Aus Culture-Clash wird Kabarett

Das Wort Flüchtling kann er nicht ausstehen. Der Syrer Ayham Majid Agha leitet in Berlin das Exil Ensemble und kommt mit dessen «Winterreise» zum Saisonstart nach Zürich.

«Wir sind Überlebende, keine Helden»: Ayham Majid Agha (sitzend) inmitten seines Ensembles. Foto: Ute Langkafel

«Wir sind Überlebende, keine Helden»: Ayham Majid Agha (sitzend) inmitten seines Ensembles. Foto: Ute Langkafel

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Die sieben Theaterleute aus Syrien, Palästina und Afghanistan waren sich uneins über den Namen für ihre Truppe. Schliesslich haben sie sich «Exil Ensemble» getauft, und sogar die «New York Times» berichtete neulich über die neue Formation, die sich da am Gorki-Theater in Berlin gebildet hat. «Traumatisches Ankommen in Kunst verwandeln», titelte sie. Dass dieses Ankommen sich für jeden der sieben unterschiedlich gestaltet hat, ist die vielleicht wichtigste Botschaft der ersten grossen gemeinsamen Arbeit, «Winterreise» (inszeniert von der Israelin Yael Ronen). Das sagt jedenfalls der Oberspielleiter der vorerst auf zwei Jahre projektierten Gruppe, Ayham Majid Agha, im Gespräch vor dem Auftritt am Pfauen. Das Schauspielhaus ist ein Co-Produzent von «Winterreise» – und Zürich eine Station auf dieser buchstäblichen «Er-Fahrung» hiesiger Kultur.

Bei jedem also steckt anderes dahinter, Ayham Majid Agha selbst etwa ist ­offiziell kein Flüchtling. Der 1980 geborene Schauspieler und Theaterprofessor war 2013 zu einem Gastspiel nach Deutschland eingeladen, kam, sah und liebte – verliebte sich in die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die mit elf Jahren nach Deutschland verpflanzt worden war und einen deutschen Pass hat. Auch die zweijährige Tochter der beiden und das wenige Wochen alte Söhnchen – das zwischendurch ins Telefon brabbelt – sind Deutsche. «Ich aber habe meinen syrischen Pass noch immer», sagt Agha. «Ich mache hier genau die gleiche Arbeit wie in Damaskus: Theater. Das Wort Flüchtling schert alle über einen Kamm. Schaut auf die Leute als Individuen!» Darum kann er solche Kategorien nicht ausstehen. Und deshalb war auch die Namensfindung fürs Ensemble – das nur langsam zum Team zusammenwächst – keine einfache Sache.

«Der IS ist ein Witz»

Am Ende gab ein Exil-Gedicht Bertolt Brechts einen Anstoss; es wird während «Winterreise» rezitiert. Die Pfauenbühne mit ihrer legendären Zeit, in der Nazi-Verfolgte, auch Brecht, sich eine temporäre Zuflucht schufen, ist ein Vorbild für die Plattform der entwurzelten Profischauspieler am Gorki.

«Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: / Emigranten. / Das heisst doch Auswanderer. Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss / . . . Wanderten wir doch auch nicht/Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer / Sondern wir flohen . . . / Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da / Aufnahm»

Dass es bald Frieden gibt in seiner Heimat, kann Agha sich allerdings nicht vorstellen. Als der Arabische Frühling begann und auch er sich engagierte, «dachten wir, dass es ein paar Monate lang Unruhen geben würde und, ja, ein paar Tausend Tote. Aber mit einem langjährigen Krieg und Tausenden von Toten und Flüchtlingen hatte keiner gerechnet.» Aus der Revolution sei Krieg geworden. Aghas Mutter ist in Dubai, der Vater in Deutschland, ein Bruder in ­Saudiarabien. Und seine zerstörte Geburtsstadt Deir ez-Zor war lange unter der Kontrolle des IS. Aber der IS sei nicht das Hauptproblem, sondern im Grunde «ein Witz», ist der Syrer überzeugt. Der sei bloss ein Spielball höherer Mächte. Nicht mal der Irak sei derart als Kampfplatz fremder Interessen missbraucht worden. «Assad hat eine neue Generation Waffen und will ­oder soll sie austesten. Frieden ist nicht in seinem Sinn.» Die Kriegsverbrechen seien offensichtlich, die Beweise gesammelt.

Der Theatermann verweist auf Carla Del Ponte, die im August ihren Rücktritt aus der UNO-Untersuchungskommission für Syrien ankündigte, ihren Job als «Alibi-Ermittlerin» schmiss. Sie habe realisiert, dass es gar nicht um Gerechtigkeit gehe. Dass der Westen meine, sich mit einem «Sorry» aus der Verantwortung stehlen zu können wie 2015 Tony Blair, sei himmelschreiend. Und Donald Trump habe weder Ahnung noch Interesse. Sein Fokus sei die Bereicherung. «Der reist durch den Nahen Osten und weiss nicht mal, wo er sich befindet und wer dort regiert.» Wenn nur schon die Waffenlieferungen ins Gebiet ein Ende hätten, sei viel gewonnen.

Im Exil Ensemble lässt man Wut, Trauer und Erinnerungen zu. Und auch davon handelt die – durchaus komödiantisch gefasste – «Winterreise»: Zwei Wochen hatten die Neuberliner mit einem deutschen Kollegen im Bus Städte abgefahren – Dresden, Weimar, München oder eben Zürich. Sie hatten sich gewundert, waren hier geschockt, da amüsiert und hatten das Ganze danach für die Bühne transponiert. Aber von einfachen Zuschreibungen via Herkunft hat man sich trotzdem am Gorki gelöst. Der Exil-Spielleiter ist per se bereits etwas, das er «Super-Mix» nennt: mit einer armenischen Grossmutter, einem iranischen Grossvater und kaukasischem Erbe.

Ein Vorfahr sei der «Adler der Berge» gewesen, Imam Shamil, religiöser und politischer Führer der muslimischen Bergvölker Dagestans und Tschetscheniens im 19. Jahrhundert. «Ich selbst habe keinen Glauben, meine Frau ist Jüdin, die Kinder sollen jede Freiheit haben, sich zu entscheiden. Wir leben 2017!» Sich wegen uralter Geschichten zu bekriegen, die es so schon im Gilgamesch-Epos gab: «Was für ein schlechter Scherz.»

Das Schreckliche wird komisch

Auch ihr Theater soll zeitgemäss daherkommen, weder altbacken Stücke abspulen noch aktivistisches Expertentheater oder Dokinstallationen basteln – dies, obwohl die Ensemblemitglieder in «Winterreise» persönlich Erlebtes auf die Bühne bringen. Entsprechend fasst auch Aghas Drama «Skelett eines Elefanten in der Wüste» syrische Kriegsschrecken – aber der Autor hört dabei auch Heiner Müllers Geister durch den Text wehen. Müller, Beckett, Ionesco: Sie sind Fixpunkte in Aghas dramatischer Fantasie – und in seiner Welt samt ihrer Hitze, dem Hass, der Angst. «Lebt man monatelang ohne Strom und fliessend Wasser, sterben täglich Menschen neben einem, mit denen man eben noch plauderte, und man isst und trinkt und plaudert weiter, dann fühlt sich alles irgendwann absurd an. Das Abnormale, Irre ist die Norm.» An den Checkpoints drohe der Tod, mal werde man kaum beachtet, mal bis ins Letzte durchleuchtet wie ein Marsmensch, und die Gründe dafür seien stets hanebüchen.

«Selbst das Schreckliche wird komisch. Das Adrenalin lässt das Lachen herausspritzen. Aus dieser Erfahrung kommt auch der Ton von ‹Winterreise›», erklärt er das Kabarettistische der Culture-Clash-Tour. Privat hat er Zürich – wo er durch die Arbeit seiner Frau öfter zu Besuch war – auch innereuropäisch als Clash erlebt: Für ihn sei Berlin das pulsierende Zentrum Europas, «so beautiful!» Zürich sei da im Vergleich eher tot und teuer, so teuer, «dass man auf der Bahnhofstrasse einen Helikopter erwartet, der die Kunden abwirft.» Jetzt aber kommt erst mal der Bus mit seinen ­Exilanten in die Limmatstadt oder, wie ­Ayham Majid Agha sagt: «Wir sind Überlebende, keine Helden.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2017, 18:12 Uhr

Zürcher Schauspielhaus

Die Saisoneröffnung

«Winterreise» von Yael Ronen & Exil Ensemble erzählt von einer zweiwöchigen Busfahrt in Deutschland samt Zürich-Abstecher. Ein deutscher Kollege ist als «Vergil» mit von der Partie. Aus den Erfahrungen wurde ein Stück. Pfauen, 16. 9., 20 Uhr. Bis 2. 10.

«Dreigroschenoper» von Bertolt Brecht, Regie: Tina Lanik. Pfauen, 14. 9., 20 Uhr.

«Welches Jahr haben wir gerade?» von Afsane Ehsandar, Uraufführung, Regie: Mélanie Huber. Pfauenkammer, 17. 9., 19.30 Uhr. (TA)

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