Aus dem Nichts ins Nichts

Der Schweizer Regisseur Milo Rau tritt als Intendant im belgischen Gent an und rekonstruiert auf der Bühne den «Genter Altar». Mit seinem Team arbeitet er an einem «Stadttheater der Zukunft».

Inszenatorisch grandios gelungen: «Der Genter Altar» auf der Bühne in Gent. Foto: Michiel Devijver

Inszenatorisch grandios gelungen: «Der Genter Altar» auf der Bühne in Gent. Foto: Michiel Devijver

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In der St.-Bavo-Kathedrale im belgischen Gent drängeln sich die Touristen um den weltberühmten Genter Altar. Das 1432 vollendete Polyptychon der Brüder Van Eyck mit der Anbetung des Lamm Gottes als zentralem Motiv ist ein Meisterwerk der Kunstgeschichte.

Nebenan, im frisch renovierten NT Gent, dem belgischen Nationaltheater, ist die Sicht aufs reproduzierte Kunstwerk sehr viel besser. Hier beschäftigt sich gleich eine ganze Inszenierung mit dem einst von den Nazis verschleppten, nach dem Krieg von den amerikanischen Monuments Men geretteten Flügelaltar, auf dem neben dem Lamm in der Mitte und dem thronenden Christus Heerscharen von Anbetern zu sehen sind: Märtyrer, musizierende Engel, Jungfrauen, Pilger.

Wie Gott sie schuf

Im oberen Teil wird das Altarbild von Adam und Eva flankiert, nackt, wie Gott sie schuf. Die Geschlechtsteile bedecken sie schamhaft mit ihren Händen. Nacktfotos von einer farbigen Eva und einem bärtigen Adam mit Migrationshintergrund in derselben Pose prangen lebensgross an der Fassade des Theaters. Adam und Eva heute.

Das ist der Coup von Milo Rau: Zum Einstand als Intendant in Gent bringt der so gefeierte wie umstrittene Schweizer Theatermacher das bedeutendste Kunstwerk der Stadt auf die Bühne. Er re-enactet es, verlebendigt es, stellt es mit dem Blick des 21. Jahrhunderts nach. Und siehe, das Bild ist Fleisch geworden.

Dieser Akt der Kunstaneignung ist allein schon ein lokaler Aufreger. «Der Genter Altar», flämisch «Lam Gods», ist aber auch inszenatorisch grandios gelungen, nicht nur genial ausgeklügelt: ein theatrales Kunstwerk für sich. Alles hängt darin wundersam mit allem zusammen.

An Milo Rau als Regisseur der Zukunft glauben derzeit sehr viele.

Es strahlt Wärme, Würde und eine geradezu kosmische Weisheit aus, und es erfüllt schon jetzt einige der selbst auferlegten zehn Regeln, mit deren Hilfe Rau und sein Team nichts Geringeres als das «Stadttheater der Zukunft» entwickeln wollen. Ein Theater, das freie Produktionsweisen und kollektive Autorschaft zulässt, das international aufgestellt ist und weltweit tourt.

Es geht um produktionstechnische Bestimmungen. Da wird die wörtliche Adaption von Klassikern verboten; in jeder Inszenierung müssen mindestens zwei verschiedene Sprachen gesprochen werden; und mindestens eine Produktion pro Saison muss «in einem Krisen- oder Kriegsgebiet ohne kulturelle Infrastruktur» geprobt oder aufgeführt werden. Es gehe nicht mehr nur darum, die Welt darzustellen, heissts im ersten Gebot, sondern «darum, sie zu verändern. Nicht die Darstellung des Realen ist das Ziel, sondern dass die Darstellung selbst real wird.»

Das ist natürlich eine Anmassung, Zumutung. Wer wünscht sich das Theater derart reglementiert? «Das Genter Manifest ist wie Tanzen mit Handschellen», kommentierte eine Künstlerin. Nun ist Rau weder strenger Moralist noch Dogmatiker. Aber als politischer Kopf und Provokateur weiss er, dass sich anhand expliziter Regeln Dinge viel besser diskutieren lassen.

 Fünf Schafe, ein Hund und eine ganze Schar von Laien bevölkern die Bühne. 

Das Manifest sichert dem 41-Jährigen jedenfalls eine Menge Aufmerksamkeit, auch vonseiten nervöser Stadttheaterintendanten. Manche fürchten in dem Mann einen Theater-Erlöser. Auch das verleiht seinem Genter Start etwas Ereignishaftes. Manifest-Regel Nr. 7 («Mindestens zwei der Darsteller auf der Bühne dürfen keine professionellen Schauspieler sein. Tiere zählen nicht, sind aber willkommen.») wird in «Lam Gods» fast übererfüllt. Fünf Schafe, ein Hund und eine ganze Schar von Laien bevölkern die Bühne.

Dass für die Nachempfindung der einzelnen Altartafeln in Tableaux vivants, lebenden Bildern, Genter Bürger aus allen Milieus gecastet wurden, spricht die Stadtgesellschaft als Ganzes an, bindet sie ein. Kein schlechter (Neben-)Effekt.

Ein bisschen Skandal gehört bei den Doktheater-Recherchen Raus meist auch dazu, von «Breiviks Erklärung» bis zu «Die 120 Tage von Sodom» mit behinderten Darstellern. Im Fall des «Genter Altars» löste im Vorfeld schon die Annonce, in der Rau nach einem belgischen IS-Kämpfer für sein Stück suchte, Ärger aus. Rau hat dann auf den echten Gotteskrieger verzichtet und stattdessen einen verkleideten Theatermitarbeiter als Jihadisten abfilmen lassen.

Milo Rau hält schamlos drauf auf die unschönen Seiten des Lebens, auf Gewalt, Entsetzen, Tod.

Nach zwei Vorstellungen sprang ihm Fatima Ezzarhouni ab, jene Genter Mutter, die im Stück von ihrem Sohn erzählt, der 2013 als Kämpfer nach Syrien ging und dort in der Schlacht um Idlib starb. Die Frau hatte wegen ihrer Teilnahme an der Inszenierung unter so heftigen Anfeindungen aus ihrer Familie zu leiden (vor allem wegen der Nackten auf der Bühne), dass sie einen Rückzieher machte. Jetzt ist nur noch ihre Stimme auf Band zu hören. Sie spielt im nachgestellten Altarbild, das am Ende als buntes Video-Tableau erstrahlt, die links von Jesus sitzende Muttergottes. Und sagt den schönen Satz: «Maria hatte ebenfalls Probleme mit ihrem Sohn.» 

Noch eine ist inzwischen gegangen, schied vor wenigen Tagen freiwillig in Betreuung eines Arztes aus dem Leben: die 82-jährige Leentje Baccaert, die zuletzt auf der Palliativstation eines Genter Hospitals lag und dort für die Aufführung gefilmt wurde. Denn es geht im Stück ums Ganze, um Anfang und Ende, Adam und Eva. Leentje spricht erschöpft, aber lächelnd in die Kamera, und ihr Gesicht leuchtet, wenn ihr Lieblingslied erklingt, Leonard Cohens «Dance Me to the End of Love». Wer den Song kennt, ahnt, welche Wirkung er an so einem Theaterabend tut. Ja, Milo Rau hält schamlos drauf auf die unschönen Seiten des Lebens, auf Gewalt, Entsetzen, Tod. Sein Metier ist der drastische Realismus. Es ist ein Theater des Leids, aber auch des Mitleids.

Rau zoomt die Menschen auf der Bühne ganz nah heran und zieht sie aus

In Gent wird als Symbol für das Lamm Gottes ein Schaf getötet und geschächtet, schreckensgross auf Video, während ein anderes zeitgleich von einem Bauern geschoren wird, leibhaftig auf der Bühne, umkreist von Kindern, die die Schurwolle empfangen wie im eucharistischen Akt. Während der ganzen Szene läuft das traurig-schöne «Agnus Dei» von Samuel Barber. Brutalität und Spiritualität gehen Hand in Hand, so wie auch Realität und Fake, Liebe und Hass.

Rau zoomt die Menschen auf der Bühne ganz nah heran und zieht sie aus, manche sagen: Er beutet sie aus. Einige machen sich buchstäblich nackig für ihn, so das Genter Ehepaar, das als Adam und Eva gecastet wurde und sich vor aller Augen intim liebkost. Auch eine Wassergeburt ist in schmerzvoller Authentizität auf Video zu sehen; der da­zugehörige Vater erscheint auf der Bühne und übernimmt, kein Scherz, den Part von Johannes dem Täufer.

Doch ein Menschenfreund

Sie alle erzählen nicht nur aus ihrem Leben, sondern sagen auch, wieso sie mitmachen, von der muslimischen Theaterputzfrau bis zum Flüchtling aus Afghanistan. Frank Focketyn und Chris Thys des früheren NT-Ensembles befragen die Laien und sich selbst. Dabei herrscht eine so zärtliche, dem andern zugewandte Atmosphäre des Zuhörens, Verstehenwollens, dass der Verdacht des Voyeurismus zerstiebt. Man sieht, fühlt den Humanismus. Am besten, man lässt sich davon warm durchströmen. Wenn nur eine Spur davon zurück- oder abrufbar bleibt, ist schon viel gewonnen.

Milo Rau gibt dem Abend eine nihilistische Rahmung: Wir kommen aus dem Nichts, gehen ins Nichts. Warum sind wir in dem kurzen Moment unseres Aufflackerns nicht wenigstens ein bisschen nett zueinander? Raus Weltsicht mag zutiefst pessimistisch sein. Aber er ist eben doch ein Menschenfreund.

In Gent hat er einen Etat von nur sieben Millionen Euro. Aber die Zuversicht ist gross. Mit Gastspielen, Koproduktionen und Sponsorengeldern werde man schon hinkommen. Der Auftakt ist schon mal geglückt. Atheist Rau ist derweil auf dem Glaubenstrip. Nicht nur produziert er 2019 einen «theatralen Dokumentarfilm» über Jesus. Er wird auch in Salzburg 2020 den «Jedermann» inszenieren. An Milo Rau als Regisseur der Zukunft glauben derzeit viele. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.10.2018, 19:17 Uhr

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