Ausweitung der Balzzone

Wie liefert man sich der Nähe aus, ohne sich in den gesellschaftlichen Fallstricken zu verheddern? «Lovepiece» am Auawirleben.

Kein Aufhalten über das Mann-Frau-Ding: Francine Agbodjalou mit Bühnenpartner Julian Meding.

Kein Aufhalten über das Mann-Frau-Ding: Francine Agbodjalou mit Bühnenpartner Julian Meding.

(Bild: zvg/Michelle Ettlin)

Misstrauisch der Blick, abwehrend die Haltung. Da stehen die beiden, halten das Unbehagen aus, das sie offensichtlich empfinden, sich selber und der ganzen Welt gegenüber. Mit ihrer mürrischen Miene signalisieren sie klar, dass sie absolut nicht bereit sind, all das auf sich zu nehmen, was ihnen die Gesellschaft aufzubürden versucht. Zum Beispiel das Geschlecht und die dazugehörigen Rollen. Die beiden wollen sich nicht «labeln» lassen.

Als männlich, weiblich oder schwul. Als weiss oder schwarz. Erst auf den zweiten Blick nimmt man denn auch wahr, dass da ein Mann und eine Frau im Tojo der Reitschule auftreten. So schillernd sind die Attitüden und das Aussehen des Berliners Performers Julian Meding. Und er macht es sich in seiner Androgynität so bequem, als hätte sich der liebe Gott die Sache mit Adam und Eva noch einmal anders überlegt und die X- und Y-Chromosomen neu formatiert.

Über das Mann-Frau-Ding mag sich seine Bühnenpartnerin Francine Agbodjalou aus Stockholm nicht gross aufhalten. Sie wettert dafür gegen all die Auflagen, die ihr in einer Beziehung auferlegt werden, wenn sie denn einmal bereit ist, sich auf jemanden einzulassen. Wortsalven der Empörung feuert die junge Frau ab, die darin gipfeln, dass ihr nach einer Weile immer ihre Art zum Vorwurf gemacht werde. Dass sie zum Beispiel kein Date in ihre Wohnung lasse oder ihrer Familie vorstelle.

Doch wie begegnet man dem andern, wie liefert man sich der Nähe aus, ohne sich in den gesellschaftlichen Fallstricken zu verheddern? Zu dieser Frage liefern die beiden Performer mit ihrer 60-minütigen Etüde Fragmente möglicher Antworten. In seiner Unfertigkeit liegt denn auch der grosse Reiz von ­«Lovepiece», das Julian Meding zusammen mit der Münchner Perfomance-Künstlerin Anta Helena Recke entwickelt hat und nun am Auawirleben zeigt.

Meist wortlos ist die Annäherung: In der kargen Bühneninstallation aus Stangen, Ketten und zwei Hängematten erkunden Meding und Agbodjalou einander wie eine Terra incognita. Mit Kettenschnarren und Körperverrenkungen wird die Balzzone ausgeweitet und dabei auf Berührungen fast ganz verzichtet. Und finden sich einmal kurz zwei Hände, so verrät das atemlose Grapschen die Entdeckung von Unerhörtem, nie Erlebtem. Unterbrochen wird das subtile Game von ein paar Monologen, die auch mal ziemlich bizarr anmuten, wenn Meding zum Beispiel – step by step – verrät, wie er seine Freundin dazu gebracht hat, bei ihm einzuziehen.

Die Freisetzung von viel manipulativer Energie steht aber nicht im Widerspruch zum kompromisslosen Auskundschaften noch nicht bekannter Freiheiten der beiden. Sie ist nur eine in einer ganzen Reihe ungeahnter Möglichkeiten.

Der Bund

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