der Begierde. Und bis sich alle Verwirrungen und Irrungen in Minne auflösen, wird ganz schön auf die Klamaukpauke gehauen vor der Kulisse der malerischen Muschel, die leider durch allzu zweckmässige Container (Bühne Marlen von Heydenaber) verunstaltet wird.

Wobei an der Premiere in Thun auf das umwerfende Happy End verzichtet werden muss. Wird doch die Vorstellung gar unsanft zehn Minuten vor Schluss abgebrochen, obwohl die stärksten Regengüsse schon vorbei sind. Nicht etwa ein Kurzschluss sorgt für die plötzliche Dunkelheit auf der Bühne. Lautsprecher, Scheinwerfer für den Schlussapplaus – ­alles funktioniert noch. Am abrupten und wenig stimmigen Ende sind laut Veranstalter die immer stärkeren Windstösse schuld und jene Zuschauer, die der üblen Witterung nicht mehr länger trotzen wollen und vorzeitig die Tribüne verlassen. Zu gross seien die Gefahren gewesen, wenn im Dunkeln eine immer grössere Masse zum Ausgang gedrängt hätte, wird auf Anfrage der Entscheid begründet. Statt beschwingt vom legendären Schlusssatz «Nobody is perfect», zottelt so das Publikum, das in seinen uniformen weissen Plastikpelerinen von hinten an ein böses Ku-Klux-Klan-Heer erinnert, ziemlich frustriert ab.

Infusionsbeutel und Rollstühle

Nicht mehr aufgefangen werden so auch die leichten Durchhänger der balladigen Songeinlagen in der zweiten Hälfte des Abends. Zwar wird in diesen gefühligen Nummern viel Hehres offenbart, sie überzeugen aber weder musikalisch noch dramaturgisch. Und wollen so auch nicht so recht zum Schalk und Schmiss passen, über die in grossen ­Teilen auch das Musical verfügt. Denn Komponist Jule Styne nimmt den Swing der Filmmusik auf, den Soundtrack der Roaring Twenties, als Mafia­bosse bodenlange Pelzmäntel trugen und sich ärgerten, wenn bei einer Abrechnung Blut auf ihre weissen Gamaschen tropfte und Revuegirls von grossherzigen Millionären träumten. Konzertmeister Iwan Wassilevski intoniert mit seinem Orchester den ohrgefälligen Sound so leicht und betäubend verführerisch, wie es sich für Salonmusik jener Zeiten ziemt.

Was wiederum ganz gut zu den griffigen Szenen passt, in denen unbekümmert drauflos persifliert wird (Regie Werner Bauer). Greise Millionäre, ausgestattet mit Infusionsbeuteln und Rollstühlen, sabbern da am Strand von Florida hinter Frischfleisch her, oder ein Rasputin ähnlicher Mafiaboss hebt nach gewaltigen Gewehrsalvenattacken noch immer sein Haupt. Stellenweise wird zwar arg über die Schnur gehauen, wenn sich zum Beispiel die Damen­kapelle, ein kreischender rosaroter Girlie-Haufen, mit Whiskyflaschen in seine Schlafwagenabteile zurückzieht.

Entscheidend aufgeheizt wird aber die rundum feuchte Stimmung von den Hauptfiguren: Franz Frickel und Maximilian Mann stöckeln als keifendes Musikerduo trotz einiger Ausrutschern ins allzu Triviale ziemlich trittsicher durch einen immer wirreren Gefühlsdschungel.

Ein bisschen Marilyn

Über genug muntere Selbst­ironie verfügt Walter Andreas Müller als liebestoller Millionär, um den Pas de deux mit seiner um einen Kopf grösseren Angebeteten elegant zu absolvieren. Derweil Marie-­Anjes Lumpp als heiss umworbene Sugar Kane die Inszenierung mit ein klein bisschen rührendem Marilyn-Charme patiniert. Man hätte ihnen gern noch zugewunken, wenn sie mit der Millionärsjacht Little Caledonia ins Glück entschwunden wären.

Aufführungen bis 26. August. Ermässigung mit Espace Card. 2017 wird «Cats» gezeigt. www.thunerseespiele.ch.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt