Begegnung mit dem Unvorstellbaren

In den Vidmarhallen des Stadttheaters macht Noam Brusilovsky aus Tolstois Novelle «Der Tod des Iwan Iljitsch» einen Berner Totentanz.

Wo werde ich sein, wenn ich nicht mehr da bin?: Die Akteure von Regisseur Noam Brusilovsky spielen den Tod eines Menschen durch.

Wo werde ich sein, wenn ich nicht mehr da bin?: Die Akteure von Regisseur Noam Brusilovsky spielen den Tod eines Menschen durch. Bild: Annette Boutellier

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Am Theater interessiere ihn, «Sachen anzusprechen, die man nicht aussprechen darf, und die Zuschauer in Momente führen, in denen es ‹peinlich› wird». So hat der in Tel Aviv geborene Noam Brusilovsky in Berlin «Orchiektomie rechts» inszeniert, eine schockierende Performance über jene Erkrankung an Hodenkrebs, die den 26-Jährigen 2015 heimgesucht hatte, und auch was er in Bern zur Aufführung bringt, ist überdeutlich von diesem Todeserlebnis geprägt.

«Der Tod des Iwan Iljitsch» basiert auf der gleichnamigen Novelle Leo Tolstois, aber das qualvolle Sterben des russischen Justizbeamten und dessen verzweifelter Monolog bilden nur die thematische Vorlage und den äusseren Rahmen für eine weit ausufernde heutige Beschäftigung mit dem Tod. «Sterben in Bern» sollte der Abend eigentlich heissen, und es erklären darin, vom Psychoonkologen und der Radiologin bis zum Bestatter und der Pfarrerin ganz reale Berner Fachleute im Dialekt und ab Band, was Sterben in der Bundesstadt bedeutet, wie es vor sich geht, was man darüber wissen muss und was es kostet.

Wie aus dem Stegreif

Die Aufführung in den Vidmarhallen kommt von allem Anfang an daher wie eine aus dem Stegreif produzierte Improvisation mit drei Schauspielern, drei Diaprojektoren, zwei langen Projektionsflächen, zwei Tischen und hundert zu Bergen getürmten Stühlen, die das Publikum selbst im Raum platzieren muss.

Fachleute erklären,
was Sterben in Bern
bedeutet, wie es vor sich geht und was es kostet.

Tolstois Novelle wird vorgetragen, kommentiert, mit verteilten Rollen auch phasenweise dramatisch umgesetzt. Aber immer wieder leitet die Erzählung über zu anderen Phänomenen, Personen und Geschichten, etwa über die Todesverfallenheit der Schauspielerin Sarah Bernhardt oder die Gründerzeiten des bürgerlichen Theaters, und nicht zuletzt exemplifizieren die Protagonisten den Tod an einem von ihnen und bringen auch das Publikum auf eindringliche Weise dazu, über den Tod nachzudenken. «Wie lange habe ich noch Zeit?» – «Was ist das eigentlich, der Tod?» – «Wo werde ich dann sein, wenn ich nicht mehr da bin?», lauten die Fragen, die pantomimisch, mittels Bildern, Texten und einmal sogar in einem Gesangsstück gestellt und beantwortet werden. «Iwan Iljitsch ist», heisst es einmal, «die Störung, unsere Störung. Seine Krankheit ist ein Zeichen dafür, dass jeder von uns irgendwann einmal krank wird, dass man sterben wird.»

Gegen Ende steigert sich die Todesbeschwörung zu dumpfen Klängen im abgedunkelten Saal zu beklemmender Intensität und geht über in den Monolog eines Sterbenden, der sein Erlebnis auf intensive, zwischen Rätsel und Geometrie oszillierenden Bildern umschreibt, um am Ende zu erwachen, als sei alles nur ein Traum gewesen.

Mit grossem Ernst

Auch wenn das Ganze nicht ohne Längen bleibt, das Spiel dann und wann zu einer gewöhnungsbedürftigen Symbolik Zuflucht nimmt und der Text des Autors und Regisseurs Brusilovsky nicht immer über jeden Zweifel erhaben ist: Dank dem Ernst, dem Engagement und dem Improvisationstalent der drei Darsteller Florentine Krafft, Nico Delpy und Gabriel Schneider findet an dem Abend, der das Premierenpublikum zu lang anhaltendem Beifall hinriss, in den nüchternen früheren Fabrikhallen tatsächlich so etwas wie eine Begegnung mit dem Unvorstellbaren statt.

Weitere Aufführungen in der Vidmar 2 des Stadttheaters bis 16. März 2019 (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.11.2018, 06:35 Uhr

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